POLITIK
02/04/2015 12:20 CEST | Aktualisiert 02/04/2015 14:20 CEST

BDK-Chef Neumann attackiert "Bild"-Chef: "Herr Diekmann, Sie stehen für alles, was ich grauenhaft finde"

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BDK-Chef Neumann attackiert "Bild"-Chef und investigative Journalisten wegen Berichten zu Germanwings

Wenn Andy Neumann etwas sagt oder schreibt, dann sind das klare Worte. Meinungsstark, eindeutig.

Teils gehört das zu seinem Job, Neumann ist Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter im Bundeskriminalamt (BDK). Teils, das lassen die vielen teils auch privaten Posts auf Facebook und auf Twitter vermuten, macht es ihm persönlich Spaß.

Die "echte Kripo" und die "Detektivspieler" von den Medien

Deshalb ist auch kein Geheimnis, dass Neumann Medienberichterstattung mitunter sehr kritisch sieht. Erst Mitte März etwa hatte er bemerkt, dass die „Böhmermann-Varoufake-Nummer" deutlich mache, wie gut es sei, „dass echte Kripo sich nie auch nur im Ansatz von den Medien treiben lassen wird“. Die „echte Kripo“, die im Gegensatz zu der falschen Kripo, den Medien, erst Fakten recherchiere und dann schlussfolgere.

Teils gehören solche Mahnungen zu seinem Job. Teils sind sie für ihn eine sehr persönliche Sache, wenn man sich den Wortlaut dessen ansieht, was Neumann nun veröffentlicht hat.

„Ich hätte ihm wenigstens die Eier zugetraut, zu antworten“

Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine am Dienstag vergangener Woche missfiel Neumann die Berichterstattung darüber – wie vielen anderen Kritikern – zutiefst. Nach eigenen Angaben schrieb er deswegen bereits am Freitag dem Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, Kai Diekmann, eine E-Mail. Er habe darauf allerdings keine Antwort bekommen und seine E-Mail deswegen am Dienstag auf Facebook-veröffentlicht. Mit dem Zusatz: „Ich hätte ihm wenigstens die Eier zugetraut, zu antworten.“

Er bezeichnet in dem Post alles, was Diekmann vergangene Woche insbesondere auf Twitter veröffentlicht hatte, als „Blödsinn“. In so einer dramatischen Situation sei die Öffentlichkeit an Fakten und Hintergründen, an der Wahrheit, interessiert.

Vorwurf: Alle Investigativjournalisten wären gern Polizisten geworden

Diese zu verbreiten, darum gehe es „einer breiten Schar von Vertretern namhafter Medien“ und allen voran der „Bild“-Zeitung nicht. „Es geht Ihnen um Auflagen! Um Klicks! Um Aufmerksamkeit.“

Er habe in seiner Arbeit mit Medienvertretern Folgendes gelernt: „Dass spätestens die sogenannten ,Investigativen’ wirklich alle gern Polizist geworden wären. But here´s the news: Sie sind es nicht! Aber statt das zu akzeptieren, sich einen neuen Job zu suchen und in diesem einfach gut zu sein, bleibt im Hinterkopf offenbar verankert: ,Denen zeig ich, dass sie mich besser genommen hätten!’“

Hunderte Journalisten würden demzufolge herumrennen, Detektiv spielen und Informationen aus Informationskanälen, die sie nichts angingen, „ohne fachliche Prüfung einem Millionenpublikum zugänglich“ machen. Die Journalisten glaubten, das sei ihr Job, weil es ihnen Chefs wie Diekmann so sagten.

"Sie stehen für alles, was ich an den Medien absolut grauenhaft finde"

Neumann schließt mit den Worten: „Lieber Herr Diekmann, ich bin kein Feind der BILD. Wirklich nicht! Aber heute stehen Sie für mich für alles, was ich an und in den Medien absolut grauenhaft finde.“

Die „Bild“-Zeitung hatte den Co-Piloten von Flug 4U9525 mit vollem Namen und unverpixeltem Bild gezeigt und als „Amok-Piloten“ bezeichnet. Außerdem hatten Mutmaßungen über die letzten Minuten der Passagiere Kritik hervorgerufen.

Der Umgang der deutschen Medien mit den Angaben zu dem Co-Piloten ist unterschiedlich. Manche – und nicht nur der Boulevard – veröffentlichten den vollen Namen.

Öffentlich hat Diekmann indirekt auf die Vorwürfe reagiert. Am späten Mittwochabend retweetete er folgenden Beitrag:

Und außerdem einen Artikel der renommierten „Washington Post“, in dem er selbst zitiert wird.

Darin schreiben die Autoren: „Es scheint, als weigere sich dieses Land, sich zu fragen, was falsch lief.“ Offenbar stelle der Crash deutsche Grundüberzeugungen infrage. Als da wären: Die Titanen der Industrie machen keine Fehler. Und Regeln wie die zum Schutz medizinischer Daten und der Privatsphäre gehen über alles.

Während deutsche Medien sehr schnell die Namen der muslimischen Angreifer auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ und den jüdischen Supermarkt veröffentlicht hätten, weigerten sich einige von ihnen immer noch, Andraes L. beim vollen Namen zu nennen und mit Gesicht zu zeigen mit der Begründung, seine Schuld sei noch nicht klar erwiesen und die Öffentlichkeit erwarte gegenüber einem Deutschen größere Sensibilität. In den sozialen Netzwerken herrsche die Meinung vor, Andreas L. sei krank gewesen und damit basta.

Die Zeitung zitiert Diekmann mit dem Satz: „Die Deutschen wollen die Realität oft nicht sehen – die Realität von Krieg, von Gewalt.“

"Starker Glaube an den Wert von Regeln"

Außerdem verweisen die Autoren auf einen „ungewöhnlich starken kulturelle Glauben an den Wert von Berechenbarkeit und Regeln“. Als Beispiele führen die Autoren etwa an, dass Deutsche an einer Fußgängerampel auch dann auf Grün warteten, wenn gar kein Auto in Sicht sei.

Diekmann bezeichnet die Diskussion in seinem Post als eine „sehr deutsche“.

Das stimmt. Und muss nichts Schlechtes sein.

Sicher ist allerdings: Wir müssen diese Debatte führen.

Denn selten waren die Meinungsverschiedenheiten so heftig. Der Umgang der Medien mit einem Verdächtigen so unterschiedlich. Die Unsicherheit so groß. Bei den Rezipienten. Und den Journalisten.

Mit so aggressiver Rhethorik, mit solcher Pauschalisierung, wie es Neumann tut, wird man der Sache ebenso wenig gerecht wie mit dem pauschalen Hinweis, dass die Öffentlichkeit hier die Realität nicht sehen wolle. Wenn wir über die Aufgabe der Medien diskutieren, müssen wir auch darüber sprechen, welche Funktion sie haben. Denn natürlich gibt es das ekelhafte Witwenschütteln. Aber es gibt auch Fälle, in denen der Druck investigativer Journalisten auf die Behörden bitter nötig war.

Aber wenigstens geht so die Diskussion zum Thema weiter. Wir dürfen es nur nicht aus den Augen verlieren.

Video: Schreckliche Arbeit bei Germanwings-Absturzstelle: Video zeigt, wie Bergungskräfte die Leichen identifizieren


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