POLITIK
07/07/2015 10:16 CEST | Aktualisiert 18/01/2016 19:35 CET

Eindrucksvolle Videoreportage gewährt Einblicke in die Welt des IS

AP
7 Dinge, die du bei einer Reise in den Islamischen Staat lernst

Vor einem Jahr rief der Islamische Staat (IS) in Syrien und im Irak ein "Islamisches Kalifat" aus. Aus der Horde wilder Kämpfer ist in den vergangenen zwölf Monaten ein gut organisiertes Terror-Netz geworden, das Andersgläubige brutal ermordet.

Wie es wirklich im Herrschaftsgebiet der Terrormiliz zugeht, lässt sich nur erahnen. Augenzeugenberichte sind rar und auch Journalisten haben es schwer, in das Epizentrum des Kalifats vorzudringen.

Der Filmemacher Medyan Dairieh hat es geschafft. Er bekam im Juni 2014 Zugang ins Herz der IS-Terrormiliz, drei Wochen lang durfte er durch das Kalifat reisen und mit ranghohen IS-Vertretern sprechen. Seine Eindrücke schildert der "Vice"-Reporter in einer eindrucksvollen Videodokumentation, die bislang unbekannte Einblicke in die perfide Propagandawelt der Dschihadisten gewährt.

Hier sind 7 Erkenntnisse aus Dairiehs Dokumentation:

1. Die Macht des IS wirkt auf Kinder anziehend

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"Ich will dem IS beitreten und mit ihnen töten", sagt ein Junge, dem Dairieh während seiner Dreharbeiten begegnet ist. "Weil sie die Ungläubigen und Abtrünnigen umbringen." Schon länger ist bekannt, dass syrische und irakische Kinder in IS-Terrorcamps zu Kriegern ausgebildet werden. Neben täglicher religiöser Indoktrination besteht der Unterricht aus Kampfsport und Abhärtung gegen Schmerzen und Grausamkeiten.

"Einige Kinder, die freigelassen wurden, haben sich stark verändert", schrieb die "FAZ" vor einigen Wochen. "Sie verteidigen den Islam und den IS, obwohl sie Jesiden sind; sie drohen ihrer eigenen Familie mit Enthauptungen, wenn sie sich dem IS nicht anschließen."

2. Der IS träumt von einem Angriff auf das Weiße Haus

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Dairieh wurde bei seiner Reise durch das Kalifat von IS-Pressesprecher Abu Mosa begleitet. In einer Sequenz im Video fällt ein Nebensatz, der verrät, wie die Haltung der Dschihadisten gegenüber den USA ist. "Seid keine Feiglinge, indem ihr uns mit Drohnen angreift", sagt Mosa in die Kamera. "Sendet lieber eure Soldaten, diejenigen, die wir schon im Irak gedemütigt haben."

Und weiter: "Wir werden sie überall demütigen, so wahr es Gott will. Und wir werden Allahs Flagge am Weißen Haus hissen." Auch vor einigen Monaten hatte der IS in einer Videobotschaft mit Anschlägen in den USA und Europa gedroht. "Wir werden das Weiße Haus, Big Ben und den Eiffelturm explodieren lassen“, hieß es damals.

3. Der Kriegstaktik des IS ist brutal - und erfolgreich

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Wer sich nicht ergibt, wird vom IS belagert und ausgetrocknet. So könnte man das beschreiben, was der "Vice"-Filmemacher dokumentiert, als er IS-Milizen bei einem Gefecht gegen eine isolierte Gefechtsstellung der syrischen Rebellen begleitet. Zu sehen ist, wie sich mehrere IS-Milizen in Schützengräben an die Front vorarbeiten und die Rebellen beschießen.

"Unsere Brüder haben ihre Lager an allen vier Seiten der 17. Division", erklärt Mosu. "So verhindern wir ein Eindringen des Feindes. Gott sei Dank sind sie gefangen, sie können nicht mehr versorgt werden, außer mit dem Fallschirm." Später im Video sieht man, wie die IS-Milizen die abgetrennten Köpfe der Rebellen auf Zäunen in der Stadt Raqqa aufgespießt haben.

Dairiehs Einschätzung zur IS-Kriegstaktik:

"Der IS hat (...) die dreigleisige Militärdoktrin von den Taliban übernommen: Erstens wird der Feind angegriffen, um ihn zu verwirren, ihn mürbe zu machen und ihn zu schwächen. Zweitens werden grundlegende Materialien wie Waffen, Geld und Nahrungsmittel erbeutet. Drittens wird in den Medien die Nachricht vom Sieg verbreitet, um die Popularität der Organisation zu steigern."

