POLITIK
27/08/2015 21:33 CEST | Aktualisiert 28/08/2015 09:13 CEST

Liebes Facebook, du bist mitschuld am braunen Mob, wenn du mehr Angst vor nackten Brüsten hast als vor rechten Schlägern

dpa

Liebes Facebook,

wir haben ein Problem. Eines, das nicht nur mich und dich betrifft, sondern auch das ganze Land in dem ich lebe.

Es betrifft dein vollkommen schräges Verständnis von Meinungsfreiheit, das täglich die Gesetze in Deutschland verletzt – und nebenbei dazu beiträgt, die politische Kultur in diesem Land zu vergiften.

Ich meine die Kommentare von rechten Hassfratzen. Viele tausend Idioten in diesem Land verbreiten mit deiner Hilfe ihre ekelhaften Gewaltphantasien.

Täglich geschehen Straftaten auf Facebook

Es geht hier im Straftaten, die tagtäglich in deinen Kommentarspalten passieren. Mordaufrufe, Aufforderungen zur Gewalt, Volksverhetzung. Das ist alles andere als harmlos. Du, Facebook, trägst eine Mitschuld daran, dass sich die politische Stimmung in den vergangenen Monaten immer weiter radikalisieren konnte.

Beispiele gefällig?

Mal wünschen sich diese Kriminellen den Aufbau von neuen Konzentrationslagern.

In den ersten sechs Monaten dieses Jahres attackierten Rechte in Deutschland beinahe täglich Unterkünfte für...

Posted by DER SPIEGEL on Donnerstag, 30. Juli 2015

Oder sie rufen direkt zu Brandanschlägen auf Asylbewerberheime auf.

"Es müssen mehr Asylheime brennen"

Posted by Perlen aus Freital on Sonntag, 26. Juli 2015

Es gibt Menschen, die betenden Muslimen „von hinten in den Arsch ficken“ wollen.

Andere loben Prämien für die Ermordung von Asylbewerbern aus: Der Tod einer Frau werde mit "18 Euro“ vergolten, der eines „schwarzen Mannes“ mit „88 Euro“.

Und ein Mitbürger möchte gern den „Gashahn in Auschwitz“ wieder aufdrehen.

Wenn im öffentlichen Raum Straftaten geschehen, sprechen Medien und Politiker schnell von „Brennpunkten“. Da werden Bahnhofsvorplätze mit täglichen Razzien von Dealern und Junkies „gesäubert“ (wie zum Beispiel in München), oder ganze Gegenden zu Verbrechensschwerpunkten erklärt – wie etwa der Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg oder die Reeperbahn in Hamburg.

Oft übrigens ohne den gewünschten Erfolg. Denn Kriminalität verlagert sich an andere Orte, wo die Polizei weniger präsent ist und die Politik wegsieht.

Im Netz ist das anders. Denn du, Facebook, bist der eine zentrale Sammelplatz, auf dem sich Menschen aus aller Welt treffen und diskutieren. Weder Twitter noch Snapchat erreichen ähnlich viele Nutzer wie du. Wenn jemand in deiner Vorstandsetage endlich dem braunen Treiben ein Ende machen würde, dann hätten die Nazis in diesem Land ein Reichweitenproblem.

Sie könnten zwar auf andere Plattformen ausweichen, ja – aber sie würden dort viel weniger Menschen erreichen.

Facebook wird zum Umschlagplatz für rechte Ideen

Stattdessen geschieht: nichts. Obwohl viele Tausend Seiten regelmäßig wegen Verstoße gegen die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland gemeldet werden, geht das Hassen unvermindert weiter. Und Facebook droht zu einem dunklen Ort zu werden, an dem man immer häufiger mit menschenverachtendem Geistesdreck konfrontiert ist.

Damit machst du dich zum Komplizen. Du steckst mit den Verbrechern unter einer Decke, die in ganz Deutschland zu Gewalttaten aufrufen. Sascha Lobo hat dies vor einigen Tagen auf „Spiegel Online“ treffend zusammengefasst.

„Hier spielt Facebook eine unselige Rolle. Immer wieder werden Beschwerden laut, dass eindeutige Hassreden und Gewaltaufrufe nicht gelöscht würden, weil sie nicht gegen die "Community-Standards" verstoßen würden“, schrieb Lobo. „Die gemeldeten, aber ungelöschten Hasskommentare sind nur die sichtbare Spitze des Problemeisbergs: Es geht um Entstehung, Organisation und Befeuerung von Hassgemeinschaften in sozialen Medien.“

Das Einschlagen von Flüchtlingsschädeln entspricht den "Gemeinschaftsstandards"

Das Medienmagazin DWDL hat kürzlich ein Posting gemeldet, in dem ein rechter Fanatiker schrieb, dass Asylbewerber „mit einem Loch im Hinterkopf“ seiner Meinung nach „wenigstens als Nistkästen“ zu gebrauchen seien. Die Antwort: „Wir haben die von dir wegen Hassbotschaften gemeldete Seite geprüft und festgestellt, dass sie nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards verstößt.“

Was mich endgültig sprachlos macht, ist deine rigide Löschungspolitik gegen alles, was auch nur im Entferntesten mit Nacktheit zu tun hat.

Bei Nacktheit sind die Facebook-Wächter alarmiert

Im Jahr 2013 wurde die Seite eines französischen Museums gesperrt, weil dort ein Aktfoto aus den 40er-Jahren veröffentlicht wurde.

Auf Instagram, das auch zu deinem Imperium gehört, protestierten vor einigen Monaten viele prominente Frauen gegen dein verklemmtest Verhältnis zum weiblichen Körper – darunter Madonna und Scout Willis.

Und erst kürzlich stelle der WDR-Reporter Stefan Domke fest, wie schnell ein Bild, auf dem Nippel zu sehen waren, von seiner eigenen Seite gelöscht wurde.

Wenn Facebook ein Mensch wäre, ich würde es mit ihm nicht in einem Raum aushalten

Das alles ist nur noch bigott.

Im Ernst, Facebook: Wenn du, Facebook, ein Mensch wärst, ich würde es keine fünf Minuten mit dir in einem Raum aushalten.

Wer bei weiblichen Brüsten und männlichen Penissen hysterisch herumkreischt und die ekelhaften Gewaltphantasien rechter Schläger okay findet, der hat ein ernsthaftes Problem mit der Natur des Menschen.

Und mit dem Gesetz. Aber da nicht nur Joko und Klaas, sondern auch Bundesjustizminister Heiko Maas das Problem erkannt haben, könnte sich daran vielleicht bald was ändern. Hoffentlich.


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