POLITIK
06/07/2015 09:25 CEST | Aktualisiert 06/07/2015 12:32 CEST

Warum der Varoufakis-Rücktritt gut für Europa ist

Drei kurze Worte haben am Montagmorgen ein politisches Erdbeben ausgelöst: "Minister No More" - "kein Minister mehr".

So hat der bisherige griechische Finanzminister Gianis Varoufakis auf Twitter seinen Rücktritt verkündet. Darunter ein kurzer Verweis auf seinen Blog, auf dem er die Welt wissen lässt, dass einige "Eurogruppen-Teilnehmer" seine "Abwesenheit" bei den künftigen Verhandlungen gefordert hätten.

Und dann ein Satz, der tief blicken lässt: "Eine Idee, die der Ministerpräsident als potenziell hilfreich für ihn bezeichnete, um eine Einigung im Schuldenstreit zu erreichen." Mit anderen Worten: Alexis Tsipras hat Varoufakis keine Wahl gelassen. Er musste abdanken.

Die Stimmung in der Regierung ist gekippt

Vor der Volksabstimmung vom Sonntag hatte er noch verkündet, dass er seinen Posten lediglich bei einem Sieg des Ja-Lagers räumen würde. Das zeigt, dass die Stimmung gegen Varoufakis innerhalb der Regierung in den vergangenen Tagen gekippt sein muss. Allerdings hatte es zuvor schon Ärger gegeben, Tsipras hatte Varoufakis' Einfluss in den Verhandlungen bereits massiv beschnitten.

Was bedeutet der Varoufakis-Rücktritt also nun? Wer verfolgt hat, welche Rolle der Ex-Finanzminister in den vergangenen Wochen gespielt hat, muss zum Schluss kommen: Es ist gut so.

"Lasst uns doch nicht so technisch werden"

Varoufakis war zuletzt mehr ein Einigungs-Verhinderer als ein konstruktiver Verhandlungspartner. Wenn Varoufakis von seinen europäischen Amtskollegen nach Zahlen gefragt wurde, wich er gern aus: "Lasst uns doch nicht so technisch werden."

Das trieb viele - allen voran Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und IWF-Chefin Christine Lagarde - "zum Wahnsinn", berichteten Augenzeugen der Gespräche in Brüssel.

Oft hatte man den Eindruck, dass Varoufakis sein Image als rebellischer Popstar der Ökonomie wichtiger war als eine Einigung mit Griechenlands Geldgebern.

Athens Boulevard-Blätter berichteten gerne über Varoufakis' Penthouse im teuersten Stadtviertel von Athen unterhalb der Akropolis, der linke Wirtschaftsprofessor habe eine scharfe Zunge und provoziere gern, sagen Varoufakis' Weggefährten.

Varoufakis - das Gesicht des griechischen Trotzes

Der 54-Jährige ist mit seiner schroffen Art zum Gesicht des griechischen Trotzes bei den Schuldenverhandlungen geworden - und für Tsipras' immer mehr zum Problem.

Immer wieder hatten Euro-Partner Varoufakis zuletzt als inkompetent kritisiert. Das Vertrauen in den Wirtschaftsprofessor, und damit auch in die Athener Regierung, war zuletzt, gelinde gesagt, beschädigt. Im Mai erst behauptete eine Journalistin der "New York Times", Varoufakis habe beim Euro-Finanzministertreffen in Riga Gespräche mitgeschnitten.

"Sie sind vereint in ihrem Hass gegen mich"

Ein Minister, der vertrauliche Gespräche heimlich aufzeichnet? Keine Regierung der Welt kann sich so etwas leisten. Varoufakis sah sich, natürlich, stets als Opfer: "Sie sind vereint in ihrem Hass gegen mich - und ich begrüße ihren Hass", twitterte der Ex-Finanzminister vor einigen Monaten. Einen kompromissfähigen Staatsvertreter stellt man sich anders vor.

Schon im April hatte Tsipras auf die Unlust der Euro-Finanzminister, mit Varoufakis zusammenzuarbeiten, reagiert. Damals berief er eine Regierungs-Arbeitsgruppe für die politischen Verhandlungen mit den Geldgebern, deren Koordination ausdrücklich nicht Varoufakis anvertraut wurde.

Varoufakis' Haltung war zu sehr Schwarz-Weiß

Den selbstbewussten Ökonom zu entlassen, war Tsipras bislang jedoch zu heikel. "Je mehr die Europäer und die Medien Varoufakis angreifen, desto unwahrscheinlicher wird seine Entlassung", zitierte "Spiegel Online" im April noch ein ranghohes Regierungsmitglied.

"Er würde dann als Märtyrer oder Sündenbock gesehen". Man dürfe nicht vergessen, dass Varoufakis immer noch viele Fans habe, die seine harte Haltung und seinen lässigen Stil mögen, hieß es damals noch.

Zumindest für Merkel & Co. dürfte das schon lange nicht mehr gelten. Varoufakis' Haltung war zu oft zu sehr Schwarz-Weiß.

Mit Blick auf den Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs der Eurozone vor zwei Wochen hatte Varoufakis in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" geschrieben: Merkel könne in eine „ehrenvolle Einigung“ eintreten oder die einzige griechische Regierung über Bord werfen, die prinzipientreu sei und die das griechische Volk mitnehmen könne auf einen Pfad der Reform.

Fakt ist: Die Kommunikation mit Varoufakis war miserabel. Mitteilungen an Schäuble und die Kanzlerin erfolgten häufig per spitzen Artikeln auf seinem persönlichem Blog. Und Varoufakis hatte zu allem eine Meinung - ein Fehler, der ihm jetzt zum Verhängnis geworden sein könnte.

„Der griechische Finanzminister äußert sich zu zahlreichen Dingen so zahlreich, dass es inzwischen schon fast schwierig ist, den Überblick zu bewahren“, hatte im März bereits ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums kritisiert.

Man darf die Hoffnung nicht aufgeben im griechischen Schuldenstreit - erst recht nicht nach Varoufakis' Rücktritt. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, die Gespräche wieder neu aufzunehmen. Auch Tsipras' ist ein Dogmatiker, keine Frage. Doch es ist gut möglich, dass sich seine Verhandlungsposition jetzt ohne Varoufakis an der Seite verbessert.

Jede Menge Ärger, aber auch etwas Positives: Diese Auswirkung hat die Griechenland-Krise auf Wolfgang Schäuble

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