4. Familie ist nichts - Krieg ist alles

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"Ich fahre nicht aus Spaß nach Hause, nur, wenn es wirklich wichtig ist oder wenn ich krank bin", erzählt ein Dschihadist im Video. Ob das bedeute, dass er rund um die Uhr für den Krieg lebe, will Dairieh wissen. Die Antwort des Mannes: "Ja." Und weiter: "Um ehrlich zu sein, ist die Familie das Unwichtigste, was es gibt."

Die Stellung von Familie und Ehefrauen ist im Islamischen Staat untergeordnet. Anfang des Jahres hatte ein von der Frauensektion des Islamischen Staates, der Al-Khansaa-Brigade, veröffentlichtes Dokument gezeigt, wie sich die Islamistinnen die Rolle der Frauen im Kalifat vorstellen. Demnach sei ihre vordringlichste Aufgabe, die Terroristen-Miliz mit Nachwuchs zu versorgen und sich um Mann, Kinder und Haushalt zu kümmern, hatte damals der "Stern" berichtet.

5. Die Propagandaarbeit des IS ist effektiv - auch dank der Hilfe aus dem Ausland

Während seiner dreiwöchigen Reise durch das IS-Kalifat hatte Dairieh stets ein Medienteam des IS um sich, das ihn begleitete. Das Fazit des "Vice"-Reporters:

"Auch wenn der IS für die Qualität seiner Videoproduktionen bekannt ist, befinden sich in Wirklichkeit nur sehr wenige Männer mit Medienerfahrung in ihren Reihen. Einige wenige hatten vorher beim Fernsehen gearbeitet und ein paar Ausländer brachten etwas Expertise von außen mit. Soweit ich das sehen konnte, war ihre Ausrüstung sehr rudimentär und die Internetverbindung sehr langsam. Dafür arbeiteten sie aber extrem lange Schichten, schliefen nur zwischen drei und fünf Stunden pro Nacht und das sieben Tage die Woche.

Ich erfuhr, dass die Unterstützung aus dem Ausland, vor allem aus Libyen, ungemein wichtig war, um das Material überhaupt ins Netz stellen zu können. Einer aus dem Medienteam erzählte mir außerdem, dass ihnen in den letzten paar Monaten eine junge Frau in Großbritannien ebenfalls viel dabei geholfen hatte."

6. Patrouillen sind immer auf der Suche nach westlicher Propaganda

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In Raqqa begleitet Dairieh eine Art Scharia-Patrouille, die kontrolliert, ob die Bewohner der Stadt die Regeln der Islam-Gesetzes einhalten. In einer Szene maßregelt einer der mit einem Sturmgewehr bewaffneten IS-Milizen einen Geschäftsbesitzer, der ein Plakat mit westlichen Schauspielern vor seinem Laden aufgehängt hat. "Wir wollen eine islamische Straße, wir sind Muslime", hört man ihn sagen. "Wir wollen keine Ungläubigen. Wenn du dieses Plakat hängen lässt, heißt das, dass du Ungläubige magst."

In einer anderen Szene halten die selbsternannten Ordnungshüter neben einem Paar. "Sag deiner Frau, dass sie den Stoff ihres Schleiers wechseln soll", sagen sie dem Ehemann. Offenbar war das Kleidungsstück zu durchsichtig.

7. Der IS hat erhebliche Materialprobleme

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Schon in den vergangenen Wochen wurde klar: Dem IS drohen wirtschaftliche Probleme. Zwar gilt die Miliz als reichste Terrorgruppe der Welt, weil ihr der Besitz von Öl- und Gasfeldern im Irak und in Syrien Millioneneinnahmen beschert. Doch einen Staat zu unterhalten kostet viel Geld. "Viele landwirtschaftliche Flächen im Herrschaftsgebiet des IS liegen brach», sagt der Politikwissenschaftler. «Spätestens mit Ausbleiben der Ernte werden Probleme auftauchen", hatte zuletzt Guido Steinberg, Terror-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), gesagt.

Und auch "Vice"-Reporter Dairieh berichtet von Problemen, die er damals bei seiner Reise durch das Kalifat beobachtet hatte:

"Es fällt ihnen schwer, in den Besitz von Ersatzteilen und Werkzeugen zu kommen, die sie brauchen, um ihre schweren Waffen in Betrieb zu halten. Ebenfalls Engpässe scheint es bei der Anfertigung von ausreichend Autobomben zu geben, deren großflächiger Einsatz das Vorspiel vieler verheerender Angriffe gewesen war - darunter auch die Einnahme von Ramadi im Mai dieses Jahres."

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Video: ISIS-Terror: Video zeigt: Hier zerstört der IS die 3000 Jahre alte Stadt Nimrud

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