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Warum die Liebe der Nazis zur Nationalmannschaft auf eine harte Probe gestellt wird

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DFB
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Man kann es sich bei all dem so genannten „positiven Patriotismus“, der seit 2006 alle zwei Jahre in den Farben Schwarz, Rot und Gold durch die Straßen der Republik fegt, kaum noch vorstellen, aber: Fast vier Jahrzehnte lang war die Nationalmannschaft so ziemlich das Nicht-Nationalste, was man sich in Deutschland vorstellen konnte.

Als etwa vor dem WM-Finale 1974 das Deutschlandlied gespielt wurde, kauten einige von ihnen Kaugummi (Bonhof), andere atmeten bei geöffnetem Mund (Schwarzenbeck). Aber von „Einigkeit und Recht und Freiheit“ zu singen, das wäre niemanden von ihnen eingefallen.

Die Trikots waren damals übrigens nicht zufällig im schlichten schwarz-weißen „Streichholzlook“ gehalten. Den ersten Schritt in die nationalfarbige Gegenwart wagte DFB-Ausrüster Adidas erst 1986, zur WM Mexiko. Und damals waren es auch nur die Kragen und die Armbündchen, auf denen ein äußerst dezentes Bekenntnis zum Vaterland verwebt wurde.

Seitdem hat sich einiges geändert. Und für viele wackere Deutschtümler mag es überraschend gekommen sein, dass der DFB nun einen Schritt zur globalen Vermarktung seiner Männer-Auswahl unternommen hat und sie künftig unter dem Namen „Die Mannschaft“ bewerben will.

"Die Mannschaft"

Aus Sicht des Auslands mag das nur logisch sein. Der Begriff hat sich über die Jahre in vielen Sprachen etabliert. Genauso übrigens, wie wir Deutschen das Nationalteam der Franzosen „Equipe Tricolore“ nennen.

„Die Mannschaft“ – das steht bei vielen ausländischen Fans für Geschlossenheit, Sportsgeist und Willenskraft. Ein Messi macht noch lange keinen Weltmeister. Eine Mannschaft aber sehr wohl.

Nur die politischen Rechtsaußen in Deutschland scheinen damit ein Problem zu haben. Ihnen ist der neue Name nicht mehr national genug.

Steil ging beispielsweise der Chef der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“.

IRRE! Aus für Nationalmannschaft: DFB löscht NATION und spricht nur noch von "Die Mannschaft" >>> https://www.youtube.com/watch?v=OHQvSqfwI-M

Posted by Dieter Stein on Dienstag, 9. Juni 2015

In seiner Zeitung erschien daraufhin ein Debattenbeitrag, der nach dem bereits leidlich erprobten Prinzip rechter deutscher Medien funktionierte: Ein Autor gibt die Vorlage, und die fremdenfeindlichen, homophoben und generell rechtsseitig freidrehenden Kommentatoren erledigen den Rest.

Eine kleine Auswahl:

„Warum sollten wir die nicht einfach " Schwuchteln" nennen????? Den Spielern einziges Intereresse ist Kohle. Die Fans sind denen doch scheissegal…..“ (Nutzer „Rudi Ratlos“)

„Der vor der letzten WM eingeführte neue Dress war schon eine Zumutung – farblos, gesichtslos, einfach nur geschmacklos. Aber passend zu 'Der Mannschaft', die schon lange nicht mehr national war, sondern nur noch eine Ansammlung internationaler Statisten ohne jede Bodenhaftung.“ („Carsten Schulz“)

„Naja nu. Das die Wörter Deutsch und National entfallen MÜSSEN liegt doch auf der Hand. Die BRD ist zu einer Mischethnie verkommen und viele "National"spieler sind eben nicht deutsch.“ („Citronaut“)

„Söldnertruppen und was man hier so lesen darf ist sicher für die Bundesliga richtig. In der Nationalmannaschaft spielt nur ein Türke, die anderen Jungs haben ein deutsches Elternteil und den Türken Özil nimmt eh niemand für voll.“ („Edelberth“)

