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12/08/2015 17:39 CEST | Aktualisiert 13/08/2015 10:30 CEST

An alle, die dauernd Tränenlach-Smileys posten

Der Mann in der U-Bahn sieht so aus, als sei er seit drei Tagen wach. Seine Mundwinkel hängen in bester Angela-Merkel-Manier. Er sieht richtig fertig aus, hat Augenringe und glotzt auf sein Handy.

Ich denke mir, dass er vielleicht Beziehungsprobleme hat. Oder Probleme im Job.

Während er da so sitzt und sich um die Rolle als traurigster Mensch auf Erden bewirbt, sehe ich, wie er mehrfach bei WhatsApp ein gelbes Gesicht antippt und postet.

Ein Smiley, das vor Tränen lacht. Ja, genau DIESES. Ihr kennt es alle.

emoji

Das „Haha, das ist so lustig. Ich muss lachen, ich kann gar nicht mehr aufhören. Schnappatmung. Mir kommen die Tränen. Wie lustig ist das denn, bitte?!“-Emoji.

Was hat unser digitales Ich nicht für einen Spaß in den Backen, während wir im echten Leben permanent so gucken, als hätten wir ernsthafte Magen-Darm-Verstimmungen. Als hätten wir nicht 30 Grad, sondern drei Wochen Dauerregen.

Ich schaute mich um, sah all die anderen Leute in der Bahn, die ebenfalls missmutig auf ihrem Handydisplay herumdrückten.

Wobei: Wahrscheinlich lachten auch diese Personen gerade so stark in ihrer Facebook-Timeline, dass sie Pipi ins digitale Höschen machten. (By the way: Gibt es eigentlich schon das Pipi-in-der-Hose-Emoji? Wenn nicht, starte ich hiermit eine Petition.)

Das „Tears of Joy“-Tränenlach-Smiley hat nicht nur unsere Art der Kommunikation weltweit radikal verändert. Es wird im Moment auch derart inflationär benutzt, dass man meinen könnte, Deutschland sei nicht mehr das Land der Dichter und Denker, sondern das Land der Comedians, bei denen jede Pointe zündet.

Wir lachen nicht. Wir prusten und dabei schießen uns die Tränenbäche geradezu aus den Augen. Zumindest bei Facebook, Instagram, WhatsApp, Twitter und Co. Denn wir sind alle sooo megahappy, uns bedrückt nichts. Und wenn das digitale Dauerlachen mal gestört wird, legen wir einen Instagram-Filter drauf. Und schon wird weitergelacht.

Doch plötzlich kommt die harte Landung in der Realität.

Und in der ist Deutschland kein Comedy-Olymp, sondern dort kommt Mario Barth um die Ecke geschlendert und lacht im Olympiastadion über seine eigenen Witze. Dort heult die Generation Y, weil sie angesichts all der Wohlstands-Probleme nicht mehr weiß, was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen möchte. Die überforderte Generation Maybe. Aber gar nicht lange drüber nachdenken. Schnell noch ein Emoji nachschieben.

Wie schön wäre es eigentlich, wenn wir uns ein bisschen des digitalen Dauerlachens im Büro behalten können? Im nächsten Meeting zum Beispiel? Oder gerne auch in der U-Bahn. A smile a day keeps the doctor away. Obwohl, das ging anders. Egal.

emoji

Ich schaue vom Display meines Sitznachbarn auf mein eigenes Handy. Ich schaue in der Bahn-App nach und sehe, dass die S-Bahn, in die ich umsteigen muss, ausfällt. Ich schreibe kurz einem Freund, dass ich später kommen werde. Chaos auf der Stammstrecke in München.

Seine Reaktion auf die alles andere als lustige Bemerkung:

emoji

Da habt ihr es. Das ist genau das, was ich meine.

Andererseits: Wenn das emoji hier NICHT gekommen wäre, wäre ich auch schon ein wenig verwirrt gewesen.

Denn wenn ihr nicht tagtäglich so ein Smiley auf eurem Smartphone entdeckt, läuft in eurem Leben etwas falsch. Dann seid ihr nicht beliebt. Oder ihr seid jenseits der 30. Oder megalangweilig. Oder beides. Und weil das zu hart klingt, schiebe ich jetzt auch noch ein Tränenlach-Emoji hinterher. Damit relativiere ich alles, was ich zuvor gesagt habe. emoji Schon merkwürdig, unsere Kommunikation. emoji


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