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Warum "Wirtschaftsflüchtlinge" Deutschland guttun

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BALKANFLCHTLINGE
dpa
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Es ist kaum zu ertragen, wie in Deutschland derzeit über Einwanderung gesprochen wird.

Wer hätte noch vor einigen Jahren gedacht, dass in einem der wohlhabendsten Länder der Welt wieder ein neuer, ekelhafter Menschenhass Gestalt annimmt. Vor unser aller Augen. Und das noch in einer Phase relativen Wohlstands.

Und es hilft nichts, das Problem auf die intellektuell nicht sonderlich wendigen Demonstranten von Freital abzuschieben. Ihr stumpfer Korpsgeist und ihre rassistischen Parolen mögen zwar erschreckend sein. Der Kern des Konflikts sitzt aber tiefer: Es ist die Art und Weise, wie wir über Migrationspolitik diskutieren.

Die Trennung zwischen "guten" und "schlechten" Einwanderern ist Quatsch

Entgegen allen historischen Erfahrungen trennen viele Deutsche immer noch zwischen „guten“ und „schlechten“ Einwanderern. In der Asyldebatte spitzt sich dieser Irrtum auf die Zuwanderer aus den Balkan-Staaten zu. Tenor: Kriegsflüchtlinge dürfen bleiben. Wer aber einfach nur deswegen nach Deutschland kommt, um hier eine bessere Zukunft zu suchen, hat hier nichts verloren.

Alles reduziert sich auf ein Schlagwort, das in manchen Kreisen schon längst zum Schimpfwort geworden ist - der so genannte „Wirtschaftsflüchtling“.

Die Angst vor dem „Wirtschaftsflüchtling“ wurde über Jahre auch von den Volksparteien geschürt. Man denke nur an die völlig absurde Debatte um die angebliche „Einwanderung in die Sozialsysteme“ durch „Bulgaren und Rumänen“, die fahrlässigerweise von der CSU im Vorfeld der Europawahl losgetreten wurde.

Angst um Arbeitsplätze

Besonders in Ostdeutschland, wo die Arbeitslosenquote immer noch höher ist als im Westen, grassiert zudem die kaum tot zu kriegende Furcht, dass „Ausländer“ den Deutschen „die Arbeitsplätze“ wegnehmen wollen. Oder, etwas, neutraler ausgedrückt: Dass es durch Zuwanderung zu mehr Konkurrenz und Dynamik auf dem Arbeitsmarkt kommen könnte.

Aber womöglich ist gerade das nicht das Problem, sondern die Lösung.

Wirtschaftsmigration ist seit Jahrhunderten in der gesamten westlichen Welt die Triebfeder von Fortschritt und Aufschwung. Und auch die Deutschen selbst waren in der Vergangenheit oft genug selbst "Wirtschaftsflüchtlinge".

Von 1821 bis 1912 wanderten 5,45 Millionen Deutsche nach Amerika aus. Darunter waren auch politische Flüchtlinge, die nach der Revolution von 1848 Schutz vor Verfolgung suchten. Die große Mehrheit der deutschen Einwanderer in die USA waren jedoch waschechte "Wirtschaftsflüchtlinge", die in der „Neuen Welt“ eine bessere Zukunft suchten.

Auch Deutsche waren oft genug "Wirtschaftsflüchtlinge"

Sie gründeten dort Weltkonzerne: Die Firmen Boeing und Heinz sind da nur zwei prominente Beispiele. Gegründet von den Nachfahren armer Schlucker aus Hohenlimburg (Westfalen) und Kallstadt (Pfalz). Im amerikanischen Bürgerkrieg bildeten deutsche Soldaten das Rückgrat der Nordstaaten-Armee im Kampf gegen die Truppen der Sklavenhalterstaaten des Südens.

Niemand wäre auf die Idee gekommen, diese Leute aus dem Land schmeißen zu wollen. Schließlich trugen auch die Deutschen ihren Teil dazu bei, dass die USA im späten 19. Jahrhundert zu einer jungen, zukunftsfrohen Gesellschaft voller Energie und Risikobereitschaft wurden.

Hätte man in den USA mit einem ähnlich großen Brett vorm Kopf argumentiert wie heute die so genannten Migrationskritiker in Deutschland, dann wären die „Tellerwäscher“ schon im Hafen von New York gescheitert – noch bevor sie die Chance hatten, sich zum Millionär hochzuarbeiten.

