POLITIK
30/04/2015 12:08 CEST

Wer über Kassel lacht, hat gar nichts kapiert

thinkstock.de
Wer über Kassel lacht, hat gar nichts kapiert

Lieber Boris Rosenkranz:

Wenn Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen ein Herz hat, dann sollte er Ihnen so schnell wie möglich die allerdickste Ahle Wurscht zuschicken, die in den dunklen Gewölben seines ach so finsteren Provinzrathauses der Reife entgegenhängt. Sie haben sich jedes nur denkbare Wurstgeschenk verdient.

Für einige strahlende Frühlingsstunden haben Sie das geschafft, worüber sich nordhessische Marketingexperten jahrelang ihre Köpfe zerbrochen haben: Kassel ist ein Thema geworden. Durch Ihren Text auf dem Blog des Medienjournalisten Stefan Niggemeier. Journalisten von München bis Walldorf sprechen über einen Huffpo-Text, in dem es um die Zukunftschancen von mittelgroßen deutschen Städten geht. Darunter auch eben jenes arg verbaute und doch ständig unterschätzte Kassel, das die meisten Deutschen nur vom Umsteigen im zugigen Bahnhof Wilhelmshöhe kennen und hassen gelernt haben.

Der Autor dieses Textes bin ich. Und ja, über Kassel sollten wir in Zukunft viel mehr reden.

Meine These: Durch den wirtschaftlichen Wandel („Industrie 4.0“) und den überdrehten Hype um die deutschen Millionenstädte samt steigender Mieten und Lebenshaltungskosten haben verkehrstechnisch gut angebundene Orte in der Mitte des Landes wieder eine Perspektive.

Die Entkopplung von Arbeit und Arbeitsplatz kann für die Siedlungszentren der „Provinz“ zu einem ähnlichen Wendepunkt im demografischen Wandel werden wie der flächendeckende Ausbau des Eisenbahnnetzes in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung endlich auch in den entlegenen Gegenden Deutschlands Einzug hielt. Soweit der Huffpo-Artikel.

Wer hätte ahnen können, dass bei Ihnen nach dem Lesen der Artikelüberschrift sofort die innere Ressentimentpeitsche flutscht. Ich kann es mir fast bildlich vorstellen, wie sie vor Entsetzen aufrecht vor dem Computerbildschirm sitzen und ihre Lippen nacheinander das W-T-F ihre Gedankenwelt nach außen pressen. Kassel und Zukunft, das geht bei Ihnen nicht so recht zusammen.

In ihrer Kurzvita, die auf der Seite des NDR-Magazins „Zapp“ abrufbar ist, heißt es: „Tief im Westen aufgewachsen, doch eher nordisch-unaufgeregt. Passiert auch mal, dass Boris Themen totrecherchiert. Total gelassen natürlich. Besser als Schaumschlägerei sind eben Geschichten mit Relevanz.“

Sie Recherchetier.

Nicht nur, dass Sie beim Querlesen meines Textes die eigentliche These verpasst haben. Gleich darauf haben Sie ihr gesamtes investigatives Talent verballert und den Algorithmus von Google nach meinem Namen befragt. Danach waren Sie sogleich überzeugt davon, dass mein Geburtstort Frankenberg der Grund dafür sei, dass ich, besoffen von nordhessischer Allmachtsphantasie, den großen Run der 80 Millionen Deutschen auf die Fuldametropole ausgerufen habe.

Zitat: „Die Fotos legen allerdings auch den Verdacht nahe, dass „Alle wollen nach Kassel“ ein bekanntes Gefühl ist, wenn man da wohnt. Kassel ist womöglich ein Sehnsuchtsort, jedenfalls für Frankenberger. Und dieses Frankenberg-Kassel-Gefühl ist jetzt versehentlich in der ‚Huffington Post‘ zum nationalen Trend ausgerufen worden.“

Ohne Sie jetzt zu sehr mit den zarten Facetten des nordhessischen Lebensgefühls belästigen zu wollen: Ein schneller Blick auf die Landkarte hätte Ihnen gezeigt, dass die 35 Kilometer entfernte Universitätsstadt Marburg ein viel näher liegendes Glücksversprechen für die vom verkehrstechnischen Sauerstoffentzug geplagten Bürger der tatsächlich sehr netten Stadt Frankenberg darstellt.

Wenn Sie als selbst ernanntes Investigativ-Ass die Lust verspüren, noch etwas über das „Oberzentrum Marburg“ herauszufinden, empfehle ich Ihnen diese Seite. Dort finden Sie ein paar Informationen, die Sie offenbar noch nicht kennen.

