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Liebe Helene Fischer: Wann hören wir endlich von Ihnen, dass Sie der Flüchtlingshass ankotzt?

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HELENE
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Liebe Helene Fischer!

Lassen Sie mich mit einem Kompliment beginnen: Ich kenne keine Künstlerin in Deutschland, die derart konsensfähig ist wie Sie. Sie treten auf der Party des Eurovision Song Contests auf, feiern mit der Nationalmannschaft den Weltmeistertitel. Die Programmplaner des öffentlich-rechtlichen Fernsehens würden sich den kleinen Finger abhacken lassen, wenn Sie noch häufiger zur besten Sendezeit bei ARD und ZDF zusehen wären.

Sie sind Mainstream. So wie Til Schweiger.

Das ist jener deutsche Schauspieler, Regisseur und Produzent, der keinen Hehl daraus macht, dass er lieber einen Blockbuster als einen Arthouse-Film dreht. Ein Mann, der genauso von seiner Beliebtheit bei den Massen lebt wie Sie. Weil er Filme gedreht hat, die zur deutschen Popkultur gehören wie die Kartoffeln zum Sonntagsbraten, ist er Multimillionär geworden.

Eben dieser Til Schweiger hat in den vergangenen Wochen etwas geschafft, was ich ihm zuvor kaum zugetraut hätte: Er hat durch seine Standhaftigkeit der Asyl-Debatte eine ganz neue Wendung gegeben. Weil ihm auf Facebook nach einem harmlosen Hilfsaufruf eine Welle des Hasses entgegengeschlagen ist, hat er klar Stellung bezogen: Wer auch immer gegen Ausländer hetzt, möge sich verpissen. Schweiger will keinen einzigen Fremdenfeind seinen Fan nennen müssen.

Vorher hatte er meine stille Bewunderung für seinen Erfolg. Seitdem hat er meinen lauten Respekt für seine Menschlichkeit.

Frau Fischer, auch Sie haben ein Problem mit rechten Fans. Und Sie wissen das, spätestens seit Frühjahr vergangenen Jahres. Damals sind sie juristisch gegen den thüringischen Landesverband der NPD vorgegangen. Die Truppe um den vorbestraften Landeschef Patrick Wieschke hatte ihr Lied „Atemlos“ bei Wahlkampfauftritten spielen lassen.

Offenbar glaubten die rechten Rattenfänger damals, dass Schlager bei ihren potenziellen Anhängern besser ankommt als Rechtsrock oder Marschgebell. Ihre Musik, Frau Fischer, war der Süßstoff, mit der die bitterbraune Politplörre der Ausländerfeinde genießbar gemacht werden sollte. Eigentlich hätte Sie das nachdenklich machen müssen. Oder haben Sie nur deswegen Rechtsschritte gegen die NPD eingelegt, weil Sie sich um Ihr blütenweißes Image fürchteten?

Einige Monate später, im Herbst 2014, erstarkte in Dresden die Bewegung der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Auch bei jenen, die sich im weitgehend islamfreien Sachsen vor einem Ansturm von muslimischen Extremisten fürchteten, stand Schlagermusik hoch im Kurs.

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Mitbegründerin Kathrin Oertel war eine Bewunderin von Roland Kaiser. Was die Pegida-Fronfrau offenbar nicht wusste: Kaiser ist seit 13 Jahren SPD-Mitglied. Er distanzierte sich von den fremdenfeindlichen Aufmärschen in Dresden.

Sichtlich angefasst sprach Oertel im Januar zu den Demonstranten in Dresden: „Und jetzt noch etwas Persönliches, was mich sehr enttäuscht hat: Lieber Roland Kaiser, seit Jahren verfolge ich Ihre Musik. Ich war ein großer Fan von Ihnen. Aber sie haben sich politisch verkauft!"

Und wissen Sie was, Frau Fischer? Oertels damaliger Kollege im Vorstand von „Pegida e.V.“, Lutz Bachmann, war und ist ein Fan von Ihnen. Ja, genau: Das ist der gleiche Lutz Bachmann, der auch maßgeblich an dem Entstehen der grauenvollen Anti-Ausländer-Proteste in Freital beteiligt war.

Niemals hat man diesen Mann Worte der Enttäuschung stammeln hören, weil Sie sich von ihm und seinen Machenschaften distanziert haben. Und es gab viele, die sich damals deutliche Worte von Ihnen gewünscht hätten: Der frühere Fernsehmoderator Ilja Richter zum Beispiel hatte Sie in einem Gastbeitrag für die „Welt“ dazu aufgefordert, sich von Pegida zu distanzieren.

Doch Sie blieben wieder einmal stumm wie ein Goldfisch im Wasserglas.

Als Künstlerin profitieren sie von Ihrer riesigen Fangemeinde, die Menschen aus allen Altersklassen und politischen Lagern umfasst. Sie haben eine Vorbildfunktion. Und damit auch viel Verantwortung. Es gibt derzeit kaum jemanden in Deutschland, der wirkungsvoller ein Zeichen gegen die rechten Umtriebe setzen könnte als Sie.

Frau Fischer, das ist eine große Chance: Sie könnten für mehr in Erinnerung bleiben als für Schlagersongs, deren kulturellen Kontext in 20 Jahren niemand mehr verstehen wird.

So lange aber Ihre Lieder in den Autoradios von heimfahrenden Ausländerfeinden laufen, liefern sie die Ausnüchterungsmusik zu dem braunen Hassrausch, der zur Zeit ganz Deutschland überfällt. Ist das wirklich in Ihrem Sinne?

Es mag sein, dass Sie mit Ihren Liedern wunderbar in die vergangenen Merkel-Jahre gepasst haben. Ein Stück heile Welt. Gefühlsbetont, ohne Ecken und Kanten. Aber diese Bundesrepublik, in der Sie so viel Erfolg hatten, verändert sich gerade.

In ganz Deutschland brennen Asylbewerberheime. Politiker, Schriftsteller, Journalisten und politische Aktivisten werden mit dem Tode bedroht. Es fallen Schüsse auf Flüchtlinge, Helfer des Roten Kreuzes werden mit Steinen attackiert. In Freital ist sogar eine Bombe unter dem Auto eines Lokalpolitikers explodiert.

Vor unseren Augen entsteht ein neuer rechter Terror. Zu diesem Wahnsinn muss man eine Meinung haben. Wegducken gilt nicht mehr.

Niemand erwartet von Ihnen ein Essay in der „Zeit“. Oder einen politischen Kommentar in der „Welt“. Es würde absolut reichen, wenn sie einen klaren, gerade Satz zustande bringen würden.

Etwa: „Euer Ausländerhass kotzt mich an“. Oder: „Rassisten haben auf meinen Konzerten nichts zu suchen.“ Das würde man gerne mal von Ihnen hören.

Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal schreibe: Aber ein wenig mehr Til Schweiger täte ganz Deutschland gut. Auch Ihnen.


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