Im Zuge Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg und der Inflation von 1923 zog es Hunderttausende in die westlichen Nachbarländer. Und nach Südamerika. In Brasilien gibt es heute noch eine Region mit dem Namen „Neu-Württemberg“. Die Fachwerkhäuser von Blumenau im Bundesstaat Santa Catarina sind heute eine Touristenattraktion.

Deutschland selbst hat oft genug von Armutsmigration profitiert

Auch Deutschland selbst hat in der Vergangenheit prächtig von Armutsmigration profitiert. Im 19. und 20. Jahrhundert wanderten etwa eine halbe Millionen polnischstämmiger Arbeiter aus dem Russischen Reich und den deutschen Ostprovinzen ins Ruhrgebiet ein, um dort auf den Zechen und Stahlwerken eine Anstellung zu finden.

Legendär illustriert wurde das vom Regisseur Klaus Emmerich in seinem ARD-Mehrteiler „Rote Erde“. Ein Werk, das an vielen Stellen wie ein Gleichnis für die heutige Debatte wirkt. Der Protagonist Bruno Kruska fällt in der Anfangsszene durchgefroren und ohne Papiere von einem Planwagen und bittet in gebrochenem Deutsch den Betriebsführer einer Zeche um eine Stelle als Hauer. Von seinen künftigen Kollegen muss er sich als „Pollacke“ beschimpfen lassen. So war es im Jahr 1887 tatsächlich oft gewesen.

Dabei waren es genau solche Migranten wie Bruno Kruska, die den Aufstieg Deutschlands zur Wirtschaftsweltmacht erst ermöglichten. Warum? Gerade weil sie kaum mehr hatten als die Sachen, die sie am Leib trugen, brachten sie den Ehrgeiz und die Energie mit, etwas in ihrer neuen Heimat aufzubauen.

Und sie schafften es deswegen, weil die deutsche Gesellschaft durch den Arbeitermangel dazu gezwungen war, ihnen eine Chance zu geben.

Ähnlich war es mit den so genannten „Gastarbeitern“ in der Bundesrepublik. Auch sie leisteten einen wichtigen Beitrag zum Wiederaufbau Deutschlands nach dem Krieg, weil sie eine Chance dazu bekamen.

Immer wieder: Angst

Später entschieden sich die Politiker in ihrer neuen Heimat dann, dass sie diese Chance nicht mehr verdient hätten. Die „Gastarbeiter“ sollten „rückgeführt“ werden, weil sie nicht mehr gebraucht würden. Die Parolen aus dem schwarz-gelben Regierungsprogramm von 1983, als explizit die Rede davon war, dass „Deutschland kein Einwanderungsland“ sei, zeugen bis heute davon.

Seitdem rollen immer wieder neue Angstwellen durch Deutschland. Sogar die heute oftmals gut integrierten Spätaussiedler der 90er-Jahre wurden einmal als „Gefahr“ wahrgenommen. Die Asyldebatte von heute knüpft an diese Vorurteile an.

Die Trennung zwischen „guten“ und „schlechten“ Einwanderern liefert dafür ein bürgerlich akzeptiertes Feindbild. Tenor: Wenn sich Einwanderung nicht verhindern lässt, dann sollen wenigstens die Habenichtse sollen das Land schnellstmöglich wieder verlassen.

Dabei steht der deutsche Arbeitsmarkt vor ähnlich großen Herausforderungen wie Ende des 19. und Mitte des 20. Jahrhunderts. Bis 2030 werden in Deutschland bis zu acht Millionen Arbeitskräfte fehlen. Und niemand weiß derzeit so recht, wie man diese Lücke schließen soll.

Es wird also Zeit, dass wir die Armutsflüchtlinge auch in Deutschland willkommen heißen. Dass wir ihnen die Möglichkeit eröffnen, einen Job zu finden, dass wir sie fördern – weil sie Menschen sind, und Deutschland für sie Hoffnung bedeutet. Aber auch, weil wir sie brauchen.

Die Antwort der Politik auf die Existenzängste vieler Deutschen kann jedenfalls nicht sein, in den „Wirtschaftsflüchtlingen“ einen billigen Sündenbock zu suchen. Womöglich machen wir damit alles nur noch schlimmer.


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