POLITIK
14/08/2015 17:18 CEST | Aktualisiert 14/08/2015 18:08 CEST

An alle, die jetzt auf Til Schweiger eindreschen

dpa

Sommer 2015 in Deutschland. Das ist, wenn man manchmal einfach nur stinksauer sein kann.

Nicht nur, dass gerade ein brauner Mob mit Terror und Gewaltdrohungen an den Grundfesten dieser Republik rüttelt.

Nicht genug, dass viele Millionen Deutsche sich soweit von den Werten des Grundgesetzes entfremdet haben, dass sie Hassparolen gegen Flüchtlinge zumindest billigen.

Nein, auch die demokratische Mehrheitsgesellschaft hat immer noch nicht kapiert, wie ernst die Lage ist.

Sie verrennt sich in völlig sinnfreien Streitereien, in denen es einzig um die Frage geht, wer denn unter den übrig gebliebenen Demokraten der beste Antifaschist ist.

Dämliche Unsinnsdebatten

Statt die Gegner am rechten Rand zu bekämpfen, beschäftigen sich die Verteidiger der Demokratie mit sich selbst. Was für ein dämlicher Unsinn. Das ganze Elend dieser Debatte lässt sich derzeit am Beispiel von Til Schweiger verfolgen.

Zur Erinnerung: Der Schauspieler, Regisseur und Produzent hatte vor knapp vier Wochen einen harmlosen Artikel des "Hamburger Abendblatts" bei Facebook gepostet, in dem zu Spenden für Flüchtlinge aufgerufen wurde. Daraufhin schlug ihm eine Welle des Hasses entgegen.

Schweiger hielt dagegen. Nicht immer ganz sachlich – aber stets konsequent in seiner Haltung. Er traf sich mit SPD-Chef Sigmar Gabriel, um über die Lage in den Flüchtlingsheimen zu sprechen. Spätestens seitdem hat er es auch mit linken Kritikern zu tun. Man warf ihm „PR-Tricks“ vor.

Distinktionsbedürfnis der Mittelschichts-Journalisten

Anfang August kündigte er zudem den Bau eines „Vorzeige-Flüchtlingsheims“ an.

Doch statt sachliche Kritik am Engagement des Filmstars zu üben, schlugen Journalisten, Künstler und sonstige Prominente auf Schweiger ein. Kaum jemand machte dabei einen Hehl aus seinem Distinktionsbedürfnis.

Der Subtext in fast allen Äußerungen: Schweiger sei ein großmäuliger Simpel, der mit seinem Engagement vor allem Fremdscham fabriziere.

Hämischer Standesdünkel im Subtext

"Spiegel Online“-Redakteur Bernd Kramer bastelte aus Spott-Tweets über Schweiger und Gabriel einen ganzen Artikel. Kaum verkennbar war der hämische Standesdünkel, der hinter dieser Idee steckte. Da war jemand auch noch stolz darauf, dass er Schweigers Aktivitäten im Kampf gegen die neue Ausländerfeindlichkeit sabotierte.

Wer solche Demokraten hat, der braucht keine Demokratiefeinde mehr.

Die bisher nicht als Afghanistan-Veteranin in Erscheinung getretene Twitter-Prominente Julia Probst (@einaugenschmaus) machte sich über Schweigers Engagement für deutsche Soldaten lustig.

"Zeit Online“-Autorin Milena Hassenkamp verstieg sich gar zu der Aufforderung, Schweiger möge ein „deutscher George Clooney“ werden. Und verriet damit mehr über sich selbst, als sie vielleicht im ersten Moment dachte.

Einen Edelmann wünscht sich die Autorin also, der es mit den Wilden aufnimmt. Mit Stil, mit Glamour, mit tadellosem Hochdeutsch. Ein Mann, der auch von den Vereinten Nationen erhört wird. Darunter macht es das deutsche Bildungsbürgertum offenbar nicht.

(Der Text geht unter dem Video weiter)

Nach Treffen mit Sigmar Gabriel: Til Schweiger rastet wegen Häme auf Facebook aus

Nein: Was Schweiger geschafft hat, ist viel wichtiger. Er hat die Diskussion über den Umgang mit Asylbewerbern für eine breite Masse geöffnet.

Schweiger hat Großes geleistet

Und er hat es auch deswegen geschafft, weil er keiner von den „üblichen Verdächtigen“ ist, die bei jedem nur denkbaren Benefizkonzert in der ersten Reihe stehen und eine Kerze in der Hand halten.

Unter seinen 1,3 Millionen Facebook-Fans sind womöglich viele Tausend, die sich in Merkel-Deutschland bisher sehr gerne mit Actionfilmen und Ballerspielen beschäftigt haben, den politischen Debatten aber in Kanzlerinnenmanier aus dem Weg gegangen sind.

Als einer der ersten Prominenten hat Schweiger klar Stellung bezogen. Und womöglich hat der ein oder andere Fan an dieser Stelle auch gemerkt, dass ein klein wenig „Asylkritik“ keineswegs etwas völlig Normales ist.

Wo sind denn gerade die Lieblinge des konservativen Milieus?

Wie gern hätte man so eine Äußerung von Helene Fischer gehört. Oder von anderen Schlagerstars. Von Volksmusikanten. Von Klassik-Stars. Oder von Wintersportlern. Kurz: Von Menschen, die eher im konservativen Milieu ihre Anhänger finden.

Eben dort, wo schwarz-braune CSU-Parolen von „Bulgaren und Rumänen“ und die wirren Äußerungen des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) vom „Islam“, der „nicht zu Sachsen“ gehöre, auf fruchtbaren Boden fallen.

Aber wer will schon den heftigen Ärger mit der eigenen Peer-Group riskieren, wenn als Bonus dazu noch eine Tracht Prügel von der Dünkel-Polizei winkt?

Lasst Schweiger mit dem Hass nicht allein!

Fast könnte man glauben, dass manche Deutsche den Schuss noch nicht gehört haben. Die Zeit der infantil-ironischen Polit-Spielchen ist vorbei. Die Lage ist tatsächlich ernst, dazu braucht man nicht erst jenen Bericht des Bundeskriminalamtes zu lesen, in dem vor einer neuen „völkischen Ideologie“ gewarnt wird.

Ein Blick in die einschlägigen Foren reicht. Oder einfach nur ein kurzer Besuch auf dem Facebook-Profil von Til Schweiger.

Seit Wochen überschwemmt die rechte Hasskotze den Kommentarbereich unter seinen Postings. Er lebt damit, er kämpft dagegen. Dafür verdient er Respekt. Und keine Kopfnoten von Leuten, die selbst viel zu selten den Arsch hochbekommen.


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