Russischer Geheimdienst soll an Absturz eines polnischen Regierungsflugzeugs "wesentliche Rolle" gespielt haben

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Katastrophe von Smolensk: Russland soll Polens Präsidenten umgebracht haben | dpa
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Die Anschuldigungen sind extrem brisant - und dürften Russlands Präsident Wladimir Putin an den Abgrund bringen. Wenn sie denn stimmen.

Fünf Jahre nach dem Absturz eines polnischen Regierungsflugzeuges über Russland, bei dem unter anderem der damalige polnische Präsident Lech Kaczynski ums Leben kam, behauptet der Enthüllungsjournalist Jürgen Roth in seinem neuen Buch "Verschlussakte S: Smolensk, MH 17 und Putins Krieg in der Ukraine“, dass der russische Geheimdienst FSB eine "wesentliche Rolle" bei dem Anschlag auf die Präsidentenmaschine gespielt habe.

Der Kreml als Drahtzieher eines hochpolitischen Mordkomplotts?

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Russische Soldaten bewachen die Absturzstelle der polnischen Regierungsmaschine, die am 10. April 2010 abstürzte - und in der unter anderem der damalige polnische Präsident Lech Kaczynski saß. (Quelle: dpa)

Diese These bekräftigte Roth diese Woche noch einmal in einem Interview mit dem polnischen Fernsehsender Telewizja Republika.

Roth beruft sich dabei auf Dokumente des Bundesnachrichtendienstes vom März 2014, in denen von Sprengstoff an Bord des Flugzeugs ausgegangen werde.

"Das dreiseitige Papier wurde im März 2014 verfasst und besagt: Ein führender Offizier des russischen FSB hat mehrere TNT-Ladungen mit Fernzündungen an Bord der Präsidentenmaschine postiert, wurde dabei von polnischen Helfern auf dem Flughafen in Warschau unterstützt", sagte Roth kürzlich der "Bild"-Zeitung.

"Kaczynski war erbitterter Gegner von Putin"

Das Motiv liege auf der Hand, erklärte er dem Blatt. "Kaczynski war erbitterter Gegner des Kreml und von Putin. Er lehnte außerdem einen geplanten Milliardendeal der Polen mit dem russischen Gaskonzern Gazprom ab."

Ein journalistischer Scoop oder doch nur populistischer Unfug?

Roths angebliche Enthüllungen schlagen in Polen jedenfalls hohe Wellen. Der Absturz der Präsidentenmaschine am 10. April 2010 hatte damals ein ganzes Land in eine Art Schockstarre versetzt und hat sich in die kollektive Erinnerung der Polen eingebrannt.

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Der ehemalige polnische Präsident Lech Kaczynski (Quelle: Getty)

Auch heute noch teilt die Katastrophe von Smolensk Gesellschaft und Politik im Land. Die Ermittlungen der Warschauer Militärstaatsanwaltschaft sind noch nicht beendet, gerade wurde das Verfahren um ein halbes Jahr verlängert.

Und Roth steht mit seiner Theorie längst nicht alleine da. "Es war Mord", zeigte sich der nationalkonservative Oppositionschef Jaroslaw Kaczynski, der Zwillingsbruder des damaligen Präsidenten, schon vor Jahren überzeugt. Der Absturz sei ein Anschlag auf Kaczynski gewesen, die russischen Ermittler an der Unglücksstelle hätten mehr vertuscht als aufgeklärt.

Absichtliche Irreführung durch die Russen?

Dass in einigen Fällen die sterblichen Überreste der Absturzopfer falsch identifiziert wurden, wie Exhumierungen und DNA-Analysen ergaben, sehen viele Polen als Bestätigung absichtlicher russischer Irreführung - und nicht etwa als einen Beleg für dieTatsache, dass angesichts der Wucht des Aufpralls in vielen Fällen eine exakte Identifizierung der Toten schwierig war.

Ohnehin haben Behauptungen wie die von Roth derzeit Hochkonjunktur. Eine Untersuchungskommission kam jüngst zu dem Schluss, es habe eine Explosion an Bord gegeben. Allerdings ließen sich Gerüchte über angebliche Sprengstofffunde in den Trümmern bisher nicht bestätigen.

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"Verschlussakte S" von Jürgen Roth: Wirre Verschwörungstheorien oder harte Fakten? (Quelle: dpa)

Der BND dementierte derweil Roths Behauptungen, er habe Informationen über einen Anschlag auf die Regierungsmaschine.

"Ein in den Medien genanntes und bei Youtube gezeigtes Dokument aus März 2014, von dem behauptet wird, dass der Buchautor daraus zitiere, wurde bei einer kurzfristig angestrengten hausweiten Suche nicht gefunden", sagte ein BND-Sprecher in dieser Woche.

"Ob es sich dabei gegebenenfalls um eine Fälschung handeln könnte, kann hier zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschließend bewertet werden."

"Man muss das natürlich prüfen"

Und auch der polnische Außenminister Grzegorz Schetyna verwies die jüngsten Verschwörungstheorien über Kaczynskis Tod Berichte in den "Bereich der Belletristik". "Ich habe weder offiziell noch inoffiziell irgendetwas über die Existenz solcher Dokumente gehört", sagte er in der vergangenen Woche in einem Rundfunkinterview. "Aber man muss das natürlich überprüfen."

Roth selbst ist umstritten - in seinem Buch "Der Deutschland-Clan" musste er eine Passage umschreiben, in der er die Verbindungen von Ex-Kanzler Gerhard Schröder zu Gazprom beschrieb. Sie war nicht ausreichend belegt.

Die letzte Wahrheit, was am 10. April 2010 geschehen sei, werde wohl nie herauskommen, ließ Roth kurz vor Erscheinen seines Buches wissen. "Denn man möchte Putin nicht noch mehr in die Enge treiben. Er droht ja jetzt schon mit der Atombombe.“

Mit Material von dpa

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