POLITIK
06/07/2015 20:40 CEST | Aktualisiert 06/07/2015 22:43 CEST

8 Gründe, warum die Schule erst um 9 Uhr beginnen sollte

Thinkstock

Was haben Bildungspolitiker nicht alles versucht, damit die deutschen Schüler in internationalen Vergleichen endlich besser abschneiden? Sie haben Lehrpläne entrümpelt, Schuljahrgänge gestrichen und wieder eingeführt und Ganztagsschulen eingerichtet.

Über den Erfolg dieser Maßnahmen lässt sich streiten. Kein Wunder, ihr Nutzen war schon heftig umstritten, bevor sie überhaupt ergriffen wurden.

Der Nutzen einer weiteren Maßnahme ist weit weniger umstritten: der eines späteren Schulbeginns. Es ist schon lange erwiesen, dass es fast nur Vorteile hätte, wenn die Schule etwas später starten würden.

Aber: In den meisten Klassenzimmern müssen die Schüler nach wie vor spätestens um acht Uhr antreten. Manchmal sogar früher. Ein Relikt aus einer längst vergangenen Gesellschaft.

Es gibt 8 gute Gründe, das endlich zu ändern:

1. Wer länger schläft, ist erfolgreicher

Zahlreiche Studien belegen, dass die Leistungsfähigkeit am Morgen bei vielen Jugendlichen mit der Pubertät abnimmt. "Um acht Uhr sind die Schüler gerade mal so leistungsfähig wie um Mitternacht", sagt etwa Jürgen Zulley vom Schlafmedizinischen Zentrum der Universität Regensburg.

Ideal wäre demnach ein Unterrichtsbeginn nach neun Uhr. Klausuren sollten erst ab 11 Uhr geschrieben werden.

"Es ist einfach: Jugendliche kommen besser durch die Pubertät, wenn sie ausreichend schlafen" und nicht in einen Tag gezwängt würden, der nicht zu ihnen passe, sagte Ralf Trotow dem "Spiegel". Er ist Schulleiter des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums in Berlin-Pankow, wo der Unterricht um 8:35 Uhr beginnt.

Unterstützt ein späterer Unterrichtsbeginn die Faulheit der Schüler? Nein, denn es geht darum, dass der Biorhythmus ausschlaggebend für erfolgreiches Lernen ist.

2. Wenige Minuten machen einen großen Unterschied

Studien aus den USA und auch aus Deutschland haben gezeigt, dass Schüler, die nur eine halbe Stunde mehr schlafen, motivierter sind, bessere Leistungen erbringen und seltener schwänzen.

3. Internationale Erfahrungen

In Frankreich, Spanien, Italien und Großbritannien ist der spätere Unterrichtsbeginn schon längst üblich. Auch dort sind die Erfahrungen positiv.

Warum nimmt sich Deutschland kein Beispiel am Ausland? Beim Pisa-Vergleich versuchen wir doch auch, Maßnahmen erfolgreicher Nationen zu übernehmen – etwa die Schulfächer zu streichen.

4. Pubertät vs. Konzentration

"Das Schulsystem arbeitet gegen die Natur der Jugendlichen", zitiert der "Spiegel" den Chronobiologen Till Roenneberg von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Wenn Kinder in die Pubertät kommen, verändert sich ihr Biorhytmus. Sie sind abends länger aktiv, weil sie später müde werden, und sie können morgens länger schlafen.

Laut einer kanadischen Studie fühlen sich zwei Drittel der Teenager bis zehn Uhr "richtig müde".

5. Das Problem zieht sich durch's ganze Leben

Das Schlaf-Dilemma betrifft nicht nur Schüler. "Etwa vier Fünftel unserer Gesellschaft müssen sich morgens einen Wecker stellen, um pünktlich zur Arbeit zu kommen", sagte Schlafforscher Peter Spork im HuffPost-Interview. Die heutigen Arbeitszeiten seien eher für Frühaufsteher gemacht, die ohne Wecker wach werden und trotzdem pünktlich zur Arbeit kommen.

Weiter sagt der Schlafforscher: "Die sind relativ ausgeschlafen und verstehen nicht, warum der Großteil der Gesellschaft darüber klagt, dass die Arbeit so früh anfängt. Das können diese vier Fünftel aber nicht, weil ihre innere Uhr erst später in den Nacht-Modus umschaltet."

6. Mehr Schlaf macht gesund

"Wenn man dafür sorgen würde, dass mehr Menschen ohne Wecker aufwachen könnten, dann wäre die Gesellschaft als ganze sehr viel gesünder", sagt Schlafforscher Spork. "Das Gesundheitssystem würde Kosten sparen, und die Unternehmen hätten viel leistungsfähigere und kreativere Mitarbeiter, die seltener krank wären."

Der Schlaf ist vor allem für das Gehirn wichtig und dafür, dass es optimal arbeitet. Deshalb ist es nur logisch, dass fast jede psychische Krankheit durch chronischen Schlafmangel begünstigt wird.

7. Die Regelung ist schlichtweg nicht mehr zeitgemäß

Nicht nur Schüler leiden unter den Unterrichtszeiten, sondern auch ihre Eltern. Häufig fällt bei Diskussionen über einen späteren Schulbeginn das Argument, dass sich dann die Unterrichtszeiten in den Nachmittag verschieben.

Aber genau das würde viele Probleme lösen. Denn zwei von drei Müttern in Deutschland sind berufstätig. Viele von ihnen haben enorme Probleme, ihre Kinder nachmittags zu betreuen.

Dass Schüler so früh nach Hause kommen, ist also auch aus gesellschaftlichen Gründen längst nicht mehr zeitgemäß.

8. Keine Zeit für die Familie

Schüler und Eltern hätten mehr Zeit miteinander, zum Beispiel für ein gemeinsames Frühstück, wenn die Schule später beginnen würde.

"Das entlastet die Kinder, das entlastet die Eltern, und wenn es eine Frühbetreuung an der Schule gibt, entzerrt das auch diese hektischen Stunden am Morgen", sagte die CDU-Familienpolitikerin Katherina Reiche anlässlich des Plans des damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten und jetzigen EU-Kommissars Günther Oettinger, den Unterrichtsbeginn nach hinten zu verschieben.

Wie schon gesagt: Diese Erkenntnisse sind gar nicht so neu. Die Frage ist: Warum ändert sich nichts?

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