POLITIK
04/08/2015 16:19 CEST | Aktualisiert 06/08/2015 16:29 CEST

Warum wir Deutschen Opferweltmeister sind - und warum wir unsere Komplexe endlich besiegen müssen

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Deutschland war lange Zeit Exportweltmeister. Reiseweltmeister sind wir immer noch. Und Fußballweltmeister bleibt Deutschland mindestens bis Sommer 2018.

Doch einen Titel tragen wir bis in alle Ewigkeit. In einer Disziplin, in der uns niemand was vormacht: dem genüsslichen Suhlen im eigenen Selbstmitleid. Deutschland ist seit seit 1871 in ununterbrochener Folge Opferweltmeister. Wir flennen am lautesten. Wir schnappen am schnellsten ein. Und wir fühlen uns am stärksten bedroht.

Wie gerne wären wir beliebt! Mit wie viel Aufmerksamkeit wurden hierzulande die Umfragen aus dem Ausland studiert, die Deutschland zur „beliebtesten Nation der Welt“ erklärt hatten. Das Sommermärchen von 2006 schien kein Ende zu nehmen. Doch dann holte uns wieder unser innerer Boogeyman ein.

Unser Selbstmitleid eskaliert seit fünf Jahren

Denn ohne unsere Paranoia wären wir wie Ernie ohne Bert. Wie Marianne ohne Michael. Wie die Jakob-Sisters ohne ihre Pudel.

Es muss so um 2010 gewesen sein, als wir Deutschen zu glauben anfingen, dass trotz aller offensichtlichen Sympathiebekundungen wieder die ganze Welt gegen uns ist.

Zur Erinnerung: Das war die Zeit, in der die deutsche Politik in der Finanzkrise als richtungsweisend galt. Das europäische Ausland staunte über das „neue deutsche Wirtschaftswunder“.

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Griechenland ließ uns wieder ausrasten

Angela Merkel war im Jahr zuvor vom amerikanischen Magazin „Forbes“ zur mächtigsten Frau der Welt gekürt worden. Und bei der WM in Südafrika sollte Thomas Müller einige Wochen später nicht nur die englische und die argentinische Abwehr austanzen, sondern auch Millionen Fußballfans auf dem ganzen Globus verzaubern.

In die bundesdeutsche Jägerzaun-Idylle platzten dann die Nachrichten aus Griechenland. Dort drohte die Staatspleite, Angela Merkel befürchtete ein Übergreifen auf das europäische Bankensystem. Im Mai einigten sich die Staaten der Euro-Gruppe auf ein erstes Hilfspaket in Höhe von 110 Milliarden Euro.

Viele Deutsche, die anlässlich der WM eigentlich schon ihre schwarz-rot-goldenen Hawaii-Blumenketten um den Hals gelegt hatten, waren plötzlich außer sich. Die „gierigen Griechen“ würden sich am Ende noch auf Kosten des deutschen Steuerzahlers bereichern.

Der Stammtisch quakt

Plötzlich machte alles wieder Sinn: „Wie konnten wir Deutschen nur jahrelang übersehen, dass wir nur beliebt sind, weil wir so viel Geld haben“, quakte es vom Stammtisch. Niemand hat uns lieb. Wir sind so allein. Wir müssen uns endlich wehren.

Als 2011 der europäische Arbeitsmarkt für Länder wie Polen geöffnet wurde, dummschwätzte Horst Seehofer davon, dass er bis zur „letzten Patrone“ gegen Einwanderung in die Sozialsysteme kämpfen wolle. Die gleiche Platte legte er noch einmal 2014 auf, als es gegen die Bulgaren und Rumänen ging.

Alle wollen sie unser Geld, johlte der Stammtisch. Sie überrennen unsere Grenzen. Millionen und Abermillionen.

Seltsamerweise erfüllen sich unsere Angstvorstellungen selten bis nie

Der Massenansturm blieb aus. Beide Male. Wohl auch, weil viele Deutsche in ihrem Fieberwahn übersehen hatten, dass nicht nur sie selbst heimatliebend sind. Sondern auch die Bulgaren. Die Rumänen. Die Polen. Und dass kaum jemand aus Jux und Daffke auswandert, nur weil er stolz darauf wäre, in einem reichen Land zu den unteren zehn Prozent der Einkommenstabelle zu gehören.

Weiter drehte sich die kleine Bundesrepublik um die Welt.

In der Ukraine-Krise war Deutschland den eigenen Komplexen zufolge nur ein „Spielball“ auf dem geopolitischen Rugbyfeld. Und wer sich erst einmal so richtig in die deutschen Seelenleiden hineingesteigert hatte, konnte auch nachvollziehen, was die Pegida-Demonstranten im Jahr 2014 so zahlreich auf die Straßen trieb.

Seit mehr als einem Jahr kocht der Fremdenhass

Der Stammtisch keifte von „Überfremdung“. Alle wollen sie ins Schlaraffenland und von den Früchten deutscher Arbeit leben. Wie „blauäugig“ muss man sein, um das nicht zu erkennen. Sagten sie.

Wer erst einmal dem Wahn verfallen ist, leidet unter einer Störung der Urteilsfähigkeit. Sagen Psychiater.

Die jüngsten Anschläge auf Flüchtlingsheime im ganzen Land und der Hass gegen jene, die einfach nur helfen wollen, sind die offensichtlichsten Indizien dafür, dass Deutschland sich in Sachen Opferwahn gerade in eine neue Umlaufbahn schießt. Wieder einmal schlägt Hass in Gewalt um.

Wir werden dann so richtig gefährlich, wenn unser Selbstmitleid in Aggression umschlägt

Was nämlich an uns Opferweltmeistern wirklich gefährlich ist, das ist unsere Neigung zum Jähzorn und zur plötzlichen Aggression. Wilhelm II. nahm die angebliche „Einkreisung“ des Deutschen Reiches durch „Feinde“ zum Anlass, um sein Land in den Ersten Weltkrieg zu führen.

Adolf Hitler rechtfertigte am 1. September 1939 den Überfall auf Polen mit einem angeblichen Angriff auf einen Sender in Oberschlesien. Die Deutschen als erste Opfer des Krieges. Die Leute glaubten ihm den Sermon, fühlten sich gar im Recht.

Zweimal hat uns die Leidenschaft zum Selbstmitleid schon in den Abgrund getrieben. Und wir können es einfach nicht lassen.

Der Stammtisch tobt: „Alle wollen sie es sich bei uns bequem machen! Das Boot ist voll!“

Eine andere Welt ist tatsächlich möglich

Wie anders die Welt doch aussähe, wenn wir uns endlich mal von unseren Opferkomplexen frei machen könnten. Wenn wir tatsächlich mal „aufwachen“ würden. Wenn auch anders, als es sich die Wahnwichtel vorstellen.

Was würden wir dann sehen?

Vielleicht eines der reichsten Länder der Welt, das die niedrigsten Jugendarbeitslosigkeit in ganz Europa hat und seit Jahren von Wissenschaftlern, Politikern und Intellektuellen aus der ganzen Welt angefleht wird, endlich mal Verantwortung zu übernehmen.

Gerade weil die EU ohne Deutschland derzeit herzlich führungslos wäre. Weil Angela Merkel einen besseren Zugang zu Wladimir Putin hat als Barack Obama. Weil Deutschland über Einfluss im Nahen Osten verfügt - dort, wo viele Flüchtlingsbiografien ihren Anfang nehmen.

Und wir können unseren Beitrag dazu leisten, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wenn wir es schaffen, über unser Selbstmitleid hinauszuwachsen.

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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