Huffpost Germany

Die Zeit von Berlin, München und Hamburg ist vorbei – bald wollen alle nach Kassel

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BERLIN
11 Gründe, warum die besten Zeiten von Berlin, Hamburg und München vorbei sind | Getty
Drucken

Im Frühjahr wird wieder ein neuer Jahrgang Abitur machen. Die Frage, wohin es danach von Böblingen, Gummersbach oder Dessau aus hingeht, ist schnell beantwortet: Viele junge Deutsche zieht es zum Studium in die vier Millionenstädte des Landes: Berlin, Hamburg, München und Köln.

Derzeit schient nichts diesen Trend brechen zu können. Das mag aber auch daran liegen, dass wir mit unserem Blick viel zu sehr an der Gegenwart hängen. Dabei gibt es schon jetzt Anzeichen dafür, dass die besten Zeiten der deutschen Metropolen vorbei sind.

Die Huffington Post nennt Ihnen dafür elf Gründe.

1. Alle wollen in die großen Städte. Noch.

Zugegeben: Bisher ist der Ansturm auf die großen Ballungszentren ungebrochen. Berlin wächst jedes Jahr um fast 50.000 Einwohner. Hamburg gewinnt jedes Jahr mehr als 10.000 Menschen hinzu, München etwa 20.000. Auch Köln freut sich über stetigen Zuzug.

Menschen, die vom Land in die Metropolen ziehen, suchen in der Regel nach Dingen wie Arbeit, Bildung und der Möglichkeit zur Selbstverwirklichung. Genau das bieten ihnen derzeit die deutschen Millionenstädte: In München und Hamburg mag es ein bisschen mehr Arbeit geben, in Berlin und Köln finden viele dafür mehr individuelle Freiheit.

Und es ist kein Zufall, dass einige der besten deutschen Unis in diesen Ballungsräumen zu finden sind. In München die Ludwig-Maximilians-Universität und die TU, in Berlin die Humboldt-Universität, die Uni zu Köln oder in pendelbarer Kurzdistanz die RWTH Aachen.

2. Dabei haben Deutschlands Metropolen vor allem eines gemein: ihre ungünstige Lage.

Eine weitere Gemeinsamkeit deutscher Metropolen jedoch ist ihre ungünstige geografische Lage. Jede einzelne der vier deutschen Millionenstädte liegt am Rand der Republik: Von Berlin sind es kaum 60 Kilometer bis nach Polen, Österreich liegt von München aus gesehen etwa 70 Kilometer Luftlinie entfernt, die Kölner brauchen nur 90 Kilometer zu fahren, bis sie im niederländischen Maastricht sind. Und Hamburger sind binnen 45 Autominuten an der Küste.

Unter allen weiteren Ballungszentren bildet eigentlich nur das Rhein-Main-Gebiet mit seiner Lage in der südlichen Mitte Deutschlands eine Ausnahme. Ansonsten wächst Deutschland derzeit an der Peripherie.

Das hat nicht nur Konsequenzen für Geschäftsreisende (die geringste Distanz zwischen deutschen Millionenstädten beträgt 280 Kilometer, zwischen Hamburg und Berlin). Auch Beziehungen und Freundschaften leiden darunter, dass wir uns an den Rändern der Republik versammeln.

3. Die Mietpreise könnten zum Killerargument gegen Hamburg, München und Berlin werden.

Weit schwerer wiegt noch, dass Deutschlands Metropolen immer teurer werden. Das gilt für die Lebenshaltungskosten, im Speziellen aber für die Mietpreise. Allein in Berlin stiegen die Quadratmeterpreise von 2009 bis 2014 um 30 Prozent an. In München muss man mittlerweile für eine Wohnung innerhalb des Mittleren Rings gut 15 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter einplanen. In Hamburg sieht es für Wohnlagen nördlich der Elbe nur unwesentlich besser aus.

Hinzu kommt, dass Zuzügler mittlerweile oft Monate nach einer neuen Bleibe suchen müssen.

Für Menschen in nicht-akademischen Berufen ist es bereits finanziell schwierig geworden, in die großen Städte zu ziehen. Makler und Wohnungsbesitzer lehnen in der Regel jeden Bewerber ab, dessen Netto-Einkommen weniger als das Dreifache der Warmmiete beträgt.

Wer unter 3.000 Euro brutto im Monat verdient, hat also meist noch nicht einmal eine theoretische Chance auf eine Wohnung, die über den Charakter eine Studentenbude hinaus geht.

Durch diese Entwicklung gerät das Gleichgewicht zwischen Arbeit, Bildung und Selbstverwirklichung auseinander. Einen Arbeitsplatz in München zu finden mag reichlich sinnlos erscheinen, wenn man keine Wohnung ergattert.

