POLITIK
30/08/2015 09:33 CEST | Aktualisiert 30/08/2015 10:33 CEST

Was treibt die Schleuser, die Flüchtlinge nach Europa bringen? Ein Experte erklärt es

Getty

Es ist ein unvorstellbares Verbrechen: Vergangene Woche ließen Schleuser einen LKW mit 71 Flüchtlingen auf einer Autobahn in Österreich einfach stehen. Alle starben einen qualvollen Tod, darunter auch ein Kleinkind. Drei Verdächtige sind mittlerweile gefasst und Europa fragt sich: Was treibt die Schleuser, wie können Menschen so etwas tun?

Einer, der das so gut wie kaum ein anderer weiß, ist der italienische Journalist Giampaolo Musumeci. Er recherchiert seit Jahren in den Konfliktzonen der Welt, aus denen sich die Flüchtlinge gerade zu Tausenden auf den Weg nach Europa machen - und er hat ausführlich im Millieu der Schleuser recherchiert. In einem Interview mit der "Welt am Sonntag" erklärt Musumeci jetzt, wie die Schleuser ticken und wie es zur Tragödie in Österreich kommen konnte.

Wie die Schleuser ticken

Die Schleuser sind knallharte Geschäftsmänner. Und eine Tragödie wie in Österreich "ist schlecht für das Geschäft", sagt der Journalist. Denn die Flüchtlinge warnen sich vielfach, wenn es bei einem Schleuser Tote gab. Und dabei geht es nicht um Kleingeld. Mehrere Milliarden Euro pro Jahr nehmen Schlepper ein, schätzen Experten. Allein die Schleuser im Mittelmeer setzten rund 600 Milliarden Euro pro Jahr um, schätzt Musumeci.

Wenn es aber Tote gibt, dann reden sich die Schleuser ein, dass sie am Ende einem guten Zweck dienen, nämlich Menschen zu einem besseren Leben zu verhelfen. "Sie betäuben ihre Selbstzweifel, in dem sie sich zu Helden erklären", sagt Musumeci. Er sagt aber auch: "Als Schleuser muss man brutal sein können."

Wie es zur Katastrophe in Österreich kommen konnte

Musumeci führt die Tragödie auf einen Boom im Schleusergeschäft durch die steigenden Flüchtlingszahlen zurück. Normalerweise, sagt er, sei die Landroute über den Balkan viel sicherer als die Fahrt über das Mittelmeer. Bei der steigenden Nachfrage würden jetzt aber auch Menschen schleusen, die sich nicht auskennen - und nicht wüssten, wie man zum Beispiel verhindere, dass Menschen in Lastwagen ersticken.

Zu den Schleuserprofis, die häufig zu großen Kartellen gehören, kommen jetzt also die Amateure. Die Tragödie ein Österreich wird leider nicht der letzte schlimme Vorfall gewesen sein.

Was die EU gegen die Schleuser tun kann

Genau das, was immer mehr Experten und Politiker auch fordern: Sie muss legale Wege zur Einreise bieten. Das kann einmal die Möglichkeit sein, Asylanträge in den jeweiligen Krisenländern zu stellen. Werden sie abgelehnt, wissen die Flüchtlinge, dass sie wohl keine Chance in Europa haben - das würde viele hoffentlich von einer gefährlichen Flucht abhalten.

Außerdem könnten in Nordafrika Auffanglager eingerichtet werden. Auch dort könnten Flüchtlinge - vor der gefährlichen Reise über das Mittelmeer - Asylanträge stellen. Die aktuelle Situation, sagt Musumeci, helfe nur den organisierten Kriminellen.

Ob die Politik bereit für diese Änderungen ist, werden die nächsten Wochen zeigen. Sie würde aber auf Seiten der EU-Regierungen ein völliges Umdenken erfordern: Weg von der Abschreckung der Flüchtlinge, hin zu einer geregelten Einwanderung. Es fragt sich, wie viele Menschen noch sterben müssen, bis Europa dafür bereit ist.


Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite

Gesponsert von Knappschaft