Lucke: "Es würde mir Genugtuung bereiten, wenn die AfD in der Erfolglosigkeit verschwindet" (HUFFPOST-EXKLUSIV)

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BERND LUCKE
AfD-Gründer Bernd Lucke | Getty
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Wie fühlt es sich an, wenn einem Stück für Stück etwas aus den Händen gleitet, dem man sein ganzes Leben untergeordnet hat? Wie fühlt es sich an, wenn Feinde die Kontrolle übernehmen über etwas, das man von Anfang an aufgebaut hat? Das mit dem eigenen Namen so sehr verbunden ist wie mit keinem anderen?

Was muss passiert sein, wenn man einer Partei, die man geliebt hat, plötzlich nichts mehr wünscht als den Untergang? Ein Gespräch über das Verlieren – mit Bernd Lucke, dem Gründer und ehemaligen Vorsitzenden der AfD.

Huffington Post: Herr Lucke, was war Ihre größte Niederlage?
Bernd Lucke: Das war der AfD-Parteitag im Juli. Nicht mein Sturz, sondern die Tatsache, dass die große Parteimehrheit sich von den politischen Zielen unserer Gründungszeit meilenweit entfernt hatte.

Sie hatte sich nach rechts entfernt.
Ja. Die Buhrufe, die Pfiffe, das höhnische Gelächter als ich in meiner Rede islamfeindliche Äußerungen kritisierte, als ich den Begriff der Pegida-Partei zurückwies, als ich auf das Elend in den Flüchtlingslagern in der Türkei und in Jordanien hinwies. Da war mir endgültig klar: Die AfD ist nicht zu retten. Die rechten Demagogen um Petry, Pretzell und Gauland haben alles im Griff.

Hat Sie das verletzt?
Sagen wir so: Es kam ja nicht ganz überraschend. Diese Strömung gab es seit längerer Zeit und sie hat mehr und mehr Zulauf bekommen. Ich habe immer dagegen angekämpft, zunächst parteiintern und in den letzten Monaten auch öffentlich. Bis zum Schluss glaubte ich, dass das nur eine laute Minderheit ist, und dass die stille Mehrheit der Mitglieder einen gemäßigten Kurs stützt. Aber da habe ich mich geirrt. Als ich das kapierte, war ich mehr schockiert als verletzt. Dass die Partei sich so stark radikalisiert haben könnte, hatte ich nicht erwartet.

Mit anzusehen, wie Ihr Projekt Ihnen vollständig entgleitet, wie hat sich das angefühlt?
Das war sehr schmerzhaft. Ich hatte ja immerhin mehr als drei Jahre meines Lebens dafür geopfert, sie aufzubauen. Und dann zu sehen, dass die Mitglieder mit fliegenden Fahnen zu Leuten wie Frauke Petry überlaufen, die nur mit billigen Parolen daherkommen, das tat weh.

Was fühlen Sie, wenn Sie an Frauke Petry denken?
Natürlich hat ihr Verhalten menschlich Spuren bei mir hinterlassen, aber was ich von ihr persönlich halte, will ich nicht öffentlich sagen. Politisch hat sie eine riesige Fehlentscheidung getroffen, indem sie mit dem rechten Rand paktiert hat, um die Macht ergreifen zu können. Und leider waren ihre Bundesgenossen von rechtsaußen ja auch deutlich mehr als nur ein Rand. Weil sie mich verdrängen wollte, hat sie es in Kauf genommen, dass der gesamte moderate Teil die Partei verlässt. Jetzt hat sie niemanden, auf den sie sich stützen kann, um den rechten Flügel in die Schranken zu weisen. Falls sie das überhaupt will.

frauke petry
Lucke-Gegnerin Petry

Wird Petry auf Dauer Erfolg damit haben, dass sie im rechten Lager fischt?
Schon möglich. Sie ist anpassungsfähig. Wenn sie der Parteibasis weiter nach dem Munde redet und selbst die Stimmung anheizt, wird sie sich halten können. Dann kann sie auch bei Wahlen erfolgreich sein, gerade in der jetzigen Situation. Aber wenn sie der Basis Widerstand leistet und die Partei wieder auf meinen Kurs zurückführen wollte, wird ihr der Laden um die Ohren fliegen.

Würde Ihnen das Genugtuung bereiten?
Hm. Ich hoffe natürlich, dass die Menschen, die die Partei auf diesen verhängnisvollen Weg geführt haben, politisch scheitern. Die ursprüngliche AfD ist tot und sie führen jetzt eine Art Zombie-AfD. Wenn die in der Erfolglosigkeit verschwindet, würde ich schon etwas wie Genugtuung empfinden. Gleichzeitig tut es mir aber leid um die verbliebenen vernünftigen Mitglieder, die soviel Kraft und Zeit und Geld in die Partei gesteckt haben und dann erkennen müssen, dass das alles umsonst war. Wenn die denselben Schmerz erleiden müssen, den ich empfunden habe, kann ich keine Genugtuung empfinden.

Die noch versuchen, etwas zu retten, das eigentlich nicht mehr zu retten ist?
Um die würde es mir leid tun, wenn die AfD untergeht. Man darf nicht nur auf die Leute gucken, die jetzt hochgespült wurden. Man muss auch an die guten und treuen Mitglieder denken, die soviel geopfert haben.

Was haben Sie aus der Niederlage gelernt?
Zwei Dinge. Erstens möchte ich positiv hervorheben, dass es in der AfD eben auch viele gute, kluge, anständige Menschen gab, die bis zum Schluss loyal blieben und zu unseren politischen Zielen standen. Viele sind mit mir ausgetreten und wir arbeiten jetzt sehr harmonisch in Alfa zusammen. Manche sind aber mit Bauchgrimmen noch in der AfD geblieben und werden wohl erst in den nächsten Monaten zu uns stoßen.

Und zweitens?
Etwas Negatives: Dass es Menschen gibt, die mit einer ganz anderen Motivation in eine Partei gehen als der, die ich persönlich und viele mit mir hatten: nämlich der, Dinge politisch zu verändern. Dass eine neue Partei Hochstapler, Wichtigtuer, Intriganten, Querulanten und Karrieristen anzieht, die sich ständig in den Vordergrund drängen. Dass sie das oft sehr geschickt tun und damit den Blick auf die bescheideneren Einfachen verstellen und sie für ihre eigenen Zwecke missbrauchen. Es macht mich richtig wütend, wenn ich an manche Leute in der AfD denke, die bis zum heutigen Tag unsäglich viel Schwierigkeiten machen und damit den redlichen Mitgliedern so viel Mühe, Arbeit und Enttäuschung bereiten.

Und dennoch haben Sie immer die ganze Partei verteidigt, also auch diese Leute.
Ja, das muss man als Parteisprecher tun, wenn einem die Medien feindlich gegenüberstehen. Leider wollen viele Medien immer gleich skandalisieren und schließen dann von Negativfällen auf die ganze Partei zurück. Ich musste und wollte die "guten" Parteimitglieder da vor Rufschädigung schützen.

Bereuen Sie, die AfD gegründet zu haben?
Nein. Ich bereue nur, was aus der AfD geworden ist.


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