POLITIK
02/08/2015 12:03 CEST | Aktualisiert 02/08/2015 17:46 CEST

Inmitten von Bombentrümmern in Bagdad spielt Komponist Karim Wasfi für die Verzweifelten

Wo: Badgad, Irak, inmitten von Ruinen

Wann: Keine genau Uhrzeit, immer dann, wenn Bomben gefallen sind

Dauer: 1,5 Stunden

Geladene Gäste: Eine offene Einladung an jeden Passanten und jede Seele, die Bombenschäden zu beklagen hat

Anlass: Ein Salut an die abwesenden und eine Heiligung der anwesenden Seelen

Instrumentalist: Karim Wasfi, Erster Cellist und Maestro des Irakischen Nationalen Symphonieorchesters

Der Dunkelheit des Rußes zum Trotz, der die Umgebung nach der Explosion eines voll beladenen Fahrzeugs nahe Hai Al Mansur in Bagdad einhüllte, erklang eine Melodie gegen den Tod. Inmitten dieser Szenerie, im Herzen von Ruinen, saß er mit solcher Eleganz und trug seine förmliche Dirigentengarderobe. Er spielte ein Stück aus dem Stehgreif auf seinem Cello und besang mit seiner Melodie die Seelen, die im Feuer umgekommen waren.

Die Straße wird zur Bühne

Karim Wasfi, Leiter des irakischen Nationalen Symphonieorchesters, wählte die Straße als seine Bühne, um die Zeugen des Krieges zu trösten, indem er eine Darbietung gab, in dem einzigen Glauben, dass Musik den Menschen helfen würde, über die Nachwirkungen der Explosionen hinwegzukommen. Der ausgebildete Musiker sagte der arabischen HuffPost: „Durch die andauernden Bombenattentate, den Schutt und den Zustand der Angst, der uns umgibt, fühle ich mich dafür verantwortlich, etwas zu tun. Als Orchesterchef und Instrumentalist kann ich nicht ignorieren, was um mich herum geschieht, und deshalb gebe ich weiterhin Vorstellungen in der Oper, so als ob alles in Ordnung wäre.“

Die mörderischen Straßen von Bagdad – wo Fahrzeuge explodieren und Selbstmordattentäter sich mitten in der Menschenmenge in die Luft sprengen – motivierten Wasfi, eben dort seine Musik zu spielen, als ein Versuch, aus den Trümmern etwas Schönes zu erschaffen. Er glaubt, dass „in jedem Aspekt unseres täglichen Lebens Hoffnung liegt, und dass dies nicht durch diese Explosionen beschränkt werden sollte. Es liegt in unserer Verantwortung, unser Bestes zu tun, um optimistisch zu bleiben und uns selbst von der Negativität, die über uns gebracht wird, zu befreien.“

„Ich jedenfalls weigere mich, meinen Tag in der Angst vor Explosionen zu beginnen, und wenn es dann passiert, drücke ich meine Weigerung durch meine Musik aus“, fügte er hinzu.

"Das Leben ist eine offene Bühne"

Das irakische Volk – das sich an Bombenanschläge als Teil des täglichen Lebens gewöhnt hat – ist nicht nur überrascht von den musikalischen Darbietungen, sondern auch von der adretten Erscheinung des Musikers, der für es spielt. Vor der Kulisse von Bombentrümmern trägt Wasfi dasselbe formelle Outfit wie bei Opernaufführungen. Der irakische Cellist ist bisher 13 Mal auf den Straßen von Bagdad aufgetreten und das jedes Mal in seinen besten Kleidern.

