POLITIK
22/04/2015 15:34 CEST | Aktualisiert 22/04/2015 15:35 CEST

Das ist der überzeugendste Grund, warum wir Flüchtlinge aufnehmen MÜSSEN

Getty Images

Als im Herbst vergangenen Jahres das „Zentrum für politische Schönheit“ mit der vorübergehenden Demontage der Berliner Mauerkreuze gegen die Abschottungspolitik der Europäischen Union protestierte, war die Aufregung im politischen Berlin groß.

Der Generalsekretär der Berliner CDU, Kai Wegner, bezeichnete die Aktivisten als „politische Wirrköpfe“. Der Berliner Innensenator Frank Henkel (CDU) warf der an der Aktion indirekt beteiligten Theaterintendantin Shermin Langhoff vor, sich am „Opfergedenken zu versündigen“.

Mittlerweile ist klar, wie viel heiße Luft konservative Politiker damals produzierten, um einer wichtigen Debatte aus dem Weg zu gehen. Und tragischerweise war erst der Tod von über 1.000 Menschen nötig, um den Irrtum als solchen zu entlarven.

Das Regime an den europäischen Außengrenzen ist nicht nur grundlegend falsch, sondern auch zynisch und unmenschlich. Fast scheint es so, als habe die EU das Ertrinken von hilflosen Menschen als Mittel der „Abschreckung“ einkalkuliert. Wer vor drei Jahren die Vergabe des Friedensnobelpreises an die Europäische Union bejubelt hat, muss sich heute aus der tiefsten Mitte seines Herzens für eben diese EU ehrlich und aufrichtig schämen.

Wir sollten Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen

Nun wird endlich über Konsequenzen beraten. Vielleicht sollen bald mehr Boote auf dem Mittelmeer patrouillieren. Es wäre ein erstes Signal. Vielleicht könnten dadurch mehr Menschen aus Seenot gerettet werden.

Den Kern der Debatte trifft das aber nicht. Wir müssen uns endlich vergewissern, wie wir zu diesen Menschen stehen, die ihr Leben riskieren, um in Europa ein besseres Leben anzufangen.

Die Konsequenz muss lauten: Wir müssen Wege finden, um diese Menschen mit offenen Armen zu empfangen. Wer bereit ist, Tausende Kilometer auf abenteuerlichen Überlandpassagen zurückzulegen und dann noch sein ganzes Vermögen ausgibt, um sich in eine klapprige, seeuntaugliche Nussschale zu setzen, hat verdient, dass wir uns ernsthaft mit seinem Anliegen auseinandersetzen.

Wer so viel riskiert, beweist eine Menge Potenzial

Mehr noch: Wer auf diese Weise alles riskiert, um auf diesem Weg nach Europa zu kommen, beweist damit einen starken Willen und eine hohe Opferbereitschaft. Dass wir diese Zusammenhänge nicht erkennen, hat viel mit unserer vorurteilsgeprägten Sicht auf Flüchtlinge zu tun. Wenn es uns gelänge, unseren Blick von den ärmlichen Umständen zu lösen, in denen viele dieser Menschen während ihrer Odyssee leben, böte sich die Möglichkeit, die Sache durchaus mit einer Portion Eigensinn zu betrachten.

Unter den Passagieren, die sich in den Booten auf dem Mittelmeer befinden, sind viele Menschen aus Afghanistan. Wenn sie in der Türkei an Bord gehen, haben sie eine viele Tausend Kilometer lange Reise aus ihrer Heimat hinter sich. Es sind Fälle von Jugendlichen bekannt, die auf eigene Faust und größtenteils zu Fuß bis an die Küste gelangt sind.

Von Menschen aus Afrika weiß man, dass sich viele von ihnen zu Fuß durch die Sahara schlagen. Eine gefährliche, anstrengende Tortur, die nicht wenige mit dem Leben bezahlen. Kaum jemand in der wohlhabenden Mitte Europas kann sich vorstellen, welche Strapazen damit verbunden sind.

Wer sind wir eigentlich, dass wir dieses Potenzial mit Blick auf die wirtschaftliche Lage vieler Flüchtender einfach so verleugnen? Die Eigenverantwortung? Die Improvisationskunst? Die Bereitschaft zur Initiative?

Diese Menschen wollen ein besseres Leben

Ein sicheres Leben hätten viele von ihnen auch in den angrenzenden Ländern. Beispiel Afghanistan: In den Ländern nördlich und östlich des vom Bürgerkrieg gebeutelten Landes herrscht Frieden. Beispiel Eritrea: Im Nachbarland Äthiopien boomt derzeit die Wirtschaft, zum Teil mit zweistelligen Wachstumsraten pro Jahr.

Diese Menschen jedoch wollen etwas anderes. Sie haben ein großes Ziel vor Augen: ein besseres Leben zu führen. Und in gewisser Weise sind wir Europäer für sie Vorbilder.

Viele Länder in der EU dagegen haben nicht nur mit wirtschaftlichen, sondern auch mit demografischen Problemen zu kämpfen. Deutschland ist da keine Ausnahme, auch in Italien und Polen ist die Geburtenrate viel zu niedrig. In den ländlichen Regionen der Bundesrepublik klagen viele Unternehmen über einen eklatanten Fachkräftemangel, der langfristig den Aufschwung hemmen könnte.

Zudem fielen Phasen größerer Zuwanderung in Deutschland meist mit Wirtschaftswachstum zusammen: Ob es nun die Hugenotten im 17. und 18. Jahrhundert waren, die „Ruhrpolen“ im 19. Jahrhundert oder die „Gastarbeiter“ in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Das hat auch damit zu tun, dass arme Zuwanderer in einer wohlhabenden Gesellschaft oft den nötigen Willen zum Aufstieg mitbringen. Und wer würde das einem Menschen absprechen wollen, der billigend in Kauf nimmt, auf hoher See zu ertrinken, um ein besseres Leben anzufangen?

Also: Schluss mit der falschen Betroffenheit. Wir haben eine Verantwortung für die Flüchtlinge in Nordafrika. Was wir brauchen, ist ein Konzept für eine neue Einwanderungspolitik. Die allermeisten der Menschen, die in Libyen, der Türkei und anderswo auf ihre Bootspassage nach Europa warten, sind jung genug, dass wir ihnen in der EU eine Perspektive bieten können. Wir sollten das als Chance verstehen, nicht als Bedrohung.

Und zwar, bevor diese Menschen Schleppern in die Hände fallen.


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