POLITIK
07/07/2015 11:56 CEST | Aktualisiert 07/07/2015 13:03 CEST

Pickelhauben-Titel: Wie die "Bild"-Zeitung Deutschland in den Dreck zieht

BILD

Es gibt Schlagzeilen, deren Entstehungsgeschichte man sich gar nicht vorstellen will. Und doch hat man diese Bilder im Kopf...

Gestern im Springer-Hochhaus: Bestürzung und Wut über die Ereignisse des Wochenendes. Die Griechen haben es gewagt, die Sparvorschläge der Eurogruppe mit großer Mehrheit abzulehnen. Und dann noch die leise Ahnung, dass in Brüssel vielleicht doch noch was gehen könnte. Dass dem „letzten Angebot“ der Eurogruppe noch ein „allerletztes“ folgen könnte.

Bei der Morgenkonferenz in der Redaktion der „Bild“ sind sich alle einig, dass „die gierigen Griechen“ nun für ihren geäußerten Volkswillen abzustrafen sind. Auf eine originelle Schlagzeile kommt jedoch niemand.

Und so ziehen die Schönwetterwolken über Kreuzberg. Es wird Nachmittag. Es wird Abend.

"Preußens Gloria"

Um halb sieben taucht auf einmal Franz-Josef Wagner zu einem seiner seltenen Besuche im Newsroom auf. In der rechten Hand hält er eine beißend qualmende Gitane, unter dem linken Arm trägt er einen Plattenspieler. Er verschwindet im ehemaligen Arbeitszimmer von Axel Springer. Eine Weinflasche später kommt er mit einer LP heraus, schreit laut „Heureka!“ und schmeißt den Plattenteller in Gang.

Durch die Flure scheppert „Preußens Gloria“. Sekunden später gehen fast zeitgleich die Bürotüren der Chefredaktion auf. Kai Diekmann und Julian Reichelt paradieren im Stechschritt an der ebenso euphorisierten wie überraschten Politikredaktion vorbei. Drachmen-Experte Paul Ronzheimer folgt drei Meter dahinter und haut genauso inbrünstig wie unrhythmisch auf eine Blechtrommel.

Zwanzig Minuten später ist die Titel-Seite für die Dienstagsausgabe fertig.

Der traurige Teil der Geschichte ist, dass diese Titelseite heute tatsächlich an den Kiosken liegt. Nicht nur in Hamburg, Berlin und München. Sondern auch in Rom, Madrid und Athen. Spätestens über die sozialen Netzwerke dürfte die Montage dann auch jenen Griechen zugänglich werden, die nicht jeden Tag an einem Bahnhofskiosk vorbeikommen.

Niemand erwartet von der „Bild“ Feingefühl. Das wäre ungefähr so, als ob man eine Rolex mit einem Dampfhammer reparieren wollte.

Aber ein erster Schritt wäre getan, wenn diese immer noch größte Zeitung Deutschlands nicht alles dafür tun würde, um das Image dieser Republik im Ausland so nachhaltig durch den Dreck zu ziehen.

Der besonders von Angela Merkel forcierte Sparkurs ist umstritten. Und das mit Recht. Der Schweizer „Tages-Anzeiger“ bezeichnete die Austeritätspolitik jüngst als die „gefährlichste Idee Europas“. Zitat: „Es ist eine Idee, die keine Theorie im Rücken hat, keine nachweisbaren Erfolge zeigt, dafür aber direkt zur größten politischen Katastrophe des letzten Jahrhunderts führte.“

Die Griechen leiden unter der Krise

Nach fünf Jahren Sparpolitik ist nicht nur die griechische Wirtschaft um ein Viertel geschrumpft. Auch das Gesundheitssystem ist bis zur Unkenntlichkeit gestutzt worden. Ärzte warnen beispielsweise, dass der enorme Anstieg bei der Säuglingssterblichkeit eine direkte Folge der verordneten Kürzungen in der Schwangerschaftsvorsorge ist.

So manche Provokation musste sich die Bundesregierung in der Vergangenheit gefallen lassen. Auch einige Unverschämtheiten. Im Wahlkampf bezeichnete der spätere Ministerpräsident Alexis Tsipras den Sparkurs als „sozialen Holocaust“. Mal wurde Finanzminister Wolfgang Schäuble im Wehrmachts-Uniform karikiert, mal mit gezückter Waffe und Stahlhelm vor einem KZ.

Aber im Ernst: Wer wäre schon auf die Idee gekommen, dass ausgerechnet Deutschlands größte Boulevardzeitung alle deutschfeindlichen Klischees mit einem einzigen unüberlegten Titelbild bestätigt?

Pickelhaube als Sinnbild deutschen Großmachtstrebens

Für eingefleischte Germanen mag die Pickelhaube auf der inneren Emotionsskala irgendwo zwischen Kölschem Karneval und Blut-und-Eisen-Romantik rangieren. Für viele Völker Europas dagegen ist sie immer noch Sinnbild deutschen Großmachtstrebens. Die Kaiserliche Armee zog bis 1915 noch mit einer stählernen Version in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Der „Helm mit Spitze“ (amtliche Bezeichnung) steht für jenes Deutschland, das mit der Europäischen Union eigentlich für immer der Vergangenheit angehören sollte.

Diesen Zusammenhang erkennt man nur dann nicht, wenn man über eine der größten Krisen in der EU-Geschichte gerade so berichtet, als stünde morgen in Wahrheit die Neuauflage des Europameisterschafts-Halbfinals von 1996 gegen England an.

Übrigens: Laut den eigenen Unternehmgrundsätzen sollen Mitarbeiter des Axel-Springer-Verlags für die „Förderung der Einigungsbemühungen der Völker Europas“ eintreten.

Ginge es danach, müssten heute eigentlich alle am Titel beteiligten Redakteure gefeuert werden. Samt ihrer Pickelhauben.

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Hängender Kopf und erschöpfter Blick: Die mächtigste Frau der Welt ist müde - so sehr setzen die Griechen Merkel zu

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