POLITIK
18/08/2015 19:37 CEST | Aktualisiert 18/08/2015 23:10 CEST

Autofahren bald uncool? 7 Gründe, warum immer weniger junge Deutsche den Führerschein machen

Morsa Images via Getty Images
Rear view of young man sitting on back of SUV parked at field

Wer heute über 30 ist, der kennt dieses Gefühl noch: die Sehnsucht nach dem eigenen Auto. Nach Freiheit und Unabhängigkeit. Kaum etwas stand so sehr für das Erwachsenwerden wie der Führerschein und der Kauf des ersten Wagens.

Wer heute jünger als 30 ist, dem kommt das vielleicht ein wenig seltsam vor. Denn seit Jahren schon verliert das Autofahren seinen Glanz bei den Jüngeren.

Immer weniger junge Deutsche besitzen ein Auto. Das ist durch amtliche Statistiken belegt. Zu der Zahl der Führerschein-Inhaber gibt es widersprüchliche Angaben, weil es dazu keine offizielle Statistik gibt. Die Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände schätzt, dass früher 90 Prozent der 17-Jährigen eine Prüfung abgeschlossen haben, heute werden diese Quote erst mit 23 oder 24 Jahren erreicht.

Und man darf annehmen, dass dabei auch berufliche Zwänge eine Rolle spielen, und nicht nur die Lust am Automobil.

Der grüne Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel versuchte 2014 wenigstens für Baden-Württemberg eine umfangreiche Statistik zu erstellen. Er leistete damit Pionierarbeit. Gastel wies nach, dass die Zahl der jungen Führerscheininhaber in und um Stuttgart binnen weniger Jahre dramatisch eingebrochen ist.

"Mit der jungen Generation setzt ein gesellschaftliches Umdenken ein, in dem das Auto an Stellenwert verliert. Das Auto wird rationaler als früher als ein, aber nicht mehr zwangsläufig als das Verkehrsmittel betrachtet", bilanzierte Gastel.

Es kann also sein, dass wir erst am Anfang einer Entwicklung stehen. Vor 20 Jahren mag das eigene Auto für junge Menschen verdammt cool gewesen sein. Aber mit den Zigaretten war das damals kaum anders.

Die Huffington Post nennt sieben Gründe, warum Autofahren in Zukunft noch weiter an Glanz verlieren wird.

1. Der Führerschein ist schon längst kein Statussymbol mehr

Noch in den 90er-Jahren galt der rosa „Lappen“ als Eintrittskarte ins Erwachsenenleben. Wer eine Fahrerlaubnis besaß, war unabhängig in der Freizeitplanung – viele sehnten sich nach dem Tag, an dem sie nicht mehr auf das „Taxi Mama“ angewiesen waren, um zur nächsten Party zu kommen.

Das eigene Auto galt als cool und war gleichzeitig auch Nachweis dafür, dass man - höchst offiziell - für alt genug befunden wurde, um Verantwortung zu übernehmen. Ein Auto war der offen sichtbare Nachweis der Volljährigkeit und besonders bei jungen Männern eine Art Statussymbol.

Die Zeiten haben sich geändert. Das hat auch der Bundesverband Deutscher Fahrschulunternehmen eingesehen. Das Auto habe als „Männlichkeitssymbol“ ausgedient, sagte Verbandschef Rainer Zeltwanger erst kürzlich der dpa.

2. Junge Deutsche sparen heute nicht mehr nur auf den Führerschein

Gerade weil der Führerschein früher wie kein anderes Dokument für das Erwachsenwerden stand, fingen junge Leute schon früh an, für die Fahrschule zu sparen.

In manchen protestantischen Regionen Deutschlands war es noch vor 20 Jahren Brauch, dass die Nachbarn den 14-jährigen Konfirmanten Geldgeschenke in den Briefkasten warfen, die gesammelt auf ein „Führerscheinkonto“ eingezahlt wurden. Der Restbetrag musste mit Ferienarbeit dazu verdient werden.

Auch heute noch sparen viele Jugendliche auf den Führerschein. Und doch ist er nur noch eine Priorität unter vielen. Laut einer repräsentativen Umfrage der Deutschen Bank legen 52 Prozent der jungen Deutschen Geld für Konsumwünsche zurück – darunter der Führerschein und das auto, aber auch Reisen und Elektronik.

23 Prozent sparen für die Ausbildung. Und 17 Prozent denken gar in jungen Jahren schon an die Altersvorsorge. Auch das spricht Bände über den Wertewandel in Deutschland: Manche Jugendliche scheinen tatsächlich lieber für die Zukunft vorzusorgen als anderen mit dem eigenen Auto imponieren zu wollen.

3. In großen Städten braucht heute niemand mehr einen Führerschein

Das gilt selbst für das Zentrum der deutschen Automobilindustrie. In Stuttgart hatten im Jahr 2000 noch 12.600 Menschen zwischen 18 und 25 Jahren ein eigenes Auto, heute sind es nur noch 5.000 – und das, obwohl die entsprechende Altersgruppe in dieser Zeit um zehn Prozent gewachsen ist.