Aber weiter im Text. Als Beleg für meinen angeblichen Quartalswahnsinn präsentieren Sie einen Bericht aus dem Online-Angebot der HNA. Dort ist zu lesen:

„Die magische Marke von 200.000 Einwohnern wird die Stadt Kassel in den kommenden Jahren nicht knacken. Zumindest sieht die aktuelle Bevölkerungsprognose der Hessen-Agentur, die landesweit Zahlen des Statistischen Landesamtes und vom Zensus fortgeschrieben hat, einen Höchstwert von 199.688 für Kassel im Jahr 2028.“

Was Sie beim Googeln mitbekommen haben: Offenbar wollen doch nicht alle 80 Millionen Deutschen nach Kassel.

Was tatsächlich in der Nachricht steckt: Kassel hat eine Chance, die demografische Wende schaffen. Die Stadt wächst wieder, und das schon seit Jahren.

Noch im Jahr 2008 hatte die Bertelsmann-Stiftung in einer viel beachteten Studie der Stadt einen steten Schrumpfungsprozess vorausgesagt. Der Prognose zufolge sollten im Jahr 2015 nur noch 189.937 Einwohner in Kassel leben, und im Jahr 2025 noch einmal 3.500 weniger.

Tatsächlich leben in Kassel derzeit fast 197.000 Menschen. Dass die Stadt jemals noch einmal ohne Eingemeindungen an der 200.000-Einwohner-Marke kratzen könnte, haben vor einigen Jahren selbst Optimisten für kaum denkbar gehalten. Zwar rechnet die Stadtverwaltung nach 2030 mit einem erneuten Absinken der Einwohnerzahl bei stetig voranschreitender Alterung der Bevölkerung.

Was würde aber passieren, wenn Städte wie Kassel durch die oben beschriebenen Prozesse in der Arbeitswelt tatsächlich wieder attraktiv für junge Familien werden könnten? Diese Frage wirft mein Text auf. Und genau hier schnappen Sie ein. Die Sache mit der inneren Ressentimentpeitsche. Vielleicht ist es auch einfach nur trotzige Denkverweigerung. Ich glaube jedenfalls an das Potenzial der Mitte Deutschlands. Wie übrigens auch dieser Professor aus Kassel. War im Artikel verlinkt. Haben Sie wohl übersehen.

Überhaupt: Andere Hessenhysteriker haben sich in der Vergangenheit schon origineller über Kassel ausgekotzt als Sie. Unvergessen der Besuch der Schweizer Autorin Mona Vetsch vor knapp neun Jahren. In ihrem Reisebericht verglich sie den Klang des Stadtnamens mit dem Husten einer Katze, die einen Haarballen aushustet. Das war ziemlich gut.

Das wirkliche Problem Nordhessens ist der Kleinmut. Dass Chancen auch deswegen nicht genutzt werden, weil der Durchschnittsbürger Kassels viel zu sehr damit beschäftigt ist, sich über den Ist-Zustand zu beschweren (ein Phänomen, das auch als nennt das „Mähren“ bekannt ist), statt zu erkennen, was möglich sein könnte. Ich würde meinen Freunden in Nordhessen ein bisschen mehr Risikobereitschaft wünschen.

Und da wären wir bei der lässlichen Posse, die Sie über die HNA-Schlagzeile vom vergangenen Dienstag schreiben. Die Redaktion meinte, ich würde als Mitarbeiter einer „US-Zeitung“ die Stadt „loben“.

Dass ich selbst drei Jahre meines Lebens für die HNA gearbeitet habe, auch ab und zu für die Jugendseite in der Kasseler Stammredaktion: geschenkt. Ist auch schon einige Zeit her. Ein wenig Suchmaschinen-Arbeit (kennen Sie ja) hätte ans Tageslicht fördern können, dass ich keineswegs Amerikaner bin.

Dass Sie aber, lieber Herr Rosenkranz, sich in aller Bräsigkeit über den sehr einfach zu erkennenden Kleinmut hinter der Zeile lustig machen, ist ein Groschen-Gag, für den Sie vielleicht bei Ihren Berliner und Hamburger Zynikerfreunden Applaus bekommen. Rein menschlich bewegen Sie sich damit aber auf eben jenem Empathie-Niveau, das derzeit in ganz Deutschland Medienkritik entstehen lässt.

Statt tatsächliche Missstände aufzudecken, nutzen Sie ihre Rolle als Autor auf Stefan Niggemeiers Blog, um ihre eigenen Vorurteile in die Welt hinaus zu blasen. Sie tun so, als wenn Sie eine wichtige Aufgabe hätten. In Wirklichkeit aber tragen Sie mit solchen Texten kein Stück zur Wahrheitsfindung bei.

Anders ausgedrückt: Medien-Watchblogs sind wichtig, sie funktionieren wie die Feuerwehr im Journalismus. Sie verhalten sich aber wie ein kleiner Junge, der auch mal ans Lenkrad des Leiterwagens darf und dabei übermütig auf die Hupe haut und am Blaulicht herumspielt.

Es heißt, dass Provinz nicht auf der Landkarte, sondern in den Köpfen anfange. Im Mediengeschäft beginnt sie direkt hinter der Autorenzeile „Boris Rosenkranz“.

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