„Die Kampagne soll vermarkten, dass Deutsche begeistert ihre eigene Nation abschaffen. Natürlich soll das zur Nachahmung animieren. Özil und Freunde leisten nur Sterbehilfe.“ („Mischpoke“)

Hass gegen Spieler mit Migrationshintergrund

Dieser ganze Hass, der speziell Nationalspieler mit Migrationshintergrund trifft, hat eine tiefergehende Ursache. Es ist ein Problem, das dem deutschen Fußball schon seit Jahrzehnten innewohnt: Eine Minderheit der Fans missbraucht die DFB-Elf, um verkappte Allmachtphantasien und kaum versteckten Chauvinismus auszuleben.

Vielen wurde das erstmals klar, als in den 80er-Jahren die „Hooligans“ zu einem viel diskutierten Phänomen in deutschen Stadien wurden. Den Soundtrack für die im Kleide des Fußballs getarnten Einmarschgelüste lieferten damals Bands wie die „Böhsen Onkelz“. In einem Lied zur Europameisterschaft 1984 sangen sie explizit von einem „Frankreichüberfall“.

Und obwohl die Gruppe sich später von ihrer rechten Vergangenheit distanzierte, waren Lieder der „Onkelz“ und von anderen Bands auch im Umfeld des Vorrundenspiels in Lens während der WM 1998 zu hören, als deutsche Neonazis einen französischen Polizisten zum Krüppel prügelten.

Nicht umsonst wurde das 1990er-Nationaltrikot des DFB zu einem massenhaft vermarkteten Symbol der Wendezeit in Deutschland. Im Guten wie im Schlechten. Während sich am 8. Juli 1990 Deutsche aus Ost und West nach Andy Brehmes Elfmeter jubelnd in den Armen lagen und ein vorgezogenes Wiedervereinigungsfest feierten, wurde das Trikot auch zu einer Ikone der ausländerfeindlichen Krawalle in Rostock-Lichtenhagen, zwei Jahre später.

Deutschland-Trikot als Symbol für die Krawalle von Rostock 1992

Ein mit beflecktem DFB-Jersey und vollgepinkelter Hose bekleideter Mann war fotografiert worden, wie er den rechten Arm zum Gruße erhebt. Kein Bild aus dieser Zeit ist stärker in Erinnerung geblieben.

Im Jahr 2008 nutzten 140 deutsche Neonazis das EM-Vorrundenspiel des DFB gegen Polen in Klagenfurt, um vor einem Millionenpublikum ausländerfeindliche und antisemitische Parolen zu grölen. Und selbst im Fancamp der Nationalmannschaft in Südafrika kam es zu Diskussionen, als einige Fans glaubten, sie müssten eine Reichskriegsflagge auf dem Balkon ihrer Unterkunft hissen.

Der DFB kann dieses Problem nicht in den Griff bekommen, weil es gesamtgesellschaftliche Ursachen hat. Natürlich jubeln die meisten Deutschen heute Spielern wie Mesut Özil und Sami Khedira zu – wegen des exzellenten Fußballs, den die beiden spielen.

Viel zu passiv ist diese große Mehrheit aber, wenn es um Beschimpfungen oder rassistische Witze geht. Dann will sich niemand mit den rechten Ultras oder den „Althauern“ im Fanblock anlegen. Anders ist es kaum zu erklären, wie rechte Hooligans seit einigen Jahren wieder ein Comeback in deutschen Stadien feiern können.

Vielleicht ist da die neue Vermarktungsstrategie des DFB nicht der dümmste Schritt: Immerhin zielt sie auf einen internationalen Markt ab und gibt den Nazis unter den Fans eine Möglichkeit weniger, ihre stumpfe Ideologie auf Kosten des Fußballs auszuleben.

Ein bisschen weniger „national“ schadet dieser Mannschaft bestimmt nicht. Im Gegenteil.

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