WIRTSCHAFT
01/06/2015 20:13 CEST | Aktualisiert 02/06/2015 17:46 CEST

Das Billigfleisch beim Discounter kann Menschen das Leben kosten

YouTube/Lidl

Sie können es Ihrem Lieblingsfleisch nicht ansehen. Aber es ist möglicherweise kontaminiert.

Nach neueren Untersuchungen ist das sogar sehr wahrscheinlich. Zumindest dann, wenn es sich um Putenfleisch von Lidl, Real, Aldi, Penny oder Netto handelt. Oder auch um Hähnchenfleisch. Im schlimmsten Fall kleben an diesem Fleisch gefährliche Keime, die Verbraucher umbringen.

40.000 Tote durch Keime pro Jahr

Die Rede ist von MRSA-Keimen, auch Killerkeime genannt. Viele von diesen Keimen sind resistent gegen Antibiotika. Menschen mit einem schwachen Immunsystem, die in Kontakt mit diesen Keimen kommen (zum Beispiel über Fleisch), können tödliche Infektionen erleiden. Weil Medikamente ihnen nicht mehr helfen.

Der tückische Krankheitsverlauf beginnt mitunter so: Die Pute oder das Hähnchen in der Massenzucht trägt Keime in sich. Die Erreger gelangen in das Fleisch und damit zum Verbraucher. Der wird beim Verzehr des Fleisches nicht automatisch erkranken. Denn die Ansteckung mit MRSA-Keimen durch die direkte Nahrungsaufnahme kommt sehr selten vor.

Viel gefährlicher ist, wenn der Verbraucher die Keime aufnimmt (oder der Tierarzt, die Krankenschwester, die sich nicht die Hände wäscht, der Landwirt) und sie mit sich herumträgt und diese irgendwann in offene Wunden gelangen. Das kann das bei einigen Menschen tödlich enden. Experten sprechen von mehr als 40.000 Todesfällen durch MRSA-Keime pro Jahr. Ein Todesurteil, dessen Ursprung im Tierstall liegen kann. Und in der Kühltruhe im Supermarkt.

Discounterfleisch unterstützt Massentierhaltung

Für Gerd-Ludwig Meyer, Arzt in einer Dialysepraxis im niedersächsischen Nienburg, ist das ein sehr emotionales Thema. Er hat den Verein "Ärzte gegen Massentierhaltung" gegründet, der sich unter anderem gegen den flächendeckenden Einsatz von Antibiotika einsetzt. Vor einigen Tagen hat Meyer Bundeskanzlerin Angela Merkel daran erinnert, dass sie das Thema doch bitte wie versprochen beim G7-Gipfel auf Schloss Elmau zur Sprache bringen soll. Weil es drängt. In Deutschland wie auch international.

„Der hohe Preis für unser Billigfleisch sind neue Krankheiten“, warnt Meyer im Gespräch mit der Huffington Post.

Meyer ist überzeugt, „dass der massenhafte Antibiotika-Einsatz bei Tieren die Ursache für die zunehmende Antibiotika-Resistenz bei Menschen ist.” Schon jetzt sterben mindestens 15.000 Menschen in Deutschland pro Jahr, daran, dass ihnen Antibiotika nicht mehr helfen.

„Wer unbedingt Billigfleisch essen will, muss eben mit Keim-Toten leben. Denn mit dem Kauf von Discounterfleisch unterstützen Sie, dass Bakterien zunehmend Resistenzen entwickeln – und Antibiotika immer schlechter wirken.“

Meyer selbst war auch mal Landwirt, bevor er auf dem zweiten Bildungsweg zum Arzt wurde. Damals hätten seine Tiere selbst Antibiotika bekommen, ganz ohne gehe es auch nicht. „Aber doch nicht flächendeckend und kontinuierlich.“

Ein Arzt schlägt Alarm

Das Problem, das Meyer kritisiert, ist die Menge.

„Betriebe, die Hähnchenfleisch für drei oder vier Euro und einen halben Kilo Hackfleisch für 1,80 Euro produzieren, können gar nicht ohne den massiven Einsatz von Antibiotika bestehen. Die Tiere müssen dort in Massen gehalten werden und dabei so eng, dass sich Erreger leichter verbreiten. Damit aber nicht alle sterben, wird provisorisch Antibiotika verabreicht.“

In seiner Praxis bemerkt Meyer, was das bei den Verbrauchern anrichten kann. Bei manchen Patienten helfen fünf verschiedene Antibiotika nicht. „Ich arbeite seit 1986 in der Dialyse und bis zum Jahr 2000 konnte ich mit dem Begriff multiresistente Keime nichts anfangen“, erklärt Meyer. Die Zeiten haben sich geändert.

„Seit fünf bis zehn Jahren nimmt das Problem dramatisch zu und meine Patienten sterben an MRSA-Keimen. Weil Antibiotika gegen diese Keime nicht mehr wirken. Ich sehe da einerseits einen Zusammenhang mit meinem Berufsstand – denn Ärzte verschreiben immer häufiger Antibiotika. Aber eben auch mit der Massentierhaltung.“

Zu geizig für gutes Essen

Es sind Wertvorstellungen der Gesellschaft, die Meyer Sorgen bereiten. „Wollen wir immer weniger Geld für Lebensmittel ausgeben? Wir umgeben uns mit wunderschönem Blech – genannt Autos – und fahren vielleicht mit einer S-Klasse zum Billig-Discounter und kaufen möglichst günstig ein. Wir alle haben Schuld. Für mich ist derjenige Mensch auch unglaubwürdig, der nur kritisiert, aber nichts verändert.“

Meyer selbst hat gehandelt. Seit sechs Jahren war er in keinem Supermarkt mehr, um Lebensmittel zu kaufen. Er besorgt sie sich auf dem Hof, bei der selbst in die Landwirtschaft eingestiegen ist. Der Betrieb habe den Mastbetrieb verkleinert, von 2000 auf 700 Schweine. Meyer weiß aber auch, dass das nicht alle können. Weil es natürlich eine Kostenfrage ist.

Wir sollten dringend darüber nachdenken, woran man gutes Fleisch wirklich erkennt.

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