POLITIK
25/08/2015 19:31 CEST | Aktualisiert 26/08/2015 14:49 CEST

Ihr "Asylkritiker": Eure "Ja, aber..."-Kultur kotzt mich an

Getty Images

Es gibt Sätze, die schon falsch sind, bevor sie zu einem Ende kommen. Mit Worten, die so brutal dumm klingen, dass man nicht mehr zuhören mag.

Im Jahr 2015 ähneln sich diese Sätze gewaltig. Wütende Großmütter in Freital benutzen sie, „besorgte Bürger“ in Heidenau oder Mitmarschierer in Tröglitz, Dresden und oder Leipzig.

Erst kürzlich geschehen unter einem Text der Huffington Post über einen unsäglichen Vorfall in einer Berliner S-Bahn. Ein Rechtsextremer begann, zwei ausländisch aussehende Kinder anzupinkeln.

Einfach nur widerlich.

Posted by Huffington Post Deutschland on Montag, 24. August 2015

In den Kommentaren: viel Empathie und Entsetzen über die Tat. Aber eben auch Stimmen, die sofort versuchten das Geschehene zu relativieren. "Ist widerlich solch Verhalten. Wünsch mir aber auch von Euch Posts über Gewaltverbrechen von Asylanten", kommentiert ein Nutzer. Ein anderer schreibt: "Das ist unmenschlich , aber genau so unmenschlich ist wenn eine Frau von einem Asylanten vergewaltigt wird."

Oder noch schlimmer: "wieviele ausländer haben hier schon bundesdeutsche ermordet...sogar schwangere junge frauen.....dagegen ist das nur ein kavaliersdelikt...!"

Und jedem normal denkenden Menschen sollte an dieser Stelle der Bullshit-Detektor Alarm schlagen. Denn was nach dem „Aber“ kommt, ist fast immer ausländerfeindlich. Danach kann man sich die innere Uhr stellen.

Deshalb nochmal in aller Deutlichkeit: Nein, es gibt kein aber. Ein Rechtsextremer, der auf Kinder uriniert, ist widerlich. Punkt. Aber das werden diese Menschen nie so stehen lassen können.

Für dieses Phänomen gibt es einen Fachbegriff: „Whataboutism“.

Er beschreibt eine so genannte „Zersetzungstechnik“, die in den 80er-Jahren in der Sowjetunion entwickelt wurde. Durch Fragen, die stets mit „Und was ist mit...“ begannen, sollte die öffentliche Diskussion über politische Fragen in westlichen Ländern zum Stillstand gebracht werden.

Der „Economist“ nennt als Beispiel dafür die Debatte um das Reaktorunglück in Tschernobyl. Damals habe die Sowjet-Führung lanciert, dass es ja 1979 auch das Reaktorunglück in Harrisburg gegeben habe. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Tschernobyl wurde auch nicht besser dadurch.

Aber „Whataboutism“ ist auch gar nicht für eine sachliche Diskussion konzipiert. Wer Sätze mit „Und was ist mit...“ anfängt, unterstellt meist, dass die andere Seite eine moralisch fragwürdige Position habe, die es durch Vergleiche zu relativieren gelte.

Insofern – und das ist erstaunlich – unterscheiden sich viele Ausländerfeinde von heute nicht sonderlich von den Putin-Verstehern des Jahres 2014. Auch die gefälschten Berichte über angebliche Straftaten durch Asylbewerber tragen die Handschrift der russischen Propaganda.

"Ich bin kein Nazi, aber Ausländer sind Schmarotzer"

Einer Ausprägung dieses Phänomens begegnet man besonders oft: "Ich bin kein Nazi, aber..." Was dann kommt, wissen wir nur zu gut: Fremdenfeindliches Geschwafel.

Welcher verfassungstreue Bürger hätte es schon nötig, sich vorsorglich von Nazis und Rassisten zu distanzieren, um seine Meinung kund zu tun? Meist ist das nichts weiter als eine dürftige Rechtfertigung. Ein selbst ausgestellter Persil-Schein für den folgenden verbalen Exzess. Ein Alibi für das Attentat auf die Menschenwürde. Eine Ablenkung vom Beweis der eigenen Dummheit.

