POLITIK
19/08/2015 05:19 CEST | Aktualisiert 19/08/2015 07:43 CEST

Schweiger beleidigte den CSU-Generalsekretär bei "Maischberger" - man kann ihn dafür verstehen

GEtty
Til Schweiger

Die Flüchtlingsfrage sei ein "Jahrhundert-Problem", schieb Journalist Heribert Prantl kürzlich in einem Kommentar für die "Süddeutsche Zeitung".

Talkshows sind in der Regel nicht dafür geeignet, Jahrhundert-Probleme zu lösen. Und doch entwickelte sich am Dienstagabend bei Sandra Maischberger im Ersten eine lebendige Diskussion darüber, wie Deutschland mit den vermutlich mehr als 650.000 Menschen umgehen soll, die in diesem Jahr bei uns Asyl suchen.

Das lag vor allem an der hochkarätig besetzten Runde: Neben Schauspieler Til Schweiger und TV-Journalistin Anja Reschke waren auch noch Publizist Roland Tichy, CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer und Linkspartei-Politikerin Sevim Dagdelen zu Gast.

Das waren die Positionen der Gäste:

Til Schweiger, Schauspieler und Produzent

Der Schauspieler hatte selbst für seine Verhältnisse einen krawalligen Tag erwischt. Er war per Video in die Sendung zugeschaltet. Maischberger fragte ihn, ob er von den Reaktionen überrascht gewesen sei, die er auf seinen Hilfsaufruf für Hamburger Flüchtlinge vor einen Monat erhalten habe.

„Wenn Du einen Spendenaufruf für einen Soldaten veröffentlichst, kriegst du genauso auf die Fresse. Aber die Vehemenz hat mich schon überrascht“, so Schweiger.

Früher hätten Leute mit „Batman-Profilbild“ Hasskommentare geschrieben, also im Schutze der Anonymität. „Heute schreiben Leute: ‚Der Wind hat sich gedreht, jetzt sind wir dran’.“

Und gleich darauf attackierte er CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, der bei Maischberger auf dem Podium saß. „Es gibt viele Politiker, die denen das Gefühl geben, dass sie Recht haben. Wenn man auf Wählerfang am rechten Rand geht, macht man so etwas salonfähig. Das ist ein Spiel mit dem Feuer.“

Es entwickelte sich eine kurze Fehde mit dem bayerischen Politiker. Schweiger machte ihm deutlich, dass er Scheuer von nun an „beobachten“ werde, nachdem dieser abstritt, zu wenig gegen Fremdenfeindlichkeit zu tun.

In der Hitze des Gefechts sagte er Scheuer: „Sie gehen mir auf den Sack!“ Später entschuldigte sich Schweiger dafür.

Als Scheuer dann noch von Schweiger wissen wollte, wie es um sein geplantes Flüchtlingsheim bestellt sei (wohl wissend um die Diskussion, die es in den vergangenen Tagen darum gab), platze Schweiger endgültig der Kragen. „Ihr süffisanter Blick ist so geil, weil sie mich jetzt vorführen wollen“, blaffte er Scheuer an.

Dann kündigte Schweiger die Gründung einer Stiftung an, in deren Beirat SPD-Chef Sigmar Gabriel, Springer-Vorstand Matthias Döpfner und Schauspieler Jan-Josef Liefers sitzen sollen. „Ich werde richtig viel Kohle einsammeln, so viel wie es nur geht“, so Schweiger. Er werde schon bald anfangen, Projekte in Osnabrück zu unterstützen.

Andreas Scheuer, CSU-Generalsekretär

Die politischen Tiefschläge in dieser Maischberger-Diskussion kamen eindeutig aus Bayern. Schon in seinem Eingangsstatement sagte Scheuer, dass Deutschland vor einer „neuzeitlichen Völkerwanderung“ stehe. Was wollte uns dieser Mann damit sagen? Dass die Hunnen vor der Tür stehen, um die von Guido Westerwelle einst beschriebene „spätrömische Dekadenz“ zu beenden?

