POLITIK
02/04/2015 10:10 CEST | Aktualisiert 02/04/2015 12:04 CEST

6 Entwicklungen, die keinem gefallen werden, der Berlin liebt

Getty

Dass Berlin eine Stadt ist, die „ständig im Werden“ ist, steht in jedem Reiseführer. Ein über hundert Jahre alter Slogan, der bisher kaum etwas von seiner Wahrheit eingebüßt hat. Wie keine zweite Metropole in Deutschland lebt die Hauptstadt von der Veränderung und den dadurch entstehenden neuen Ideen.

Und Berlin wird allein schon deshalb eine unfertige Stadt bleiben, weil niemand weiß, wie dieses fertige Berlin am Ende aussehen sollte. In einem Land mit 16 Bundesländern und einer historisch gewachsenen föderalen Struktur gibt es keinen Platz für eine Weltstadt vom Format Paris oder Londons – eine Kapitale also, die so sehr alles andere um sie herum überstrahlt, dass sie selbst aus weiter Ferne gesehen für sich selbst steht.

Für eine stinknormale Großstadt dagegen ist Berlin schlicht zu groß, zu lebendig und zu dynamisch. Berlin ist größer als München und Hamburg zusammengenommen, und wächst seit einigen Jahren wieder, derzeit um etwa 40.000 Einwohner pro Jahr.

Und doch: Es verändert sich etwas in der Stadt. Das weiß jeder, der einmal durch Moabit und den Wedding geht, wo derzeit die letzten der einstmals so vielen Industriebrachen von Investoren bebaut werden.

Es geht ein Stück Lebensgefühl verloren. Insbesondere das berühmte Berliner Glücksversprechen, wonach jeder, der hier hin zieht, seine Nische finden kann.

Hier sind sechs unschöne Entwicklungen, von denen Ihnen ein Berliner lieber nichts sagen würde:

1. Die Mieten steigen

Auch im Jahr 2014 stiegen die Mieten in Berlin rasant an. Im Schnitt lagen die Quadratmeterpreise für Neuvermietungen um 6,6 Prozent höher als noch im Jahr 2013.

Am stärksten verteuerten sich die Mietpreise in früheren Arbeiterbezirken wie Moabit und Lichtenberg, im Schnitt um über zehn Prozent. Damit verändert sich auch die Bevölkerungsstruktur: Geringverdiener können sich den citynahen Wohnraum innerhalb des S-Bahnrings bei Kaltmieten von mehr als acht Euro pro Quadratmeter nicht mehr leisten, sie müssen auf die Außenbezirke ausweichen.

Doch auch dort macht sich der Immobilienboom bemerkbar. Im derzeit noch noch erschwinglichen Plattenbaubezirk Marzahn-Hellersdorf am östlichen Stadtrand stiegen die Mieten um neun Prozent an. Sogar in Spandau verzeichneten die Statistiker überdurchschnittliche Teuerungsraten – und das, obwohl die erst 1920 eingemeindete Stadt so weit außerhalb liegt, dass dort wenig vom „typischen“ Berliner Lebensgefühl zu spüren ist.

Gerade für junge Menschen und für prekär Beschäftigte hat das weitreichende Konsequenzen. Vor zehn Jahren war es noch möglich „auf gut Glück“ nach Berlin zu ziehen, um hier den Traum von einem individuellen Existenzentwurf zu leben. Heute hat man ohne ein geregeltes Einkommen oder reiche Eltern kaum eine Chance auf dem umkämpften innenstadtnahen Wohnungsmarkt.

2. Berlin verliert seine Brachen – und damit sein Geheimnis

Selbst Friedrichshain und Kreuzberg waren im vergangenen Jahrzehnt noch voll von ungenutzten Freiflächen, auf denen sich Undergroundclubs und Wohnwagenkolonien ansiedelten. Darin lag das Geheimnis von Berlin: Dass jeder in die Häuserlücken seinen Traum von einer besseren Zukunft hineindenken konnte. Nicht jeder lebte deswegen auch eine Existenz fern von bürgerlichen Konventionen. Aber jeder konnte sehen, dass es möglich war.

Lesen Sie auch: Familie Aygün aus Berlin: Diese Geschichte über den Aufstieg von Einwanderern ist ein wichtiges Signal

Mittlerweile entstehen überall in Berlin neue Investmentobjekte, die letzten illegal besetzten Häuser in Friedrichshain wurden schon vor Jahren geräumt. An ihrer Stelle sind neue, schicke Wohnbauten und Einkaufszentren entstanden, wie zum Beispiel in der Rigaer Straße oder am ehemaligen Zentralvieh- und Schlachthof.

An diesen Orten haben nun andere ihren Traum von einer besseren Zukunft verwirklicht. In der Regel sind das Menschen, die über mehr Geld verfügen als der Durchschnittsberliner.

3. Die neuen Berliner sind reicher als die alten Berliner

Weitgehend unbemerkt von der CSU hat sich in Berlin in den vergangenen Jahren ein kleines Wirtschaftswunder ereignet. Im Jahr 2013 wuchs die Wirtschaftsleistung Berlins so stark wie in keinem anderen Bundesland, und auch im Jahr 2014 lag der Anstieg über dem Bundesdurchschnitt. Allein im vergangenen Jahr sind so über 40.000 sozialversicherungspflichtige Jobs in der Hauptstadt entstanden.

