POLITIK
21/08/2015 18:57 CEST | Aktualisiert 21/08/2015 19:02 CEST

4 Gründe, warum schlichte Lautsprecherdurchsagen in Korea Krieg bedeuten

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4 Fakten, die ihr über den "Baschallungskampf" zwischen Nord- und Südkorea wissen solltet.

Es klingt einigermaßen absurd: Zwei Staaten feuern aufeinander, weil sie sich an den Lautsprecherdurchsagen des Nachbarn stören. So geschehen diese Woche in Nord- und Südkorea.

Außerdem stellte Nordkorea Südkorea ein Ultimatum, übermittelt per Brief: Die Lautsprecherübertragung solle gestoppt und alle damit verbundenen Gerätschaften innerhalb von 48 Stunden nach der Ankunft des Briefes (17 Uhr am 20. August) entfernt werden. “Wenn den Forderungen nicht nachgekommen wird, könnte das militärische Konsequenzen nach sich ziehen.”

Um diesen Konflikt nachvollziehen zu können, muss man ein paar Dinge verstehen:

1. Die Wiederaufnahme “psychologischer Kriegsführung” nach elf Jahren

Lasst uns zuerst einmal einen Blick zurück auf die Entwicklungen der Situation in den letzten Tagen werfen.

  • Am 4. August wurden zwei südkoreanische Soldaten durch Landminen in der entmilitarisierten Zone zwischen den beiden Staaten verletzt. Der Süden macht dafür den Norden verantwortlich.
  • Am 10. August nahm das südkoreanische Militär die Beschallung Nordkoreas per Lautsprecherübertragung im Grenzgebiet wieder auf. Es war das erste Mal seit Abschluss eines entsprechenden Abkommens im Juni 2004, dass der Süden die Lautsprecheranlage als psychologische Waffe gegen Nordkorea eingesetzt hat. Süd- und Nordkorea haben im Juni 2004 bei einem Treffen der obersten Militärs ein Abkommen geschlossen, die Lautsprecherbeschallung zu beenden.
  • Am 13. August erklärte der Staatssekretär des südkoreanischen Verteidigungsministeriums der Vollversammlung, dass neben der Lautsprecherbeschallung noch weitere Konsequenzen in Betracht gezogen würden.
  • Am 15. August drohte der Chef der nordkoreanischen Arbeiterpartei mit “wahllosen Angriffen, wenn Südkorea die Übertragung nicht einstelle”.
  • Am 17. August berichtete das südkoreanische Militär, dass nun auch Nordkorea wieder die Beschallung gegen Südkorea aufgenommen habe, und zwar im östlichen Grenzgebiet.
  • Am 19. August, einen Tag bevor Nordkorea in die entmilitarisierte Zone feuern ließ, hieß es bereits, dass der Norden für einen Angriff auf die Lautsprecheranlagen aufrüste.
  • Die militärische Anspannung erreichte ihren Höhepunkt. Nach Angaben des südkoreanischen Verteidigungsministeriums, feuerte Nordkorea erst um 15.53 Uhr mit 14,5 Millimeter Artilleriegeschoss. 19 Minuten später, um 16.12 Uhr ging das Militär Nordkoreas dazu über, in unregelmäßigen Abständen 76,2 Millimeter große Granaten in der entmilitarisierten Zone zu zünden. Einige explodierten nur etwa 700 Meter vor der südkoreanischen Grenze. Um 17.04 Uhr (exakt eine Stunde und elf Minuten nach den ersten Schüssen Nordkoreas) antwortete das südkoreanische Militär und feuerte mehrere Dutzend 155 Millimeter-Granaten in die entmilitarisierte Zone Nordkoreas. Einige explodierten nur 500 Meter von der nordkoreanischen Grenze entfernt.


2. Kim Jong Un fürchtet die Botschaften in den Durchsagen

Derzeit vermutet Südkorea, dass die Beschallung der Hauptgrund für den plötzlichen Angriff Nordkoreas war. Das Ultimatum, das kurz nach dem Beschuss eintraf, unterstützt diese These. Aber die Frage ist: Warum ist Nordkorea so empfindlich, wenn es um die Beschallung geht?

Die Lautsprecherdurchsagen sind eine taktische Waffe, die in der psychologischen Kriegsführung eingesetzt wird. Die Beschallung soll die Korruption der nordkoreanischen Regierung und des Regimes aufdecken.

