WIRTSCHAFT
28/08/2015 19:19 CEST | Aktualisiert 28/08/2015 19:19 CEST

Geheimprotokolle des IWF zeigen: Top-Ökonomen warnten schon 2010 vor Griechenpleite

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Schon vor fünf Jahren bezweifelten Ökonomen den Sinn der Griechenland

Griechenland wählt demnächst eine neue Regierung - die sechste seit Ausbruch der Schuldenkrise im Jahr 2010. Die Machthaber in Athen haben gewechselt, aber die Probleme sind dieselben geblieben oder haben sich zum Teil noch verschärft: Turmhohe Staatsschulden, eine niederschmetternde Jugendarbeitslosigkeit, kaum Investitionen in der Wirtschaft.

Und trotzdem: Die Geldgeber der Euroländer, des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Zentralbank (EZB) liehen dem Land in den vergangenen Jahren rund 240 Milliarden Euro - mit dem neuen 3. Hilfspaket könnten es noch 80 Milliarden mehr werden.

Das, so sahen es Experten schon vor fünf Jahren, ist rausgeschmissenes Geld. Das zeigen Protokolle von internen Verhandlungsrunden des IWF. Demnach gab es schon 2010 massive Zweifel, ob das Geld Griechenland aus der Misere hilft. Beim entscheidenden Treffen des IWF im Mai 2010 in Washington, bei dem über die ersten Milliardenhilfen für das Land beraten wurde, waren laut der Nachrichtenagentur "Reuters" fast die Hälfte der anwesenden Top-Ökonomen der Meinung, dass die Hilfsprogramme für Griechenlands nicht helfen werden. Reuters stützt sich auf bisher unter Verschluss gehaltene Protokolle der Sitzung.

"Als viel zu optimistisch" bezeichnete zum Beispiel ein Experte aus Brasilien die Vorhersagen für das griechische Wachstum laut "Reuters". Die geforderten Reformen würden die Wirtschaft im Land abwürgen, warnte ein anderer Experte. Doch die Warnungen schlugen die hochrangigeren IWF-Vertreter aus.

Einer von ihnen, der Managing Direktor John Lipsky, sagte: "Es gibt keinen Plan B. Es gibt einen Plan A und der muss erfolgreich sein." Bedeutet: Sachargumente hatten in der Runde keinen Platz - weil es schon vor den Beratungen keine Alternative gab.

Fünf Jahre später war Griechenland das erste Industrieland in der Geschichte, das einen Kredit an den IWF nicht zurückzahlte.

Die Frage stellt sich: Warum trieben die Entscheider des IWF die Griechenhilfen trotz der Kritik der Experten so vehement voran? Die Antwort haben Reuters-Journalisten in mehr als 20 aktuellen Interviews mit IWF-Vertretern gefunden. Sie lautet: Die Leitung des IWF (Chef war damals der Franzose Dominique Strauss-Kahn) wollten dem europäischen Nachbarn unbedingt helfen - Mitglieder des IWF, die nicht aus Europa kamen, kritisierten diesen Kurs scharf. Das Argument von Strauss-Kahn damals: Er fürchtete, dass eine Griechenpleite ein Ende des Euros bedeuten würde.

Dafür missachtete der IWF auch seine eigenen Regeln. Die besagen unter anderem, dass der Fonds keinem Land Geld leiht, das seine Schulden nicht zurückzahlen kann.

Gegenüber "Reuters" sagte ein Mitglied des IWF jetzt: "Objektiv betrachtet, haben wir Griechenland noch tiefer in die Krise gestürzt. Es ist nicht unser Mandat, Ländern Geld zu leihen, die ihre Schulden nicht zurückzahlen können." Geändert hat sich daran nichts. Griechenland wird neue Milliardenhilfen bekommen; und auch jetzt gibt es viele Zweifler. Gehör finden sie bei den Geldgebern heute wie damals nicht.


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