Diese Zahl entspricht in etwa dem Zuwanderungsplus von Berlin. Sprich: Wer heute nach Berlin zieht, tut dies mit weitaus größerer Wahrscheinlichkeit des Jobs wegen als noch vor zehn Jahren. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Mieten, sondern auch auf die Lebenshaltungskosten. Ungewollt heizen die Neuberliner auf diese Weise einen Verdrängungswettbewerb mit den Altberlinern an, die jahrelang stolz darauf waren, ein preiswertes Leben in einer Millionenstadt führen zu können.

(Text geht nach dem Video weiter)

Video: “ou Supermarkt”: Der erste Supermarkt ohne Verpackungen in Deutschland hat in Berlin eröffnet

4. Die Kreativen ziehen weiter

Der Berlin-Hype der vergangenen Jahre speiste sich vor allem aus dem Image als Kreativstadt. Der Hype flaut ab, und auch mit kreativen Flair Berlins könnte es bald schon vorbei sein. Nicht nur, dass die Mieten steigen und die Lebenshaltungskosten sich verteuern: Durch die mit Investorenarchitektur zubetonierten Brachen verlieren viele Künstler ihre Ateliers und ihre Auftrittsmöglichkeiten im Innenstadtbereich.

Das geräumte Künstlerhaus „Tacheles“ in Mitte ist da nur das prominenteste Beispiel. Die Maler und Bildhauer aus der alten Kaufhausruine an der Oranienburger Straße sind mittlerweile nach Marzahn ausgewichen – 15 Kilometer östlich von ihrer alten Wirkungsstätte. Auf dem Gelände in Mitte will ein Investor nun einen Mischkomplex aus „Wohnen, Hotel, Einzelhandel und Kunst“ errichten.

Unter Kreativen gelten Städte wie Leipzig mittlerweile als gute Alternative. Und die „globalen Nomaden“ der Startup-Szene sind schon längst weiter nach Osten gezogen. Nach Warschau, Krakau, oder gar nach Südostasien. Bangkok gilt manch einem ideenreichen Jungunternehmer mittlerweile als das neue Berlin.

5. Das Kaputte hat keinen Platz mehr im Innenstadtbereich

Der Osten Berlins galt in Wendezeiten wegen seiner verlassenen Altbauten und Fabrikhallen als Sehnsuchtsziel für Glücksritter aus ganz Europa. Sie übernahmen die leerstehenden Wohnungen und schufen in brachen Industriebauten große Ideen – Clubs wie der „Tresor“ oder das „Berghain“ sind so entstanden.

Doch auch der Westen bezog seinen eigentümlichen Charme durch das Unfertige. In einem „Welt“-Portrait über den großen Westberliner Harald Juhnke, der am 1. April vor zehn Jahren starb, hieß es kürzlich: „Das West-Berlin dieser Zeit war ein spätpubertärer Tagedieb, zwölftes Semester Politikwissenschaft, Trinker, ein Künstler. Die Insel hinter der Mauer, im roten Meer des Kommunismus, lockte die Heranwachsenden des Landes mit ihren eigenen Gesetzen. Keine Sperrstunde, kein Militärdienst. Alles schien möglich. (…) Und Harald Juhnke, der nie zum Vorbild taugte, wurde genau deshalb irgendwann zum Idol dieser Stadt.“

Aus bürgerlicher Sicht mag man einwenden, dass genau das eine treffende Diagnose für alles darstellt, was in Berlin jahrzehntelang schief gelaufen ist. Aber genau dadurch war die Stadt unverwechselbar. Ein fast tausend Quadratkilometer großes Utopia, in dem bis vor kurzem noch der alte Tocotronic-Slogan galt: „Pure Vernunft darf niemals siegen.“

(Text geht nach dem Video weiter)

Video: Riesiges Bauvorhaben: Berlin plant posches Shoppingcenter mit dem Namen “Mall of Berlin”

6. Das Bürgertum übernimmt

Vor einigen Monaten ging ein kurzer Ausschnitt aus einer Kirchenzeitung aus dem Prenzlauer Berg viral. Darin waren die Namen der neu getauften Kinder zu lesen: „Ada Mai Helene“, „Rufus Oliver Friedrich“ oder „Frederick Theodor Heinrich“. Noch im Jahr 2007 hörten die getauften Kinder in derselben Kirche auf ganz andere Namen: „Matteo“, „Ruby“ oder „Iwan“.

Viele sahen sich darin in der Annahme bestätigt, dass in Berlin mittlerweile nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern auch ein kultureller Wandel stattfindet. Schließlich muss nicht jeder, der seinem Kind einen wohlklingenden Namen mit auf den Lebensweg gibt, tatsächlich auch reich sein. Aber dahinter steckt mit einiger Wahrscheinlichkeit ein gewisser Habitus.

Mit den nach Berlin umziehenden Firmenzentralen und Ministerien ist Berlin schrittweise zu einem Zentrum der Entscheidungselite geworden. Und dieser Wandel frisst die Arbeiter- und Migrantenkultur auf, die Berlin seit mehr als einem Jahrhundert ausmacht.

Im Wedding gibt es ein großes Wandgemälde, das den Boateng-Brüdern gewidmet ist, die in dem Stadtteil einst das Fußballspielen lernten. „Gewachsen auf Beton“, steht dort auf den blanken Putz gepinselt. Ein stolzes Bekenntnis, das die Kinder an dieser Stelle in 20 Jahren womöglich nicht mehr verstehen werden.

Video: Provokation im Netz: Kein Geld, aber Ferrari


Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.


Gesponsert von Knappschaft