Meist sogar noch unter dem weinerlich vorgetragenen Verweis darauf, dass die Gesellschaftsmehrheit der „Gutmenschen“ auf infame Art die Meinungsfreiheit einschränke und die „besorgten Bürger“ nicht zu Wort kommen ließe.

Andererseits jedoch hält das die angeblich so eingeschüchterten Freigeister nicht davon ab, gegenüber Schwächeren und Hilfsbedürftigen eine große Klappe zu führen, zu pöbeln, zu hetzen.

Deutsche Fremdenhasser sehen sich gern selbst als Opfer

Der teutonische Ausländerfeind sieht sich seit jeher eben gern als verfolgtes Opfer. Das ändert aber nichts an der Hässlichkeit seines Denkens. Im Gegenteil, das macht es noch erbärmlicher.

Halten wir fest: Wer fremdenfeindlich daher redet, ist fremdenfeindlich. Punkt.

Ob jemand nicht „Nazi“ oder „Rassist“ genannt werden will, ist dabei absolut zweitrangig. Forrest Gumps Mutter sagte einst: „Dumm ist der, der Dummes tut“. Dem ist bis heute nichts hinzuzufügen.

Leider ist die Masse derer, denen der Sinn für den eigenen Bullshit verloren gegangen ist, sehr groß. Die „Ja, aber...“-Kultur greift mittlerweile um sich. Und sie zeigt sich in ganz verschiedenen Ausprägungen.

Da wären jene (meist Sächsisch sprechenden) Zuschauer von Ausschreitungen, die regelmäßig den TV-Teams des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vor die Kamera laufen. Tenor: Ich bin kein Rassist, aber das wird man wohl ja noch sagen dürfen.

Meist handelt es sich dabei dann um ein übel stinkendes Gebräu aus Vorurteilen über angebliche Verbrechen, Ordnungswidrigkeiten und sonstigen Missetaten, die mit der Herkunft der Beschuldigten in Zusammenhang gebracht wird.

Beispiel: Jener Pegida-Demonstrant, der in diesem Video (ab 0:50) bestreitet, ein Nazi zu sein. Nachdem er Kriegsflüchtlinge als „Schmarotzer“ bezeichnet und ihnen Alkoholismus und Faulheit unterstellt hat.

Eine weitere häufig auftretende Gruppe ist die der besorgten Alltagsversteher. Jene Leute, die mit buschkowskyhaftem Blick ihre Umgebung beobachten und dabei Missstände entdecken, die „denen da oben“ schon seit langer Zeit aus lauter Arroganz am Gesäßrand vorbei gehen.

Beispiel: Die Sachbuch-Autorin Katja Schneidt, die in einem viel beachteten Facebook-Posting gegen den sich in Flüchtlingsfragen engagierenden Til Schweiger schimpfte. „Was wissen Sie, über die Sorgen und Nöte des Otto Normalbürgers?“, schrieb sie.

Der Schauspieler habe keine Ahnung, wie es sich anfühlt, die Kinder morgens um sieben pünktlich in die Kita zu bringen. Oder wie es ist, nicht zu wissen, wo das Geld für die Weihnachtsgeschenke herkommt.

Fühlte sich da jemand erwischt?

Die Tirade, mit der sie Schweiger letztlich das Recht absprechen will, ein sorgender Vater oder ein erdverbundener Bürger dieses Landes zu sein, gipfelte in dieser verräterischen Bemerkung: „Nicht jeder der sich Sorgen um Deutschland macht und dies auch offen ausspricht, ist gleich ein Nazi. Wann fangen die Menschen endlich wieder an zu differenzieren?“ (...)

Es gibt aber auch die Menschen, die anderen Kulturen gegenüber durchaus aufgeschlossen sind aber trotzdem große Angst vor dem haben, was in unserem Land passiert. Es ist eine Schande, diese Menschen mit Nazis in einen Topf zu werfen!“

Da fühlte sich die Autorin von mehreren kulturkritischen Büchern über die muslimische Gesellschaft wohl ertappt.

Lieber Til Schweiger.ich schätze sie sowohl als Schauspieler, wie auch als Mensch sehr. Ebenso wie sie, verurteile ich...

Posted by Katja Schneidt on Mittwoch, 29. Juli 2015

Begegnen kann man diesen Leuten vor allem mit Empathie. Und mit einem klaren Blick auf das Grundgesetz.

Es könnte so einfach sein: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Kein Aber.

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