„Ich muss eine persönliche Verbindung erhalten, wenn ich mich in dieser kultivierte Form der Kunst übe. Um das zu tun, muss ich sie genau so behandeln als ob ich sie auf der Bühne darbrächte“, sagte er. „Das Leben ist eine offene Bühne für jeden, der seine Arbeit auf positive Art und Weise beisteuern möchte, und deshalb trete ich auf der Bühne des Lebens ebenso formell auf wie auf jeder anderen Bühne.“

"Ode an Bagdad" und "Ode an die Welt"

Wasfi berichtet, dass seine Bekanntschaft mit der Bühne schon im Mutterleib begann, da seine Mutter Pianistin war und er daher während ihrer Schwangerschaft und während seiner Kindheit umgeben von Musik war. Wasfi erklärt, dass seine Mutter eine Schlüsselrolle darin spielte, wie er den Tod, Bombenanschläge und den Krieg wahrnimmt. Auf der einen Seite, sagte er, hätte sie die Spannung dessen abgemildert, was passierte, und auf der anderen brachte sie ihm bei wie man dem Unausweichlichen ins Gesicht sieht. „Sie war stärker als der Krieg und Bomben“, sagte er.

„Ode an das Leiden“, „Ode an Bagdad“ und „Ode an die Welt“ sind unter anderen nur einige wenige der Titel, die Wasfi aufgeführt hat, jeder davon für gewöhnlich etwa 90 Minuten lang. „Ich sammle diese Stücke für all jene, die wir überall auf der Welt verloren haben, und zum Trotz gegenüber denen, die andere im Namen der Politik umbringen.“

Der Musiker beschränkt sich nicht darauf, Stücke zu spielen, die er bereits komponiert hat. Zuweilen ist er dazu inspiriert, aus dem Stehgreif Stücke zu komponieren.

Wasfi spielte vor dem Hintergrund der Bombentrümmer

Bei einer Aufführung im Mai lagen nur sieben Stunden zwischen einem Bombenanschlag und Wasfis Auftritt auf demselben Schauplatz. Dieses Mal jedoch trug Wasfi seinen weißen Anzug, nicht seinen schwarzen. Dieses Mal war anders. Dieses Mal spielte er für die Seele seines liebsten Freundes, Ammar Al-Schabbaner, dessen letzten Worte an Wasfi lauteten: „Alles, was du komponierst, ist schön, aber ich wünschte, deine elegischen Musikkompositionen hätten eine positive Melodie.“

Wasfi erzählte der arabischen HuffPost: „An diesem Tag spielte ich vier Stunden lang vor dem Hintergrund der Bombentrümmer, um die Seele meines Freundes zu heiligen, der zu Asche zerfallen war. Es waren überall Kerzen angezündet und ich fühlte eine positive spirituelle Energie. Ich wollte sichergehen, an diesem Tag positive Energie zu verbreiten, was der Grund dafür ist, dass ich den weißen Anzug gewählt habe.“

"Musik ist ein mächtiges Werkzeug, um intellektuellem Terrorismus zu begegnen"

Wasfi sagte, dass er sich wegen des Todes seiner Frau dazu entschlossen habe, in seinem Heimatland zu bleiben. Er zögerte nicht zu bleiben, um seine Verpflichtung als Künstler zu erfüllen, vor allem, fügte er hinzu, weil „Waffen nicht die einzigen Mittel des Terrors sind. Musik ist ein mächtiges Werkzeug, um intellektuellem Terrorismus zu begegnen.“

„Licht“ und „Geist“: Mit diesen Worten beschrieb der Maestro sein Cello, das Instrument, mit dem er für das Publikum auf der Straße spielte. Es half ihnen in ihrer Seelenpein. Alle waren bewegt von seiner Melodie: jung und alt, reich und arm und sogar diejenigen mit anderen politischen Ansichten.

Laut Wasfi „hielt auch der Aufräumtrupp, der die Überreste und den Schutt aufsammelte, inne, um zuzuhören. Jeder fühlte eine positive Energie anstelle des Todes. Ich schuf eine Bühne ähnlich wie in einer Oper, als ich die Menschen mit meiner Musik bezauberte.“

Er fügte hinzu: „Meine Anwesenheit auf der Straße war nicht mit der Tragödie des Anschlags verknüpft, sondern das war es, was mich dazu brachte, dort zu spielen. Meine Mittel sind gering; ich begann meinen Auftritt ungeschützt und ohne schusssichere Fahrzeuge.“

Dieser Artikel ist ursprünglich bei der HuffPost Arabi erschienen und wurde von Dagmar Köhnlein aus dem Englischen übersetzt.


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