Mit der Selbstverwirklichung in Berlin ist es bald vorbei, weil die steigenden Mietpreise kein In-den-Tag-Hineinleben mehr möglich machen. Und wer nach Hamburg zum Studium will, kann es sich entweder leisten – oder hat reiche Eltern.

4. Schon jetzt nimmt die Zahl der klassischen Schreibtischjobs ab. Wer in Hamburg arbeiten will, muss nicht in Hamburg wohnen.

Gleichzeitig gibt es auf dem Arbeitsmarkt eine neue Entwicklung: Durch die Digitalisierung ist es möglich geworden, Arbeit zu dezentralisieren. Man muss nicht mehr jeden Morgen in die Firma fahren, um dort eine Acht-Stunden-Schicht zu absolvieren. Leistung wird oft nicht mehr in Anwesenheit gemessen.

Vorreiter dieser Entwicklung waren die „digitalen Nomaden“, die ihre freiberufliche Arbeit via Internet von den verschiedensten Orten der Welt aus erledigten. Seit einigen Jahren wird das „Home Office“ auch in Deutschland populärer. Derzeit arbeiten etwas weniger als zwei Millionen Menschen von daheim aus.

Und obwohl deren Zahl leicht rückläufig ist, wird es in Zukunft immer weniger gute Argumente dafür geben, warum Menschen zur Arbeit ins Büro fahren müssen. Und das hat mit der nächsten industriellen Revolution zu tun.

5. In der nächsten industriellen Revolution werden Netzwerke eine entscheidende Rolle spielen.

In der so genannten „vierten Industriellen Revolution“ (auch: „Industrie 4.0“) geht es um die Vernetzung und Individualisierung von moderner Massenproduktion (nach der Motorisierung, der Automatisierung und der Digitalisierung der Industrie).

Wie sehr diese neuen Geschäftsmodelle den Markt verändern werden, beweist derzeit schon die App „Uber“, mit der Taxifahrten in privaten Fahrzeugen vermittelt werden können. Es gibt keine Taxizentrale mehr. Keine Adresse, die man im Telefonbuch finden könnte. Nur ein kleines Programm auf dem Smartphone, das Käufer und Anbieter zusammenbringt.

Dahinter steckt natürlich ein Unternehmen, das auch einen Firmensitz hat. Wo aber genau ein Programmierer seinen Arbeitsplatz hat oder ein Marketingfachmann die nächste Netzkampagne plant, ist im Grunde egal, so lange er eine Internetverbindung hat.

Durch die fortschreitende Digitalisierung wird sich das Konzept des „Arbeitsplatzes“ in Teilen der Berufswelt verändern.

6. Und, sorry Bayern: Der Faktor „Wirtschaftskraft“ wird für die Wohnortentscheidung künftig weit weniger wichtig sein.

Das sind auch schlechte Nachrichten für Länder wie Hessen oder Baden-Württemberg, die stets ihre Wirtschaftskraft als stärkstes Argument für eine weiterhin anhaltende positive demografische Entwicklung anführen. Viel wichtiger wird in Zukunft der Faktor „Lebensqualität“ sein.

Dahinter verbergen sich natürlich sich natürlich auch Parameter wie die landschaftliche Lage, das Freizeitangebot und die Möglichkeit auf ein gutes Einkommen. Aber ebenso die Mietpreise, die soziale Durchmischung der Stadt und die Möglichkeit, das eigene berufliche Netzwerk in den einzelnen Winkeln der Republik schnell und einfach zu erreichen.

7. Viel bedeutender wird die Verkehrsanbindung sein.

Die Zahl der Führerscheinbesitzer unter den jungen Menschen nimmt seit Jahren ab. Nicht nur deswegen ist es für eine Stadt immer wichtiger, ein modernes Nahverkehrsnetz und einen guten Fernreiseanschluss anbieten zu können. Es ist eine Investition in eine stetig autoärmer werdende Zukunft.

Gut möglich, dass ein Bahnhof mit ICE-Anschluss bald genauso wichtig wird wie die Ansiedlung eines mittelständischen Unternehmens. Und dass der Aufbau eines Busbahnhofs mit anständigen Verbindungen mehr zählt als die Rettung eines in die Jahre gekommenen Stahlstanzwerks mit 50 Mitarbeitern.

Die Dezentralisierung von Arbeit ist eine einzigartige Chance für die Mitte Deutschlands, die jahrzehntelang unter der Teilung und die Abwanderungseffekte nach der Wende zu kämpfen hatte. Es geht um Lage, Lage, Lage. Und die Nutzen aus den verkehrstechnischen Vorteilen.

