POLITIK
06/07/2015 18:48 CEST | Aktualisiert 06/07/2015 19:36 CEST

Ein Vortrag verrät, was der neue griechische Finanzminister Tsakalatos wirklich denkt

Er ist wahrscheinlich einer der Männer, mit dem gerade nur wenige tauschen wollen: Euclid Tsakalatos, frisch gebackener Finanzminister von Griechenland, Varoufakis' Nachfolger und Hoffnungsträger für eine baldige Lösung in der Schuldenkrise.

Der bisherige stellvertretende Außenminister saß bei den Gesprächen mit den Gläubigern als Koordinator die letzten Monate mit am Tisch. Er kennt also die festgefahrene Situation sehr gut. Und der Wirtschaftsprofessor beschäftigt sich seit Jahren mit der griechischen Schuldenkrise und dem Verhältnis zwischen seinem Land und den anderen Euro-Staaten.

Nach außen mag Tsakalatos versöhnlicher und weniger aufbrausend wirken als Varoufakis. Die Skepsis des erklärten Marxisten gegenüber Merkels Griechenland-Politik, ist aber offenbar nicht weniger groß als die seines Vorgängers.

Kampfansage an die Merkel-Regierung

Das legt ein Vortrag nahe, den er 2013 im Rahmen einer Konferenz in London hielt. Die Debattenrunde diskutierte die Frage: “Zerstört Merkel Europa - Ja oder Nein?” Tsakalatos’ Beitrag glich einer Kampfansage an die deutsche Regierung.

Warum, so fragte Tsakalatos, sei Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg nicht bestraft worden und Griechenland solle nun 2010 aber bestraft werden? Damals sei Deutschland mit dem Marshallplan unterstützt worden und keiner habe erwartet, dass das Geld zurückgezahlt werde, als die Deutschen wirtschaftliches Wachstum vorweisen konnten.

“Griechenland ist erst in diese Krise geraten, weil dem Volk neoliberale Grundsätze eingetrichtert worden sind”, wetterte der Politiker. “Die Griechen glaubten, wenn alles liberalisiert werde, werde auch das Wachstum einsetzen." Weiter sagte er: "Und ihnen wurde gesagt: Leiht euch Geld! Wenn die Wirtschaft erst wachse, würden sie in der Lage sein, es zurückzuzahlen.”

“Wir müssen uns Merkel entgegenstellen”

Privathaushalte, Banken, Unternehmen - sie alle seien angehalten worden, sich Geld zu leihen. Und als die Krise dann einsetzte, habe Merkel die griechische Regierung dazu aufgefordert, nur einen einzigen Vertrag einzuhalten - und zwar den mit den Gläubigern. “Sie zwang die Griechen, alle sozialen Versprechungen, die gemacht wurden - an die griechische Bevölkerung, an die jungen Leute - zu brechen.” Weil all diese sozialen Abmachungen gebrochen worden seien, stehe Griechenland vor einer humanitären Krise.

Das Fazit des Vortrages von Tsakalatos: “Wir müssen uns Merkel entgegenstellen”. Die Ungleichheit und die Armut in westlichen Staaten dürfe nicht länger andauern. Am Beispiel von Spanien in den 1930er Jahren könne man ja sehen, was geschehe, wenn man einem Land nicht zur Seite stehe, wenn es in der Krise stecke. Faschismus und Krieg seien die Folge.

Was er damit sagen will, ist ziemlich eindeutig: Wenn Merkel nichts unternimmt, dem Land nicht entgegenkommt treibt das Griechenland in den Faschismus und damit ins Chaos.

Heute, zwei Jahre später, hat sich die Krise in Griechenland im Vergleich zu damals deutlich verschärft. Und die Ansicht, Merkels Politik habe daran Schuld, teilen inzwischen viele Griechen.

Im Video sehen Sie Tsakalatos’ Vortrag (ab 13:30 min.)

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Griechischer Finanzminister: Die größten Ausraster von Yanis Varoufakis

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