POLITIK
02/04/2015 14:10 CEST | Aktualisiert 02/04/2015 16:20 CEST

Warum die Bundesregierung total falsch auf die Germanwings-Katastrophe reagiert

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Die Bundesregierung hat erste Maßnahmen in Aussicht gestellt, die nach der Germanwings-Katastrophe nun ergriffen werden könnten. Damit das Fliegen noch sicherer werden möge.

Das war zu erwarten und vielleicht muss eine Regierung auch so handeln. Gut ist es deswegen trotzdem nicht.

Maßnahme eins: Der Türschutz-Mechanismus im Flugzeug-Cockpit, der für die Totalverriegelung der Cockpittür sorgen kann, soll möglicherweise wieder abgeschafft werden (dazu später mehr).

Maßnahme zwei: Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) denkt darüber nach, die Ausweispflicht auf allen Flügen innerhalb der EU und im grenzkontrollfreien Schengen-Raum wieder einzuführen.

Er sagt: "Nach dem Anschlag haben wir bei allen Passagieren und der Crew überprüft, ob sie uns als Gefährder bekannt sind - weil wir wissen wollten, ob es sich um einen Terroranschlag handelt. Wir mussten aber feststellen, dass zunächst gar nicht klar war, wer überhaupt in dem Flugzeug saß."

Über Passkontrollen nachzudenken, ist durchaus sinnvoll. Momentan reicht es schließlich aus, ein Ticket auf dem Smartphone zu haben, um an Bord eines Flugzeugs zu kommen.

Aber warum gerade jetzt so ein Vorschlag?

Ist es Kalkül? Will de Maizière die Gelegenheit nutzen, eine schärfere Sicherheitspolitik durchzusetzen?

Oder ist es schlicht die Hilflosigkeit, die Kanzlerin Angela Merkel schon zeigte, als sie unmittelbar nach der Katastrophe alle Termine absagte?

Natürlich: Hätte es sich um einen Terror-Anschlag gehandelt, wäre es wichtig gewesen, schnell mögliche Drahtzieher herauszufinden. Und zu erfahren, ob man mit weiteren Anschlägen rechnen muss.

Aber im konkreten Fall war es wohl keiner. Wem hätte es also geholfen, wenn die Identität der Menschen an Bord der Germanwings-Maschine schneller bekannt gewesen wäre? Selbst wenn sich dabei heraus gestellt hätte, dass es sich um einen Terror-Anschlag gehandelt haben könnte, hätte das das Unglück nicht verhindert.

Ein Mensch, der – wie Copilot Andreas L. – offenbar psychische Probleme hat, macht Dinge, die weder kalkulierbar noch zu kontrollieren sind. Da hilft keine Passkontrolle.

(Text geht unter dem Video weiter)

Video: Ermittlungen zu Andreas L.: Staatsanwalt: "Keine Hinweise auf Tatankündigung"

Und was lockerere Sicherheitsvorkehrungen bei der Cockpit-Tür angeht: "Von jeder Notzugriffslösung würden früher oder später auch Terroristen erfahren", hat Airline-Experte Tobias Rückerl der HuffPost gesagt.

Es hatte seinen Sinn, dass nach den Anschlägen vom 11. September die Maßnahmen getroffen wurden, die nach wie vor gelten. Wenn es jemand im Cockpit verhindern will, kommt von außen niemand herein. Das ist gut so.

Vielleicht hätte der Pilot der Germanwings-Maschine Andreas L. daran hindern können, die Maschine zum Absturz zu bringen, wenn er schnell ins Cockpit hätte zurückkehren können, ja.

Aber Unglücke wie dieses sind so unfassbar und außergewöhnlich, dass man nach ihnen nicht alles infrage stellen sollte.

Oder anders: "Wenn jemand sich in den Kopf gesetzt hat, ein Flugzeug zum Absturz zu bringen, dann wir er das auch durchsetzen", sagt Luftfahrt-Experte Horst Kläuser. Es gibt zwar in der Theorie Möglichkeiten, ihn daran zu hindern. Aber nicht in der Praxis.

So ist es auch mit der Zwei-Personen-Regel fürs Cockpit, die viele Airlines schnell eingeführt haben.

Denn die Schwachstelle bei allen Regeln, die man aufstellen und Maßnahmen, die man ergreifen kann, ist der Mensch. Wenn es überhaupt einen aussichtsreichen Ansatzpunkt gibt, dann den.

Der Brite Philip B., der bei der Germanwings-Katastrophe seinen Sohn verlor, hat gesagt: "Ich glaube, die Fluglinien sollten transparenter sein und unsere Piloten fachgerecht betreuen. Wir legen unsere Leben und die Leben unserer Kinder in ihre Hände."

Video:Speicherkarte aus Unglücksflieger 4U9525 gefunden: Video zeigt letzte Momente vor Absturz


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