Ein weiteres Problem für Nordkorea ist, dass die jüngsten Anti-Nordkorea-Übertragungen Inhalte verbreiteten, die das Regime von Kim Jong Un als höchst brisant empfinden dürfte. Die südkoreanische ZeitungChosun Ilbo schreibt: “Die Übertragungen enthalten jetzt mehr Informationen als früher und berichten auch von Exekutionen hochrangiger Militärs. Es sind die Art von Nachrichten, die die nordkoreanische Zivilbevölkerung normalerweise nie erreichen würden. Berichte über die Überlegenheit der freien Demokratie, Nachrichten aus aller Welt, Wetter, Musik, etc.”

Die Offiziere des südkoreanischen Militärs glauben, dass der Einsatz dieser Art der psychologischen Kriegsführung sehr effektiv gegen Nordkorea ist. Laut Chosun Ilbo sagte eine anonyme Quelle: “Aus Kim Jong Uns Perspektive sind die Lautsprecher eine der größten Bedrohungen und eine Beleidugung für sein Regime, weil es Korruption in drei Generationen der Kim-Dynastie und ihrer Regime entlarvt.” Kurzum, Nordkorea sieht die Lautsprecher als direkte Bedrohung und Kriegsprovokation.

3. Die Beschallung reicht viel weiter als früher

Nach Angaben von KBS News sind die Übertragungen aus den stationären Lautsprecheranlagen nachts bis zu 24 Kilometer und tagsüber bis zu zehn Kilometer weit hörbar. Das bedeutet, nordkoreanische Zivilisten, die in der Nähe der entmilitarisierten Zone wohnen und die Soldaten, die in unmittelbarer Nähe stationiert sind, können die übertragenen Nachrichten wahrscheinlich verstehen.

Außerdem gibt es Berichte, dass Südkorea bei der Wiederaufnahme der Beschallung auch neue, mobile digitale Lautsprecher mit einer viel größerenReichweite in Betrieb genommen habe. Wie Yonhap News am 13. August berichtete, sollen die Lautsprecher auch tagsüber Menschen in 20 Kilometern Entfernung erreichen. Weil die neuen Lautsprecher außerdem auf der Ladefläche eines Transporters transportiert werden können, können sie leichter vor feindlichem Beschuss geschützt werden.

4. Südkoreas Militär reagierte so heftig, um sich selbst zu schützen

Die Reaktion Südkoreas auf den Landminenzwischenfall war ungewöhnlich. Das südkoreanische Militär hat nicht nur den Ort der Explosion am 9. August für die Medien zur Besichtigung freigegeben, es hat auch Bilder und sogar Videos von der Explosion veröffentlicht.

Laut der Zeitung "The Kyunghyang Shinmun" war es das erste Mal seit 1953, dass das südkoreanische Militär seine Richtlinien im Bezug auf die entmilitarisierte Zone in den Medien offenlegte.

Einige sagen, das Militär versuche nur, möglicher Kritik vorzubeugen. Denn Medienberichten nach hatte das Militär trotz einiger deutlicher Zeichen für ungewöhnliche Aktivitäten seit Ende letzten Jahres nur abgewartet, sich passiv verhalten. Auch die Gesetzgeber rügten das Militär für seine laxen Kontrollen des Grenzgebiets.

Natürlich ist es möglich, dass das Militär Südkoreas den Landminenzwischenfall wirklich sehr ernst nimmt. Verteidigungsminister Han hat den Ort der Detonation besucht und erklärte, das sei “ein klarer Akt der Provokation und Missachtung des Friedensabkommens der beiden Länder.” Nach Angaben der Zeitung "Hankook Ilbo" war es die erste Detonation einer Landmine im Grenzgebiet seit 48 Jahren.

Die Spannungen, die durch die Landmine und die erneute Lautsprecherübertragungen entstanden sind, werden vermutlich eine Weile dauern. Nordkorea bestreitet jeglichen Beschuss und besteht auf “seine ihm zustehende Rache”.

Die Frage ist, ob eines der Länder etwas in der Hinterhand hat, um die Situation zu entschärfen. Nordkorea fordert die Demontage der Lautsprecher, aber es ist unwahrscheinlich, dass die Regierung Südkoreas diese ohne klaren Grund entfernt. Mit anderen Worten: Die Situation ist brenzlig.


Dieser Text erschien ursprünglich bei der Huffington Post Korea und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet.


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