POLITIK
27/08/2015 13:34 CEST | Aktualisiert 27/08/2015 13:36 CEST

Flüchtlingsstrom vom Balkan: Diese 5 Probleme muss Europa jetzt anpacken

Getty Images

Tausende Flüchtlinge versuchen derzeit über die Balkanroute nach Deutschland und in andere EU-Staaten zu gelangen. Das Fernsehen zeigt Bilder von verzweifelten Kriegsflüchtlingen aus Syrien und anderen Krisenstaaten, die durch Polizeiketten an den Grenzen brechen. Doch die Hälfte der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, stammen nicht aus Kriegsgebieten, sondern aus den Balkanländern.

Kanzlerin Merkel berät derzeit auf der Westbalkan-Konferenz über die wachsende Zahl der Asylanträge von Menschen aus dieser Region. Es soll ein Notfallplan her, um das Problem in den Griff zu bekommen. Zur Konferenz in der österreichischen Hauptstadt Wien werden die Regierungschefs aus Mazedonien, Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Montenegro und Serbien erwartet. Im laufenden Jahr stammten fast 45 Prozent aller Asylanträge in Deutschland von Menschen aus diesen sechs Balkanstaaten.

Von Flüchtlingsgegnern werden sie gemeinhin als Wirtschaftsflüchtlinge und Sozialschmarotzer beschimpft. Nach deutschem Recht kommen sie aus sicheren Herkunftsländern - und haben damit kein Recht auf Asyl.

Aber warum kommen ausgerechnet so viele Flüchtlinge aus dem Balkan? Hier sind fünf Ursachen, die Europa angehen muss.

1. Einige Balkanländer stecken in politischen Krisen

Mazedonien etwa steht am Rande eines Bürgerkriegs. Das arme Land steckt seit Jahren in einer tiefen politischen Krise. Die wirtschaftlichen Probleme werden dadurch noch schlimmer. Die EU versucht zurzeit, zwischen den bitter verfeindeten Lagern zu vermitteln.

Auch in Montenegro ist die politische Lage unsicher - vor allem in Norden. Dort fühlt sich die Minderheit der Bosniaken von der Zentralregierung unterdrückt. Nach Zählungen lokaler Experten haben deshalb im ersten Halbjahr 6200 Menschen Nordmontenegro meist in Richtung Deutschland verlassen.

2. Diskriminierung und Hass gegen Sinti und Roma

Sinti und Roma werden deswegen in Frankreich als "gruppenspezifisch Verfolgte" anerkannt - in Deutschland nicht. Die Gruppe macht einen Großteil der Flüchtlinge aus der Region aus.

In Ungarn, Frankreich, Bulgarien und Italien sind sie rassistischem Hass ausgesetzt - von Politikern genauso wie aus der Mitte der Bevölkerung. Auch Gewalttaten gegen die Minderheit kommen vor. Viele von ihnen verlassen ihre Heimat aus purer Not - ohne Diskrimierung würden sie dort bleiben, heißt es aus dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma.

3. Katastrophale wirtschaftliche Lage

Hohe Arbeitslosigkeit, kaum Wachstum und Investitionen: Die wirtschaftliche Lage auf dem Balkan ist katastrophal. Der Durchschnittslohn in Mazedonien liegt etwa bei 350 Euro - und damit noch niedriger als in China, berichtet die "Welt" mit Bezug auf die Stiftung Wissenschaft und Politik. Die Flüchtlingskrise könne man nur lösen, wenn sich die wirtschaftliche Lage in der Region verbessere, heißt es demnach.

In anderen Ländern sieht es nicht besser aus. In Albanien ist der Grund für die Migrationswelle die "unverändert schlechte wirtschaftliche und soziale Lage", heißt es aus dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

4. Fatale Versäumnisse in Brüssel

Besser spät als nie: Die EU-Kommission will die Staaten des Westbalkans und die Türkei jetzt mit acht Millionen Euro unterstützen. Das Geld soll den Staaten helfen, Flüchtlinge zu identifizieren und besser zu versorgen. Dem Voraus geht aber eine lange Liste der Versäumnisse aus Brüssel.

Mazedonien hält die EU seit Jahren mit der Aussicht auf einen Beitritt hin. Selbst Pro-Europäer verlieren langsam aber sicher die Zuversicht, dass ihr Land einmal dem Staatenbund angehört. Das treibt sie zu Tausenden in die Flucht, weil sie sich ein besseres Leben in einem EU-Staat erhoffen. Die Strahlkraft von Ländern wie Deutschland und Österreich ist - im Kosovo etwa ist der Anteil der deutschsprachigen Bevölkerung vergleichsweise hoch. Und damit auch die Hoffnung auf ein vermeintlich besseres Leben.

5. Vor allem Jugendliche verlieren die Hoffnung

Sie haben kein Vertrauen in Parteien, Parlamente und Regierungsorganisationen - und schätzen ihre politische Zukunft pessimistisch ein: Wegen Arbeitslosigkeit, Armut und Unsicherheit in ihren Ländern wollen viele Jugendliche aus dem Balkan auswandern.

Das ist das alarmierende Ergebnis einer Studie der Friedrich Ebert Stiftung, die im Juli diesen Jahres veröffentlicht wurde. Die Studie baut auf repräsentativen Befragungen von 14 bis 29-jährigen auf. Demnach sind es in Albanien 67, im Kosovo 55, in Mazedonien 53 und in Bosnien-Herzegowina 49 Prozent, die die Absicht haben, ihr Land zu verlassen.


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