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Die dreiste Verbrauchertäuschung im Kühlregal von Lidl

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LIDL FLEISCH
Die dreiste Verbrauchertäuschung im Kühlregal von Lidl | Fuelbeck
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Sie kaufen Fleisch beim Discounter? Wussten Sie, dass für eine 500-Gramm-Hackfleisch-Packung bei Aldi Nord und Lidl das Fleisch von 150 verschiedenen Schweinen und 60 verschiedenen Rindern verarbeitet wurde? Diese Zahlen zeigen sehr deutlich, warum Fleisch in Deutschland so billig ist: Die Masse macht's.

Und wussten Sie, dass Lidl bei seinem Frischfleisch der Eigenmarke „Landjunker“ zwar mit der Formulierung „deutsches Qualitätsfleisch“ und einer Deutschland-Fahne auf der Produktverpackung wirbt, das aber gar nicht viel zu sagen hat?

Die Angabe muss nämlich überhaupt nicht stimmen. So zeigen Recherchen des Mitteldeutschen Rundfunks, dass zum Beispiel etwa fast ein Drittel der zu Hackfleisch verarbeiteten Schweine im Ausland geboren sein können – und trotzdem die Lidl-Eigenmarke fröhlich mit der Deutschland-Flagge wehen, äh, werben darf.

Bei Schweinefleisch muss der Vertrieb die Herkunft nicht angeben

Das ist - wie soll man es sonst nennen? - eine dreiste Irreführung. Die noch dazu von Brüssel so gewollt ist. Zwar gibt es seit dem 1. April 2015 neue Transparenzvorschriften – doch bei Schweinefleisch muss der Vertreiber nicht das Geburtsland des Schweins nennen.

„Anders als ein Rind muss ein Schwein bislang nicht in Deutschland (...) geboren werden, um 'deutsch' (...) zu sein“, bringen es die Reporter Jenny Roller-Spoo und Jens Niehuss in ihrer sehenswerten Reportage „Der Weg des Fleisches“ auf den Punkt.

Die Huffington Post hat den Discounter Lidl gefragt, wie das Werben mit der Deutschland-Flagge zur neuen millionenschweren Qualitäts- und Transparenz-Offensive passt. Bisher gab es darauf keine Antwort.

Begründung der Lobby: Rückverfolgung von Schweinefleisch nicht möglich

Ja, richtig ist, das muss man dem Handel und den Discountern lassen: Verbraucher erfahren neuerdings bei Schweine- und Geflügelfleisch immerhin den Ort der Schweine-Mast und der Schlachtung. Der Ort der Geburt bleibt jedoch im Dunklen. Und bei Hackfleisch reicht alternativ sogar immer noch die Angabe EU/Nicht-EU für Aufzucht und Schlachtung, erklärt das Landwirtschaftsministerium auf Nachfrage.

Der Grund: Noch genauere Angaben seien zu teuer, es gebe noch überhaupt kein System, das wie bei Rindfleisch eine solche Rückverfolgung ermögliche – sagt die Lobby des deutschen Lebensmittelhandels. Das Landwirtschaftsministerium geht auf Nachfrage der Huffington Post nicht darauf ein, warum sich Minister Christian Schmidt bei den zuständigen Brüssler Behörden nicht für noch mehr Transparenz einsetzt.

Das Ministerium verweist in einer schriftlichen Erklärung lediglich auf die Verordnung 1337/2013 der EU-Kommission. Darin heißt es vereinfacht gesagt: Verbraucherinteressen müssen gegen Unternehmerinteressen abgewogen werden. Bei diesem Fall ist die Entscheidung zu Ungunsten der Verbraucher ausgefallen.

Christian Böttcher, Sprecher vom Deutschen Verband des Lebensmittelhandels, bittet in der MDR-Reportage um Verständnis:

"Zusätzliche Herkunftsangaben sind auch mit höheren Kosten verbunden. Und dann stellt sich die Frage, kann man diese höheren Kosten innerhalb der Lieferkette behalten. Oder muss man diese höheren Kosten an die Kunden weitergeben? Wenn der Kunde aber sagt, ich finde es zwar schön, aber ich möchte dafür nicht mehr bezahlen, dann haben wir hier ein kleines Dilemma, das wir irgendwie auflösen müssen.“

Die Generaldirektorin des mächtigen Europäischen Verbraucherverbands Monique Goyens sieht das freilich anders.

"Wenn die Industrie mehr Gewinn machen will und es vorzieht, Fleisch in verschiedenen Ländern zu produzieren, weil es dort jeweils billiger ist, dann müssen sie auch die Verantwortung übernehmen und die Herkunft ausweisen, damit der Verbraucher erfährt, woher sein Fleisch kommt!“

Ihre Kollegin Reinhild Benning vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland sieht gar die "erlaubte Irreführung als Hauptursache dafür, dass sich Verbraucherinnen und Verbraucher am Regal für das Billigste entscheiden. Denn sie können Qualität nicht erkennen.“ Sobald Verbraucher tatsächlich zwischen industrieller Haltung aus bäuerlicher und tiergerechter Haltung unterscheiden könnten, würde sich die Nachfrage verändern - ist sie sich sicher.

Es geht hier wohlgemerkt nicht um die Diskriminierung von Fleisch und Tieren aus anderen Ländern, sondern um eine von Politik und Wirtschaft bewusst hingenommene Täuschung, die den Verbraucher auf eine gewisse Art ohnmächtig zurücklässt. Was soll man noch kaufen, wenn man wirklich viel Wert darauf legt, deutsche Bauern mit deutschem Qualitäts-Fleisch zu unterstützen?

Beim Metzger an der nächsten Ecke, denken Sie jetzt? Nun, auch da gibt es keine eindeutige Empfehlung.

So sagte eine Ex-Fleischverkäuferin dem MDR, dass auch hier getrickst wird.

"Wurst wird in großem Stil zugekauft, auch Fleisch“, sagt die Insiderin. "Bis zu achtzig Prozent der Waren, die verkauft werden. Das heißt dann Hausmacher-Wurst und es wird mit eigener Herstellung geworben, dabei stammt vieles aus Großschlachtereien und von Großproduzenten. Das Etikett wird gewechselt und dann landet das in der Auslage!“

Welches Fleisch kann man noch guten Gewissens essen? In Zeiten, in denen mit deutschem Qualitätsfleisch geworben wird, das gar nicht komplett aus Deutschland kommt, in denen tödliche Keime auf rohem Fleisch im Discounter-Kühlregal kleben, in denen Oppositionspolitiker von Fleisch als „Ramschprodukt“ sprechen.

Eigentlich müsste man noch heute sofort Veganer oder Vegetarier werden.

Wäre Fleisch nur nicht so lecker.

Die sehenswerte Reportage „Der Weg des Fleisches“ läuft noch einmal im Fernsehen – auf ARTE – am Freitag, 10. April, zur nicht so Arbeitnehmer-freundlichen Uhrzeit um 8.55 Uhr.

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