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Diese jungen Griechen wollen ihr Land verändern

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GREECE
Vouliwatch.gr
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"Es gibt Momente in der Geschichte, in denen man ein Feigling ist, wenn man nichts macht", sagt Antonis Schwarz. Man nimmt es dem 27-Jährigen ab, wenn er das so überzeugt sagt.

Schwarz gehört zu den vielen jungen Menschen in Griechenland, die die Krise als eine Art Verpflichtung sehen, etwas für ihre Mitmenschen zu tun.

Schwarz ist einer der Gründer von "vouliwatch.gr" ("Vouli" ist das griechische Wort für "Parlament"), einem griechischen Online-Portal, über das Politiker und Bürger seit März 2014 direkt miteinander kommunizieren können.

Das Prinzip ist einfach: Nutzer schicken eine Frage, Abgeordnete können antworten. Politiker, die nicht reagieren, geraten schnell in den Verdacht, etwas zu verbergen. Das Konzept ist nicht neu. In Deutschland gibt es mit "abgeordnetenwatch.de" seit 2004 ein ähnliches Projekt, das sich für mehr Bürgerbeteiligung in der Politik einsetzt.

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("Wir wollen Druck auf die Entscheidungsträger ausüben", sagt "Vouliwatch"-Gründer Antonis Schwarz. Credit: Stavros Toussas)

In Griechenland habe so etwas bislang jedoch gefehlt, sagt Schwarz. Seine Mission ist simpel: "Politik muss wieder transparent werden." Er wuchs in München auf und ging 2013 nach Griechenland, in die Heimat seiner Mutter.

"Wir wollen Druck auf die Entscheidungsträger ausüben"

"Das Problem ist, dass in Griechenland alte Leute wichtige Schlüsselpositionen blockieren und die Bürger mit Floskeln abspeisen. Deswegen haben hier viele junge Menschen auch keine Lust mehr auf Politik", erklärt Schwarz. "Das wollen wir ändern, indem wir Druck auf die Entscheidungsträger ausüben."

Es ist ein wichtiges Projekt in einer Zeit, in der viele Griechen den Politikern nicht mehr glauben. Laut einer Umfrage des Griechischen Statistikamtes aus dem vergangenen Jahr haben 45 Prozent der Griechen kein Vertrauen in das politische System ihres Landes, bei den Arbeitslosen lag die Quote noch höher (50,6 Prozent).

"Da ist doch klar, dass die Menschen den Politikern nicht vertrauen"

Vor allem die Korruption sei ein riesiges Problem, sagt Schwarz. "Niemand kann die Politiker wirklich kontrollieren, es gibt so gut wie keine Transparenz. Abgeordneten-Gehälter werden hier einen Monat lang im Netz veröffentlicht, teilweise in Dateiformaten, die niemand herunterladen kann. Danach verschwinden sie wieder. Da ist doch klar, dass die Menschen den Politikern nicht vertrauen", sagt Schwarz.

Mit seinem NGO-Start-up will er das ändern. Die "Vouliwatch"-Macher verstehen sich als politische Aufklärer. Seit einigen Monaten sitzt eine Mitarbeiterin jeden Tag im griechischen Parlament am Syntagma-Platz, um in einem Blog über die aktuellen Debatten zu berichten.

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("Niemand da draußen stellt die Zusammenhänge her": Das Team von "Vouliwatch" berichtet auch aus dem griechischen Parlament. Credit: Stavros Toussas)

"Die griechischen Mainstream-Medien sind häufig zu unkritisch", sagt Schwarz. "Sie berichten nur, anstatt zu hinterfragen. Niemand da draußen stellt die Zusammenhänge her."

Das Projekt läuft gut an. Im März schickte eine griechische NGO, die sich für die Rechte von Obdachlosen einsetzt, eine Frage an einen Abgeordneten der Regierungspartei Syriza. Warum es für viele sozial benachteiligte Menschen in Griechenland so schwierig sei, ihren Personalausweis zu verlängern, wollten sie wissen.

Einige Wochen später landete das Thema auf der Tagesordnung des Innenausschusses.

Vor der Parlamentswahl im Januar startete "Vouliwatch" eine App auf der Seite, mit der Bürger die Parteiprogramme der Parteien vergleichen konnten. „Man kann sich das wie einen Wahlomat vorstellen, mit dem Unterschied, dass die Bürger sich selbst informieren und dann vergleichen konnten“, sagt Schwarz. Mit einer anderen App konnten die Wähler damals die Kandidaten der Parteien direkt befragen.

Als die US-amerikanische Sunlight Foundation, die von Washington aus für mehr Transparenz im US-Kongress kämpft, vor einigen Monaten dazu aufgerufen hatte, eine Kampagne („Opening Parliament.org“) für einen einfacheren öffentlichen Zugang zu Parlaments-Informationen an die Abgeordneten der jeweiligen Länder weiterzuleiten, beteiligte sich „Vouliwatch“.

„Das zeigt, dass wir wahrgenommen werden"

„Wir haben den Aufruf auf Griechisch übersetzt und ihn an den früheren Parlamentssekretär geschickt. Der hat es an die Abgeordneten weitergeleitet. Und über einen von ihnen ist die Kampagne an den entsprechenden Minister gelangt“, erzählt Schwarz. Die Anfrage sei zwar bis jetzt unbeantwortet „Aber das zeigt, dass wir wahrgenommen werden, obwohl es uns noch nicht lange gibt“, fügt er hinzu.

Im vergangenen März trafen sich die „Vouliwatch“-Gründer in Athen mit anderen Parliamentwatch-Gruppen aus Deutschland, Frankreich, Tunesien, Marokko und dem Jemen und gründeten ein informelles Netzwerk.

„Wir wollen damit neue Initiativen in anderen Ländern unterstützen, die ein ähnliches Projekt auf die Beine stellen wollen“, erzählt Schwarz.

Wie "Vouliwatch" genau funktioniert, erklären die Aktivisten in einem kurzen Youtube-Video:

  • Hier erfahren Sie mehr über meine Reise nach Athen.
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