Das ist bei weitem kein regionales Phänomen: Vor 20 Jahren waren noch die Hälfte aller Deutschen zwischen 18 und 29 Jahren als „Autohalter“ registriert, heute ist es nur noch ein Viertel.

In den Städten macht der gut ausgebaute Nahverkehr den Besitz eines eigenen Wagens überflüssig. Und weil das Auto auch nicht mehr als Statussymbol taugt, fällt neben dem praktischen Nutzen für viele auch der emotionale Mehrwert weg.

4. Selbst auf dem Land ist eine Abkehr vom Auto zu erkennen

Das legen jedenfalls die Zahlen nahe, die der grüne Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel für Baden-Württemberg erhoben hat.

Selbst im dünn besiedelten Ostalbkreis fiel die Zahl der jungen Menschen mit Führerschein von 2004 bis 2012 um 22 Prozent.

Kaum anders sieht es im Landkreis Göppingen aus, der zwar zur Metropolregion Stuttgart gehört, aber dennoch über viele ländliche Kommunen verfügt. Dort sank die Zahl der jungen Führerscheinbesitzer binnen acht Jahren um 23 Prozent.

5. Der Trend ist nicht nur in Deutschland zu erkennen

In vielen führenden Industrienationen verzichten junge Menschen auf ein eigenes Auto: In Kanada, Großbritannien, Schweden und Japan. Selbst in Amerika: Im Land der spritfressenden Straßenkreuzer haben mittlerweile nur noch 60 Prozent der Menschen zwischen 17 und 19 Jahren einen Führerschein. Vor 30 Jahren waren es noch 80 Prozent.

6. Carsharing schließt viele der noch verbliebenen Lücken

Eine Fahrt aufs Land? Ein Möbeltransport von Ikea zur eigenen Haustür? Das lässt sich heute auch per Carsharing regeln. Der Siegeszug der „Share Economy“ basiert auf der Annahme, das vieles, was wir besitzen, eigentlich gar nicht so dringend notwendig ist. Ein Auto ist das Paradebeispiel: Es kostet in der Neuanschaffung tausende Euro, muss betankt und regelmäßig repariert werden, frisst Steuern und Versicherungsbeiträge.

Wer nicht täglich auf ein eigenes Auto angewiesen ist, kann es sich auch stundenweise leihen – und spart dabei noch viel Geld.

7. Die Automobilunternehmen haben die Zukunft verschlafen

Dass Autos bei jungen Menschen nicht mehr gefragt sind, hat einen wichtigen Grund, der den Konzernen ernstes Kopfzerbrechen bereiten sollte: Sie stellen ein Produkt her, das an den Ansprüchen des Marktes vorbei geht.

Das fängt schon bei der Preisgestaltung an: Durch den zunehmenden Einsatz von Elektronik werden Neuwagen heute immer teurer. Sowohl im Erwerb als auch in der Wartung.

Und: Wer kann heute schon noch in der eigenen Garage an einem Auto herum schrauben, wenn dafür detaillierte Kenntnisse über das Innenleben des Bordcomputers nötig sind? Die Digitalisierung hat Menschen von ihren Autos entfremdet.

Das alles wäre wohl noch zu verkraften, wenn das eigene Auto heute noch ein Statement wäre. So wie eine schicke Wohnung oder gute Kleidung. Wenn man durch den Kauf eines BMWs oder eines VWs auf sich aufmerksam machen könnte. Durch Individualität, Zukunftsgewandtheit oder schlicht durch das Wissen darum, was gut ist.

So war es jahrzehntelang. Und so ist es schon lange nicht mehr.

Wer ein Auto nur noch als Gebrauchsgegenstand sieht, scheut den hohen Kaufpreis. Und billige, einfache Low-Tech-Autos sind in Deutschland kaum zu bekommen.

Wer das Auto als zeitgemäßes Statussymbol sieht, wird von dem seit 129 Jahren gleichen Mobilitätskonzept abgeschreckt: Karosse mit Verbrennungsmotor. Nicht ohne Grund kaufen Schauspieler und Prominente, die was auf sich halten, heute eher einen Tesla als einen Benz.

Spritsparende Autos wurden schon in den 90er-Jahren entwickelt. Und nie gebaut. Und den Trend zur Elektromobilität hat die deutsche Industrie schlicht verpennt.

Und so kommt es, dass über die Straßen von Kreuzberg und Friedrichshain heute 5.000 Euro teure Lastenfahrräder kreuzen. Aber immer weniger Spritschleudern made in Germany.

Das wird den Konzernen eines Tages noch einmal sehr leid tun. Spätestens dann, wenn der Absatz in den Schwellenländern einbricht.


Lesen Sie auch:

Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.


Hier geht es zurück zur Startseite

Gesponsert von Knappschaft