8. Leipzig profitiert jetzt schon davon.

Das erste wirklich prominente Beispiel für diese Entwicklung ist die Stadt Leipzig. Sie liegt zwar nur im Osten einigermaßen zentral, bietet aber nach Norden, Osten und Süden eine gute Verkehrsanbindung mit ICE- und Autobahnanschluss.

Der Hype um Leipzig begann ungefähr zu dem Zeitpunkt, als in Berlin die Mieten in den Himmel schossen. Zuerst waren es Künstler und Kreative, die ihren Wohnsitz nach Sachsen verlagerten – sehr oft mit dem Argument, dass Berlin nur eine Zugstunde entfernt ist. Später kamen die Studenten hinzu.

Mittlerweile haben Menschen aus ganz Deutschland die Stadt entdeckt. Laut einer aktuellen Bevölkerungsprognose könnte Leipzig bis zum Jahr 2030 auf etwa 700.000 Einwohner anwachsen.

9. Und wer immer noch über Kassel lacht, hat nichts verstanden.

Sicherlich hat Kassel nicht so viel historische Bausubstanz wie Leipzig zu bieten. Dafür liegt die Stadt landschaftlich schön inmitten von Bergen und Wäldern. Und sie hat einen unschlagbaren strategischen Vorteil: Von Nordhessen aus kann man beinahe jede größere deutsche Stadt in etwas mehr als drei Stunden per Bahn erreichen. Egal ob München, Hamburg, Berlin oder Düsseldorf.

Zudem sind die Mieten in Kassel spottbillig. Die Uni boomt, mittlerweile sind dort mehr als 23.000 Studenten eingeschrieben. Und dass die Stadt kulturell einiges zu bieten hat, wird spätestens alle fünf Jahre mit der „documenta“ sichtbar.

Wahrscheinlich gibt es derzeit kaum eine andere deutsche Großstadt, die so viel ungenutztes Potenzial hat.

10. Unsere Kinder werden uns fragen, warum wir solche Juwelen wie Erfurt so lange übersehen konnten.

Mitten in Deutschland gibt es sehr viele mittelgroße Städte, die wunderschön sind, aber kaum im Fokus der Öffentlichkeit liegen. Erfurt ist so ein Fall. Oder auch Marburg. Fulda. Oder Göttingen.

Schon einmal hat die Wirtschaft eine entscheidende Rolle gespielt, als es darum ging, eine demografische Entwicklung aufzuhalten: Zu Beginn der ersten industriellen Revolution zog es die Bauern in die Fabriken und Bergwerke der Industrieregionen des Westens und des Ostens. Im Sauerland etwa verloren in dieser Zeit manche Städte bis zu einem Viertel ihrer Einwohner.

Gestoppt wurde der Trend durch den Ausbau des Bahnnetzes in den ländlichen Regionen. Plötzlich war es möglich, auch in der Provinz Fabriken zu betreiben. Die Menschen mussten nicht mehr fortziehen, um Arbeit zu finden.

Zumindest die mittelgroßen Städte auf dem Land könnten nun erneut von einem Wandel in der Wirtschaftswelt profitieren.

11. Und in München, Berlin und Hamburg werden sich die Verantwortlichen fragen lassen müssen, warum sie bei der Wohnungspolitik zu Beginn des Jahrtausends derart versagt haben.

In Deutschland ist kaum bekannt, dass die Mieten in der österreichischen Hauptstadt Wien legendär niedrig sind. Das liegt daran, dass die Stadt riesige Bestände an Wohnbauten verwaltet und damit dafür sorgt, dass der Markt am Ende eben doch nicht alles regelt.

Berlin hätte eine ähnliche Chance gehabt – wenn nicht der Senat unter dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) noch in den Nullerjahren Zehntausende Wohnungen zu aberwitzig niedrigen Preisen verschleudert hätte.

Ebenso muss sich Ex-Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) fragen lassen, wo er eigentlich in Gedanken war, als seine Stadt für Normalverdiener unerschwinglich wurde. Und was hat Hamburg unter der Regierungszeit von Ole von Beust (CDU) eigentlich dafür getan, dass nicht nur superschicke Wohnquartiere wie die Hafencity entstehen, sondern auch erschwinglicher Wohnraum in Altona und St. Pauli erhalten bleibt?

Diese Fehler werden einmal auf die Zukunftschancen der deutschen Millionenstädte zurückfallen. Aber dann will es bestimmt niemand mehr gewesen sein.


Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Video: Als dieses Model durch die Stadt lief, konnte kein Mann wegsehen

Video:"Du entscheidest ganz allein": Niedersachsen blamiert sich mit peinlichem Werbespot



Hier geht es zurück zur Startseite