POLITIK
02/07/2015 15:28 CEST | Aktualisiert 02/07/2015 20:03 CEST

Diese Rede müsste Merkel über Griechenland halten, wenn sie ehrlich wäre

DPA

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

ich war nicht ehrlich zu Ihnen.

Ich habe Ihnen die Gewissheit gegeben, dass wir die Griechenland-Krise lösen werden. Dass Europa stärker aus der Krise hervorgeht, als es hineingegangen ist. Und dass wir in Ruhe abwarten können.

Ich habe Ihnen gesagt, dass wir nur lange genug mit Alexis Tsipras verhandeln müssen, hier noch einen Rettungsschirm basteln, dort noch einen Kredit geben - und ein paar Reförmchen durchsetzen müssen. Dann würde schon alles gut werden.

Das ist aber nur die Version der Geschichte, die ich Ihnen zumuten wollte, aus Angst vor Ihrer Reaktion.

Die Wahrheit aber sieht anders aus.

Um es klar zu sagen:

Griechenland ist nicht mehr zu retten. Es ist pleite. Und es wird seine Schulden nie zurückzahlen. Das ist eigentlich allen klar. Wir sagen das nur nicht so, weil wir uns sonst eingestehen müsste, dass alle Anstrengungen umsonst gewesen wären.

Das ist die bittere Erkenntnis aus fünf Jahren sinnloser Verhandlungen, die zu keinem Ergebnis gekommen sind. Im Gegenteil, die Lage ist in Griechenland sogar noch schlimmer geworden.

Wir, die Bundesregierung, wollten Sie, liebe Bürgerinnen und Bürger, davor beschützen. Aber das war ein Fehler. Und den müssen wir uns jetzt eingestehen. Denn Europa muss unser gemeinsames Projekt sein.

Dazu gehört Ehrlichkeit. Denn wenn wir uns weiter vormachen, dass wir die Situation unter Kontrolle haben und nur mit Geld und Pragmatismus weiterkommen, wird das die Krise nur noch verschlimmern - und unser Verhältnis zu unseren griechischen Freunden verschlechtern.

Zuerst müssen wir uns eingestehen, dass die Krise noch Jahre dauern wird. Im Juli und August muss Athen noch 6,7 Milliarden Euro Schulden zurückzahlen. Und Sie erinnern sich: Schon die jetzt fälligen 1,55 Milliarden Euro kann Athen nicht bedienen.

Die Sparpolitik ist gescheitert und damit ein wesentlicher Bestandteil unserer Politik der vergangenen Jahre. Das hat viele Gründe, aber vor allem schreckliche Folgen. Die Arbeitslosenquote in Griechenland ist heute doppelt so hoch wie noch vor fünf Jahren. Existenzen wurden zerstört. Nicht einmal eine ausreichende Gesundheitsvorsorge gibt es für die wachsende Zahl der Armen. Und die Jüngeren verlassen das Land in Scharen.

Die griechischen Banken sind eigentlich längst pleite, sie existieren nur noch wegen der lebensverlängernden Maßnahmen der Europäischen Zentralbank.

Und die griechische Regierung hat kein Vertrauen und keine Verbündeten mehr. Nicht in Europa und vermutlich bald auch nicht im eigenen Volk.

Warum wir das alles tun? Weil wir Angst haben. Meine Finanzberater und ich haben keine Ahnung, was wirklich nach einer Staatspleite Griechenlands passiert. Erinnern Sie sich noch an die Lehman-Pleite? Keiner weiß, ob es dieses Mal nicht viel schlimmer kommt. Keiner.

Aber das ist nicht die einzige Sorge. Gleichzeitig gewinnt Putins Russland Einfluss in Athen. Das kann keiner wollen.

Ein wackelnder Staat in Europa - von Putin beeinflusst. Das wäre ein Desaster. Insofern hat die Krise viele weitere Dimensionen - neben den Schulden.

Mich nervt es auch, dass hunderte Beamte seit Jahren nichts anderes machen als ein Land aus der Pleite zu kämpfen.

Mich nervt, dass es im ähnlich angeschlagenen Portugal, in Spanien und Irland geklappt. Nur in Griechenland nicht. Hier drehen wir uns im Kreis.

Mich nervt es auch, wenn der griechische Premier Alexis Tsipras zu seinem Volk sagt: „Die Zeit der Entbehrung ist vorbei“, während es ohne Entbehrungen keine Zukunft haben wird.

Und ich muss Ihnen ehrlich sagen: Ich bin darüber genauso wütend wie Sie.

Um das klar zu sagen: Mir persönlich ist Griechenland nicht einmal so wichtig. Ich sehe aber das Europa, das wir uns aufgebaut haben, zerbrechen.

Überall werden radikale Parteien stark. In Frankreich, Dänemark und Großbritannien sinkt der Glaube an Europa. Es besteht die Gefahr, dass Europa in den nächsten vier Jahren zerfällt. Die Gefahr ist viel größer, als Sie denken.

Ganz ehrlich: Wie wir die Krise durchstehen werden, weiß ich selbst noch nicht. Was jetzt das Richtige ist, weiß ich auch nicht. Und erst Recht weiß ich nicht mehr, wie Griechenland nun reagieren wird.

Aber ich weiß, dass ich nicht als die Kanzlerin in die Geschichte eingehen möchte, die Europa entzweit hat. Ich möchte die Kanzlerin sein, die Europa zusammengehalten hat.

Koste es, was es wolle.

Hier geht es zurück zur Startseite

Lesen Sie auch:

Sehen sie auch: Das ist Merkels wahre Angst vor Griechenland