So sähe eine Rede von Angela Merkel zur Homo-Ehe aus, wenn sie endlich mal ehrlich wäre

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Liebe Parteifreunde,

Sie mögen sich vielleicht in den vergangenen Tagen gewundert haben. Etwa über meinen Regierungssprecher Steffen Seibert, der in der Bundespressekonferenz lang und umständlich erklären musste, warum ich für die Abschaffung der Diskriminierung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften bin, aber nicht für die Gleichstellung derselben. (Schmunzeln in der ersten Reihe)

Ehrlich gesagt haben wir derzeit ein Problem: Ich habe mich in meiner Regierungsarbeit fast immer danach gerichtet, was die Mehrheit der Bevölkerung denkt. Und natürlich müssen wir auch in diesem Fall dafür Sorge tragen, unsere Politik in wohlklingende und gleichzeitig nichtssagende Worte zu kleiden. Wir kommen ja nicht umhin festzustellen, dass die CDU in dieser Frage den Anschluss an den politischen Diskurs verpasst hat.

Aber lassen Sie mich eines festhalten: Natürlich sind wir in der CDU dafür, dass Homosexuelle benachteiligt werden. Aber wir würden das eben nicht mehr so deutlich ausdrücken, wie das früher mal der Fall war.

Sie erinnern sich vielleicht noch. Damals, als der Fuldaer Bischof Johannes Dyba - der übrigens in seiner Jugend sowohl für die CDU als auch für die CSU aktiv war - Homosexualität noch als „Unzucht wider der Natur“ bezeichnen konnte. Sex unter Männern stand für ihn auf einer Stufe mit Sodomie. Noch 2009 kursierten in CDU-Foren Texte, in denen von Homosexualität als „heilbarer Krankheit“ die Rede war.

Oder denken Sie an Franz Josef Strauß, den früheren Vorsitzenden unserer bayerischen Schwesterpartei. Der hat früher Dinge gesagt wie: „Lieber ein Kalter Krieger als ein warmer Bruder“. ("Guter Mann!", ruft jemand von hinten mit gebrechlicher Stimme) Und genau solche Sätze waren es, die Jahrzehnte lang dabei geholfen haben, den rechten Rand in das demokratische Parteiensystem zu integrieren.

Warum? Weil wir dadurch jenen Menschen, die in ihrem Denken von der Realität abgehängt wurden, lange Zeit noch das Gefühl geben konnten, dass ihre Ressentiments etwas völlig Normales sind.

Einige von diesen Leuten haben wir mittlerweile an die AfD verloren. Herr Lucke ist sehr geschickt darin, diese Tradition fortzuführen. Natürlich sagt auch er nicht, dass er Schwule und Lesben widerlich findet. Dass er ihnen ihr Glück nicht gönnt, weil er nicht versteht, wie jemand einen anderen Lebensentwurf verfolgen kann als jenen, den er selbst lebt.

Aber denken Sie an Herrn Luckes Einlassungen, als der ehemalige Fußballnationalspieler Thomas Hitzlsperger sich als schwul geoutet hat. Er sagte damals, dass er mehr Respekt vor Herrn Hitzlsperger hätte, wenn er sich zum Institut der heterosexuellen Ehegemeinschaft bekannt hätte. Der Kollege von der AfD wusste, dass dies ein Signal ist, dass sehr wohl verstanden wird.

Nun ist es so, dass die Homo-Ehe in der Bevölkerung immer mehr Anhänger findet. Als ich vor zehn Jahren Bundeskanzlerin wurde, war noch gut die Hälfte der Deutschen gegen die Gleichstellung von homosexuellen Lebensgemeinschaften. Heute ist es, wenn man manch einer Umfrage Glauben schenken darf, nur noch gut ein Viertel der Deutschen, das sich gegen die Einführung der Homo-Ehe ausspricht.

Und ich sage es Ihnen ganz offen: Wenn man nur die jüngeren Mitglieder unserer Partei fragen würde, dann hätte die gleichgeschlechtliche Ehe wohl auch in der CDU eine knappe Mehrheit.

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Leider ist die CDU keine junge Partei. Der Altersschnitt unserer Mitglieder liegt bei 59 Jahren, und Sie können sich vielleicht vorstellen, wie viele unserer Parteikollegen schon 1980 wahlberechtigt waren und bei der Bundestagswahl ihre Stimme dem Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß gegeben haben.

Wir können es uns einfach nicht leisten, diese Menschen zu verprellen. Würden wir heute sagen, dass wir die Homo-Ehe plötzlich befürworten - genauso so, wie wir für die Abschaltung der Atomkraftwerke sind und die Aussetzung der Wehrpflicht mitgetragen haben – dann würden wir uns morgen mit einem großangelegten Wiederbelebungsprogramm für die dahinsiechende AfD konfrontiert sehen. Das, meine Damen und Herren, kann niemand in der CDU ernsthaft wollen.

Unsere Partei sieht sich heute – anders als noch vor vier Jahren – mit einer Konkurrenzgruppierung am rechten Rand des politischen Spektrums konfrontiert. Die AfD stellt eine ernsthafte Gefahr für den Erfolg der CDU dar. Nur sie ist in der Lage, meine Wiederwahl im Jahr 2017 zu verhindern.

Wir haben keine Angst vor der SPD. Und die Grünen haben sich in der Vergangenheit ohnehin als sehr flexibel und strapazierfähig erwiesen. Schauen Sie nur nach Hessen. (Düsteres Gelächter von den CDU-Delegierten aus Fulda, Wetzlar und Limburg)

Die AfD allerdings nimmt uns Wähler ab, die wir nicht so einfach in einer neuen Koalition wieder einbinden können. Womöglich hätte die SPD in einigen Jahren sogar wieder die Chance, stärkste Kraft zu werden. (Vereinzelte Buh-Rufe von der Jungen Union) Und das müssen wir verhindern. (Stärker werdender Applaus)

Ich sage es Ihnen heute, und ich sage es Ihnen morgen: Mir persönlich ist die Homo-Ehe ziemlich egal. Ich hatte ja auch nichts dagegen, mit einem verpartnerten Vizekanzler zusammenzuarbeiten. Doch weil ich Angst um meine Macht als populärste Bundeskanzlerin aller Zeiten habe, bleibt nur ein Fazit: Unser eigentlich aussichtsloser Kampf gegen die Homo-Ehe bleibt vorerst alternativlos.

Eines Tages, und da bin ich mir sicher, wird sich unsere Haltung zu diesem Thema verändern. Auf biologische Weise. Die älteren Parteimitglieder, deren Weltbild noch von einer diffusen Abneigung gegenüber Homosexuellen geprägt ist, werden Platz machen für Menschen, die in der Realität des 21. Jahrhunderts leben.

Dann aber, liebe Parteifreunde, werde ich selbst schon gewissermaßen in Kanzlerinnenrente sein. Sollen sich meine Nachfolger doch mit diesem Thema herumschlagen. Ich jedenfalls habe keine Lust, wegen des Grundrechts auf Gleichbehandlung von einigen Millionen Homosexuellen den Frieden in der Partei zu gefährden. Die Verfassung ist schließlich das eine. Und der Erfolg der CDU das andere. Ich danke Ihnen!


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