POLITIK
02/07/2015 13:36 CEST | Aktualisiert 02/07/2015 21:50 CEST

Das ist Sigmund Gottlieb – der schwärzeste Journalist Deutschlands

Im Prinzip ist Sigmund Gottlieb ein Punk. Der Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks ist jemand, der stets gegen den Strom schwimmt, der auf Konventionen pfeift und täglich Grenzen überschreitet. Für viele konventionelle Journalisten gehört Überparteilichkeit zum Berufsbild. Die ganze Branche hat sich „politische Unabhängigkeit“ auf die Fahnen geschrieben, sie steht in Redaktionsstatuten, in Arbeitsverträgen, auf Zeitungstiteln. Gottlieb schert das jedoch einen feuchten Kehricht.

Er ist beseelt von dem Gedanken, dass das Wirken der CSU die politikgewordene Erfüllung von Gottes Willen auf Erden ist. Und deswegen wirken beinahe alle seine Moderationen wie ungelenke Versuche, sich auf das Amt des Sprechers der begnadetsten Partei im Bayernland zu bewerben. Mit Gottlieb am Pult wird jede Sendung zu einem weiß-blauen Interpretationsversuch des Schwarzen Kanals.

Seit 20 Jahren geht das nun schon so. Damals, im Jahr 1995, wurde der in Nürnberg geborene Fernsehkonservative zum Chefredakteur ernannt. Edmund Stoiber war da gerade zwei Jahre Ministerpräsidentenkönig von Bayern, Helmut Kohl seit fünf Jahren „Kanzler der Einheit“ und die SPD immer noch eine Volkspartei.

Es gab mal eine Zeit, in der Sigmund Gottlieb gebraucht wurde

Es gab zu dieser Zeit auch noch Fernsehchefredakteure, die ähnlich vernagelt waren wie er. Allen voran Luc Jochimsen, die früher die journalistischen Geschicke des Hessischen Rundfunks managte und später für die Linkspartei im Bundestag saß. Unvergessen, wie sie am Abend der Hessenwahl 1999 vor laufender Kamera in Schnappatmung verfiel, als sie realisierte, dass tatsächlich mit Roland Koch ein CDU-Mann zum neuen Ministerpräsidenten gewählt werden könnte.

Vielleicht war das die Zeit, als Deutschland einen Mann wie Sigmund Gottlieb brauchte.

Heute sitzen Menschen, die nördlich des Mains geboren sind, regelmäßig mit offenen Mündern vor dem Fernseher und schauen sich Gottliebs Tagesthemenkommentare und Brennpunkte mit Gesichtsausdrücken an, als wären die Dinos gerade mal wieder aus dem „Jurassic Park“ ausgebrochen.

Einschlägiger Ruhm als Evangelist der CSU

Und so kam es, dass Gottlieb einer der wenigen Journalisten ist, die einen hochgradig viralen Tumblr bekommen haben. Anlass dafür war seine legendär-berüchtigte Moderation am Abend der Bayernwahl 2013. Damals leitete er zu einem mit himmlischen Lobpreisungen gespickten Portrait von Horst Seehofer mit der Bemerkung über, dass „dieser Mann der CSU ihren Stolz“ wiedergegeben hätte.

Ohne rot zu werden. Aber das würde Sigmund Gottlieb selbstverständlich nie passieren. Denn er glaubt wohl tatsächlich daran, dass der Stolz der CSU eine valide journalistische Kategorie ist, an der man den Erfolg von Politikern bemisst.

Nun geht Gottlieb ein weiteres Mal viral. Die NDR-Sendung „Extra3“ hat einen Zusammenschnitt seiner Statements zur Griechenland-Berichterstattung veröffentlicht. Da redet der Journalist davon, dass sich die griechische Regierung gerade „nachhaltig beschädige“. Er stellt Finanzminister Wolfgang Schäuble die Frage, wie man mit einem Partner verhandeln wolle, zu dem es „nachweislich kein Vertrauen“ gebe und stellt fest, dass die Athener Verantwortlichen „Griechenland aus der Eurozone treiben“ würden.

Sigmund Gottlieb (BR) und die Griechen

Noch keine Meinung zu Griechenland? Es ist doch so einfach...

Posted by Extra 3 on Mittwoch, 1. Juli 2015

Der Witz dabei ist übrigens, dass Sigmund Gottlieb tatsächlich Träger der Bayerischen Europa-Medaille ist. Aber die bekommt wohl nur, wer Bayern meint, wenn von Europa die Rede ist.

In Gottliebs Welt führen schließlich alle Wege nach München. Und jeder einzelne von ihnen kommt den etwas kritischeren Geistern unter den deutschen Fernsehzuschauern mittlerweile vor wie ein „Highway to Hell“.

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