POLITIK
13/08/2015 19:43 CEST | Aktualisiert 13/08/2015 19:43 CEST

Künstler Ai Weiwei: Was China von Berlin noch lernen kann

Thinkstock

Ai Weiwei kennt Unfreiheit wie kaum ein anderer. Der chinesische Künstler litt jahrelang an der Ohnmacht gegenüber einem autoritären Regime. Seine Kritik daran brachte den 57-Jährigen immer wieder ins Gefängnis - und ihm weltweit Ruhm und Respekt ein.

Seit einigen Wochen lebt er nun in Berlin. Eine Stadt, die ihn vom ersten Moment faszinierte. In einem Interview mit der "Zeit" sprach er über seine Eindrücke von der deutschen Hauptstadt.

Darin sagt er: "Berlin kommt mir vor wie ein Vogel, dem mehr und mehr Federn gewachsen sind: Junge Menschen aus aller Welt strömen hierher, kleine Restaurants eröffnen. Ich mag Städte, die ein bisschen heruntergekommen sind, in denen es ein Gefühl von Raum und Gefahr gibt. Das ist ganz anders als in Peking."

Berlin ist für Ai Weiwei so etwas wie der Gegenentwurf zu allem, was er bekämpft. "Peking ist politisch sehr einseitig, das Leben der Menschen beschränkt sich auf die Familie. Es gibt kein öffentliches Leben. Der materielle Standard ist inzwischen hoch, doch die Freiheit beschränkt sich auf Konsum- und Vergnügungsmöglichkeiten. Das ist kein ausgewogenes, gesundes Dasein."

Er kritisiert den Mangel an Individualität in der chinesischen Gesellschaft. Die chinesische Gesellschaft sei sehr starr, alle Entscheidungen werden von oben gefällt. "Die Unterschicht ist wie Moos, sie wächst zwar, doch sie hat keine Form.“

Raum für Individualität ist jedoch essentiell. Autoritäre Gesellschaften hingegen verneinen laut Weiwei die Menschheit und berauben eine Gesellschaft ihrer Ideale, Begeisterung und Vorstellungskraft. „Wenn eine Gesellschaft die Gefühle des Einzelnen nicht anerkennt, existieren keine Individuen. Ihre Eigenschaften werden nicht zum Vorschein kommen.“

Peking kann von Berlin also noch etwas lernen. Der Wandel, den das Land so dringend nötig hat, kann nicht von oben erzwungen werden - sondern muss von vielen Individuen gemeinsam herbeigeführt werden:

"Als würden sehr kleine persönliche Veränderungen zu einem gesellschaftlichen Wandel führen. Das hat nichts mit oben und unten zu tun. Es ist ein Zustand des gemeinsamen Verständnisses."


Lesen Sie auch:

Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Video: 24h Berlin: Nach diesen Insider-Tipps wollen Sie nie wieder weg

Hier geht es zurück zur Startseite

Gesponsert von Knappschaft