POLITIK
16/08/2015 17:08 CEST | Aktualisiert 16/08/2015 21:55 CEST

Experte fordert: "Machen wir die Grenzen auf - alle!" - die Flüchtlinge kommen sowieso

dpa

Tausende Menschen verlassen ihre Heimat, um in Europa ein besseres Leben anzufangen. Ohne die Angst, von Terroristen ermordet zu werden oder die eigene Kinder verhungern zu sehen. Sie begeben sich auf eine lange, gefährliche Reise über das Mittelmeer, nur um dann in vielen Fällen an den streng bewachten Grenzen der EU nicht weiterzukommen.

Nun mehren sich Stimmen, die die harte Grenzpolitik an den Mittelmeerküsten anprangern und andere Wege fordern, mit den Flüchtlingsströmen umzugehen und sie nicht den Gefahren der illegalen Überfahrt auszusetzen.

Migrationsforscher François Gemenne hat dazu eine sehr radikale Meinung. Er sagt: "Machen wir die Grenzen auf - alle!"

"Wenn wir Menschen erlauben, mit dem Flugzeug zu kommen, müssten sie nicht im Meer ertrinken"

In einem Interview mit dem "stern" erklärte er, eine Öffnung aller EU-Grenzen sei der einzig vernünftige Schritt, um den Menschen zu helfen, die sich derzeit auf der Flucht befinden.

Die Gefahr, dass sich noch mehr Menschen auf die lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer machen, wenn sie wissen, dass sie einfach in die EU einreisen können, sieht der Forscher nicht. "Offene oder geschlossene Grenzen haben überhaupt keinen Einfluss darauf, ob Leute sich auf den Weg machen oder nicht", glaubt er.

Der Wille, auszuwandern, hänge von Faktoren ab, welche die Politik in Europa überhaupt nicht beeinflussen könne, erklärt Gemenne. Damit meint er Gründe wie Armut, Hunger und Krieg, welche Tausende Menschen dazu nötigen, aus ihrer Heimat zu fliehen.

"Wenn wir den Menschen erlauben würden, mit Flugzeugen oder Fähren zu kommen, müssten sie nicht im Meer ertrinken", gibt der Wissenschaftler zu bedenken. Die Katastrophen, die sich beispielsweise vor der Küste Griechenlands

derzeit abspielen, könnten verhindert werden, bekämen Flüchtlinge die Möglichkeit, direkt in das EU-Land zu reisen, in das sie wollen.

"Abschottung und Überwachung der Grenzen bringen überhaupt nichts"

Den kriminellen Schleppern, die mit der Notlage der Menschen ihr Geld verdienen, lege man nicht das Handwerk, indem man die Grenzen dicht mache, so sagt Gemenne. "Abschottung und Überwachung der Grenzen bringen überhaupt nichts. Im Gegenteil: Die aktuelle Praxis befeuert das Business der Menschenhändler sogar noch." Je schwieriger es sei, nach Europa zu kommen, desto mehr Geld verdienten die Schlepper, erklärt er.

Der Forscher sieht Migration als eine natürliche Begleiterscheinung einer globalisierten Welt. Das, so prangert er an, sei aber in den Köpfen der meisten Europäer noch nicht angekommen. "Wir betrachten Migration als etwas Unnormales. Als Problem. Wir haben immer noch nicht verinnerlicht, dass Migration ein Teil unserer Realität ist - und ein Grundrecht jedes Menschen."

Fairere Umverteilung der Flüchtlinge in Europa

Politiker stellen indes angesichts der problematischen Umverteilung der Flüchtlinge die offenen Grenzen innerhalb der EU sogar in Frage. "Wenn wir nicht zu einer fairen Lastenverteilung kommen, was die Aufnahme von Flüchtlingen anbelangt, wird das Schengen-Abkommen, das die Freizügigkeit garantiert, keinen Bestand haben", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einer Woche.

Damit spielt sie auf die Problematik an, dass einige Länder in Europa weit mehr Flüchtlinge aufnehmen als andere und einige wie Ungarn überhaupt keine bei sich unterbringen wollen.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel mahnte erst kürzlich an, es müsse einen fairen Ausgleich geben. "Ein Teil der EU-Staaten empfindet Europa offensichtlich als eine Art Zugewinngemeinschaft, bei der man nur mitmacht, wenn es Geld gibt. Und bei der man aussteigt, wenn es um Verantwortung geht. Wer das so betreibt, wird Europa zerstören", sagte Gabriel.


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