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11 Gründe, warum Radfahrer NICHT mehr bei Rot halten sollten

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Egal ob Berlin, München, Hamburg oder Köln: Alle deutschen Städte wollen lebenswerter werden: weniger Staus, weniger Krankheiten, weniger Autos - dafür viel mehr Radfahrer, das sind die wichtigsten verkehrspolitischen Ziele in vielen modernen Metropolen.

Sie verbrauchen wenig Platz, verschwenden keine endlichen Ressourcen, verursachen keine Staus - und: Sie sind schlicht gesünder. Das zeigen Städte wie Amsterdam oder Münster, in denen Radler längst die Macht übernommen haben.

Von Jahr zu Jahr steigt auch in anderen Städten die Zahl der Menschen, die mit dem Rad zur Arbeit fahren.

Aber es könnten noch viel mehr werden - wenn wir es Radfahrern leichter machen würden. Zum Beispiel, wenn sie nicht mehr an jeder roten Ampel halten müssten. Denn das ist - verzeiht - Unfug.

Wenn es der Verkehr zulässt, sollte jeder Radfahrer rote Ampeln ignorieren können. Für Rechtsabbieger mit motorisiertem Untersatz gibt es das schon lange. Das entsprechende Zeichen heißt "grüner Pfeil". Die Spielregeln: Herantasten, Verkehrslage überprüfen, losfahren.

11 Gründe, warum Radfahrer nicht an roten Ampeln halten sollten:

  1. Ampeln sind vor allem etwas für Autos. Sie sind schnell, es gibt sehr viele von ihnen und sie sind extrem unflexibel.
  2. Ganz anders bei Radfahrern. Sie sind flexibel, langsamer und sie bewegen sich viel aufmerksamer - mit Augen und Ohren durch den Verkehr - Ampeln sind daher weniger wichtig für sie: Sie sind es ohnehin gewohnt, auf ihre Umgebung zu achten. Denn aus jeder Einfahrt könnte ein Autofahrer kommen, der sie nicht auf der Rechnung hat.
  3. Das Urbanist Magazin argumentiert daher: "Da Radfahrer anders als Autofahrer keine Hülle um sich herum haben, nehmen sie viel besser wahr, was um sie herum geschieht." Recht haben die Kollegen.
  4. Wichtiger noch: Selbst grüne Ampeln schützen Radfahrer nicht vor Unfällen. Jeder Rechtsabbieger ist für Radler eine Gefahr. Es ist daher egal, ob sie bei rot oder grün über die Ampel fahren.
  5. Ampeln machen den Radverkehr zudem langsamer - und dadurch wird das alternative Verkehrsmittel weniger attraktiv. Wir sehen das in Städten wie Amsterdam. Hier sind Kreuzungen längst durch Fahrradstaus überlastet.
  6. Das Anfahren kostet mit einem Auto zudem weniger Zeit als mit dem Fahrrad. Deswegen tragen Ampeln zusätzlich dazu bei, Fahrtwege für Radler zu verlängern.
  7. Beim Warten an roten Ampeln atmen Radfahrer die Abgase der Autos ein – besonders dann, wenn der Verkehr wieder anrollt.
  8. Und nun kommt uns nicht mit toten Radfahrern an roten Ampeln. Auch an grünen Ampeln hat es schon Radler umgelegt. Viel wichtiger ist es doch, dass Radfahrer stets aufpassen - ganz egal, welche Farbe die Ampel gerade zeigt. Das sollten auch schon die Jüngsten lernen.
  9. Das Sicherheitsargument ist ohnehin Blödsinn. Mindestens genauso gefährlich sind sich schnell öffnende Autotüren neben Radwegen. Um die kümmert sich niemand.
  10. Die Sache hat auch eine finanzielle Dimension: Wir könnten uns das Geld für viele Tausend Radampeln in Deutschland sparen.
  11. Außerdem wird es Zeit, dass wir auch deutsche Innenstädte für Radfahrer attraktiver machen. Paris hat es bereits vorgemacht: Dort soll bald schon das komplette Stadtzentrum für Autos gesperrt sein.
Was wäre die Lösung?

Ganz einfach: Rote Ampeln sollten für Radfahrer und Fußgänger nur noch Vorfahrt-Achten-Signale sein. Wenn sie niemanden behindern, dürfen sie die Straße überqueren.

"Bei der Forderung handelt es sich um die sinnvolle Legalisierung vom bereits weitverbreiteten Verhalten, rote Ampeln – immer unter Berücksichtigung der Sicherheit aller Beteiligten– zu überqueren", sagt der Mobilitätsforscher Ulrich Leth von der TU Wien in der "Passauer Neuen Presse". Und er hat recht.

rote ampel radfahrer

Das ist übrigens viel weniger revolutionär als es in Deutschland klingen mag. Schon heute wird es in Städten wie London so gehandhabt, wenn selbst Polizisten im Dienst bei Rot über die Straße spazieren.

In Paris wurden rote Ampeln sogar explizit für Radfahrer freigegeben, ähnlich in den USA, wo Ampeln in ersten Bundesstaaten für Radfahrer nur noch eine Art Stopp-Schild sind.

In Norwegen und Schweden ist es ebenfalls de facto legal. Und in Basel dürfen Radfahrer bereits bei Rot rechts abbiegen.

Nur in Deutschland zahlen Radfahrer bis zu 200 Euro, wenn sie nachts um drei Uhr eine leere Straße bei Rot überqueren. Hier verstecken sich Polizisten hinter Werbeplakaten, um Radfahrer abzufangen, die eine unbefahrene Straße überqueren.

Bislang hat die Autolobby diese Debatte beherrscht. Aber das muss sich ändern. Es geht um den menschenfreundlichen Umbau unserer Innenstädte.

Das sieht auch Sabine Leidig so, die verkehrspolitische Sprecherin der Linken im Bundestag: "Es ist höchste Zeit, den Vorrang für Autos aufzugeben und besser für diejenigen zu sorgen, die sich klimafreundlich fortbewegen", sagte sie der HuffPost. "Die Lockerung der Ampelregeln für Radfahrer und Fußgänger wäre ein Schritt in diese Richtung."

Die SPD dagegen warnt: Autofahrende müssten sich darauf verlassen können, "dass der Fußgehende und der Radfahrende an der Ampel bei Rot stehen bleibt", sagt die verkehrspolitische Sprecherin Kirsten Lühmann. "Alles andere bringt Unsicherheit und damit ein erhöhtes Risiko, vor allem für die nicht motorisierten Verkehrsteilnehmenden."

CDU und CSU finden neue Ampel-Regeln überflüssig. "Ich halte das für eine absurde Idee", sagt der verkehrspolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Ulrich Lange.

Wir finden: Ampeln sind dafür da, den Autoverkehr besser und flüssiger zu machen. Es ist nicht einzusehen, warum sich Radfahrer und Fußgänger dem unterordnen sollten.

Das sind Verkehrsregeln des vergangenen Jahrhunderts.


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