Auch seine Vorhaltungen gegenüber Til Schweiger stießen auf Kritik. Scheuer musste sich die Frage gefallen lassen, warum er nun einen Privatmann verhöre, der dort helfen wolle, wo der Staat derzeit nicht zu helfen in der Lage ist.

Dass Deutschland an der „Grenze seiner Belastungsfähigkeit“ sei, wie Scheuer sagte, bestritt unter anderem TV-Journalistin Anja Reschke. Woran sich diese „Grenze der Belastungsfähigkeit“ zeigt, blieb ebenfalls unklar.

Schließlich raunte er noch Bundestagskollegin Sevim Dagdelen an, sie solle ihn als Mitglied der Linkspartei nicht über „Mauern und Zäune“ belehren. Das hatte fast Slapstick-Niveau – wäre das Thema nicht so ernst gewesen.

Anja Reschke, TV-Journalistin

Die Panorama-Moderatorin erregte vor einigen Wochen mit einem Tagesthemen-Kommentar zur Asyldebatte Aufmerksamkeit.

Zu den Zuschriften, die danach kamen, sagte sie: „Ich habe nicht das Gefühl, dass mir Leute geschrieben haben, denen es schlecht geht. Es waren Leute, die satt waren, die Angst haben, dass sie etwas abgeben müssen.“

Sie widersprach vehement CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, der behauptete, die Politik äußere sich jetzt schon wirksam gegen Fremdenfeindlichkeit. „Wir sehen bei der Oderflut Politiker, die in Gummistiefeln eine Schaufel in die Hand nehmen. Wo sind die Politiker, die dort hin fahren und sagen: Bis hierhin und nicht weiter?“

Nur der sächsische Innenminister Markus Ulbig sei bisher nach Freital gekommen. Reschke berichtete davon, dass ihrem Team ein Drehverbot bei der Veranstaltung auferlegt worden sei.

Die Journalisten hätten beobachtet, wie eine junge Frau auf der Veranstaltung Hilfe für Flüchtlinge angeboten hätte. Ihr sei das Mikrofon entrissen worden. Und bei alledem hätte Ulbig wortlos zugeschaut.

Reschke sagte: „Ich glaube nicht, dass wir überfordert sind. Wenn wir das nicht gewuppt bekommen, wer schafft es dann?“

Sevim Dagdelen, Bundestagsabgeordnete (Linke)

Sie kritisierte bereits eingangs der Sendung den Umgang der Bundesregierung mit der Asylfrage.

„Es ist Politikversagen, das vorhersehbar war. In den 90ern gab es Unterbringungsmöglichkeiten, und die wurden rigoros abgebaut. Wir wissen heute schon, dass wir noch mehr Flüchtlinge haben werden“, so Dagdelen.

Sie vergaloppierte sich ein wenig, als sie Horst Seehofer zitierte, der einst unsäglicherweise „bis zur letzten Patrone“ gegen angebliche Masseneinwanderung in die Sozialsysteme kämpfen wollte. Dagdelen behauptete, Seehofer habe damit „die Waffe“ auf „Migranten“ gerichtet.

Das war so sachlich nicht ganz korrekt. Ihr Fazit daraus war es dann schon: „Das ist eine Aufforderung, Hetze gegen Ausländer zu machen.“

Roland Tichy, Publizist

Der ehemalige Chefredakteur der Wirtschaftswoche war in einigen Punkten mit Scheuer einer Meinung.

Zu Beginn sagte er: „Wir brauchen tatsächlich Fachkräfte. Aber wir kriegen Flüchtlinge, die nur begrenzt integrierbar sind. Den Beruf Flüchtling kann es nicht geben.“

Eine zweifelhafte Aussage. Vor allem wenn man berücksichtigt, dass relativ viele Bürgerkriegsflüchtlinge eine gute Bildung vorweisen können.

Tichy mahnte, dass die Bundesregierung endlich ein Konzept für die Asylpolitik brauche. „Jetzt ist die Zeit, in der wir konkrete Problemlösungen haben müssen. Wir brauchen jeden Tag ein Hochhaus, um Flüchtlinge unterzubringen. Wo kommt das her? Wir brauchen ein Integrationskonzept. Und eine Vision.“

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