WIRTSCHAFT
04/08/2015 12:08 CEST

Top-Ökonom: Ohne Zuwanderung droht Ostdeutschland das Wirtschaftschaos

dpa

Die Bevölkerung in Ostdeutschland schrumpft schneller als im Westen und sie wird immer älter. 2030 wird ein Drittel (35 Prozent) der Menschen in den ostdeutschen Ländern mindestens 65 Jahre alt sein.

Manche Regionen entvölkern sich bereits, sagt der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IW), Reint E. Gropp.

Es droht ein wirtschaftliches Chaos: Betriebe müssten wegen des Fachkräftemangels schließen. Vor allem kleine Betriebe sind seiner Meinung nach in Gefahr.

Es gibt aber laut Gropp eine Möglichkeit, wie die Probleme durch den Bevölkerungsschwund und den steigenden Anteil älterer Menschen zumindest abgefedert werden können. Durch Zuwanderung.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Gerät der Osten Deutschlands in eine Demografiefalle?

Reint E. Gropp: Auf jeden Fall sind die demografischen Effekte viel drastischer in Ostdeutschland als in Westdeutschland und viel gravierender auf dem Land als in der Stadt. Ich glaube, dass das die größte Herausforderung der nächsten Jahrzehnte sein wird. Die Wirtschaft leidet schon jetzt unter dem Fachkräfte- und Azubi-Mangel. In einigen ländlichen Gebieten mit starkem Bevölkerungsschwund entstehen kaum neue, produktive Unternehmen. Es wird eine Ausdünnung bei kleinen Betrieben geben, auch weil Unternehmensnachfolger fehlen. Das könnte die Land-Stadt-Wanderung noch verstärken.

Wie sollte ihrer Meinung nach auf diese Entwicklungen reagiert werden?

Gropp: Ich glaube, die Politik muss irgendwann den Mut haben und sagen, dass die Infrastruktur in dünn besiedelten Gebieten nicht auf Dauer auf dem bisherigen Niveau gehalten werden kann. Es ist unheimlich teuer, Abwasserleitungen oder schnelles Internet für ganz wenige Menschen bereitzustellen. Ich weiß, dass so ein Eingeständnis schwer fällt, weil wir bisher den Anspruch auf überall gleiche Lebensbedingungen haben.

Also weg vom Land?

Gropp: Ich befürchte mittelfristig schon. Man muss sich auf die Städte konzentrieren, gerade in Ostdeutschland. Sie müssen attraktiver werden für die Zielgruppe der gut ausgebildeten, möglichst kinderreichen jungen Familien. Wahrscheinlich können die nur aus dem Ausland kommen, weil es ja auch im Westen Fachkräftemangel gibt. Es verlangt von Politikern schon großen Mut, Politik für eine Gruppe zu machen, die noch gar nicht da ist und daher auch keine Stimme bei Wahlen hat.

Dann schnappt die Demografiefalle nicht zu, wenn es ausreichend Zuwanderung in Ostdeutschland gibt?

Gropp: Einwanderung kann den Prozess verlangsamen und abfedern, aber die Probleme nicht vollständig lösen. Man muss dabei die Asylproblematik vollständig von der Einwanderung trennen. Es geht darum, für junge Fachleute, für High Potentials, attraktiver zu werden. Dabei muss eine Kultur geschaffen werden, die Zuwanderung zuträglich ist. Pegida sorgt für das Gegenteil. Die Verwirrung um Asylsuchende und Immigrationswillige behindert die Debatte entscheidend. Bei den einen geht es um den berechtigten Schutz vor Verfolgung in ihren Heimatländern, bei den anderen um Menschen, die sich hier dauerhaft eine Zukunft aufbauen könnten, weil sie auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden. Ein Zuwanderungsgesetz könnte da schon helfen, auch wenn es eigentlich zu spät kommt.

Aber warum sollten Migranten nach Rostock, Halle oder Erfurt gehen und nicht in die Großstädte im Westen?

Gropp: Es gibt ja durchaus einige Bedingungen, die beispielsweise in Halle besser sind als in Frankfurt am Main: Man findet besser eine schöne, bezahlbare Wohnung, die Kinderbetreuungsangebote sind deutlich besser, es gibt mehr Ganztagsschulen und die Qualität der Schulen ist in einigen Fächern höher als im Westen. Das macht die ostdeutschen Städte attraktiv für gut ausgebildete Paare, von denen beide arbeiten.

Ist der starke Bevölkerungsrückgang nur ein Fluch, oder birgt er auch Chancen?

Gropp: Der Osten ist in der demografischen Entwicklung dem Westen etwa zehn Jahre voraus. Ich sehe darin auch Chancen. Die Probleme sind anders als in Berlin, München oder Frankfurt schon jetzt offensichtlich. Daher könnten die neuen Bundesländer zu Vorreitern beim Entwickeln und Umsetzen von Lösungen werden. Für meinen Geschmack macht sich die Politik darüber aber noch immer viel zu wenige Gedanken. Übrigens: Der Rückgang hat ja auch positive Seiten für qualifizierte Arbeitnehmer: Die Löhne werden steigen und es gibt mehr attraktive Stellenangebote.

ZUR PERSON:


Prof. Reint E. Gropp (48) hat Volkswirtschaftslehre an der Universität Freiburg und der University of Wisconsin in Madison (USA) studiert. 1994 schloss er dort seine Promotion ab. Vor seinem Amtsantritt als Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) im November 2014 war er Professor an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Davor arbeitete er für den Internationalen Währungsfonds und die Europäische Zentralbank. An der Uni Magdeburg hat er einen Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre. Gropp ist verheiratet und hat zwei Kinder.


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