WIRTSCHAFT
01/04/2015 17:50 CEST | Aktualisiert 05/04/2015 22:56 CEST

Die Gefahr aus dem Kühlregal: Deutschland hat eine tickende Zeitbombe

Thinkstock
Deutschland hat eine tickende Zeitbombe, über die kaum einer spricht

Es ist ein Satz, den man zwei Mal lesen sollte und danach wird man kräftig - sehr kräftig - schlucken müssen.

Jedes zweite frische Stück Hähnchenfleisch weist potenziell krankmachende Keime auf.

Diese Zahl stammt nicht von radikalen Veganern, sondern aus einer aktuellen Studie des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BLV).

Keine Fortschritte im Kampf gegen die Keime

Die Frage, ob in den vergangenen fünf Jahren Fortschritte beim Eindämmen der Keime erzielt werden konnten, beantwortet die Behörde zudem mit einem klaren Nein.

Je genauer man sich die Zahlen anschaut (und das sollte man!), desto deutlicher wird das gewaltige Problem:

Die gegen viele Antibiotika unempfindlichen MRSA-Keime, besser bekannt als Krankenhauskeime, wurden in 20 Prozent der Proben von frischem Hähnchenfleisch nachgewiesen. Außerdem war das Fleisch „wiederholt häufig" mit dem Durchfallerreger Campylobacter belastet. Auch sogenannte ESBL-bildende E.coli, die bestimmte Antibiotika zerstören, wurden in über 60 Prozent der Proben von frischem Hähnchenfleisch nachgewiesen.

Verbreitung resistenter Keime aufgrund Antibiotika-Einsatz in Tierhaltung

Für Wissenschaftler steht fest: Die Verbreitung von resistenten Keimen in der Bevölkerung ist mit dem massiven Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung verbunden.

Arzt warnt vor Behandlungssituation wie im Mittelalter

Und fest steht auch: Wird das Problem mit den Keimen nicht energischer bekämpft, droht Deutschland eine düstere Zukunft, erklärte kürzlich bereits Klaus-Dieter Zastrow im Gespräch mit der Huffington Post. Er ist Chefarzt vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin am Vivantes-Klinikum in Berlin.

„Weil die Bakterien zunehmend Resistenzen haben oder entwickeln, können wir im schlimmsten Fall in eine Zeit zurückfallen, die uns ans Mittelalter erinnert“, warnte er. Weil wir dann sterben würden, wenn wir beispielsweise Scharlach haben.

Tiermast - eine "tickende Zeitbombe"

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter nennt das deutsche Tiermast-System eine „tickende Zeitbombe“und auch Regierungsberater mahnen jetzt mit deutlichen Worten ein Umsteuern bei der Tierhaltung an.

Verantwortungslosigkeit nicht auf Großbetriebe beschränkt

Sie sprechen in einem aktuellen Gutachten davon, dass „immer noch sehr große Mengen" von Antibiotika verwendet würden. Zwar benötigen (das ist der gute Teil der Nachricht) fast 50 Prozent der Betriebe keine oder fast keine Antibiotika, die restlichen pumpten hingegen umso mehr ins System.

Diese Grafik verdeutlicht das Problem:

betriebe

Es sind nach Aussagen der Gutachter übrigens "nicht unbedingt die größten Betriebe, die den höchsten Einsatz an Antibiotika pro Tier aufweisen. Dies unterstreicht die Komplexität der Zusammenhänge, die mit der einfachen Gleichung Massentierhaltung = Massenhafter Einsatz von Tierarzneimitteln nicht abgebildet wird", heißt es.

Das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik von Ende März nennt jedoch auch Lösungen für eine Antibiotika-Minimierung.

Zwei Sätze sind zentral:

"Über eine verbesserte Tiergesundheit lässt sich der Gesamtumfang des Einsatzes von Arzneimitteln im Tierbestand reduzieren."

Und:

Neue Untersuchungen aus Süddeutschland würden zeigen, dass es „ein erhebliches Potenzial zur Reduktion des Antibiotikaeinsatzes beim Masthuhn ohne Einbußen bei der Tiergesundheit gibt".

Diese Lösung, betonten die Berater des Landwirtschaftsministers, gibt es nicht zum Nulltarif – sie ist mit höheren Lebensmittelpreisen für die Verbraucher verbunden.

Für Verbraucher wohlgemerkt, die sich das billige Hähnchen für 2,49 Euro beim Discounter kaufen.

HINTERGRUND: Forschungslücken

Das Gutachten der Regierungsberater macht deutlich, dass es auch noch beunruhigende Forschungslücken im Zusammenhang mit dem Einsatz von Antibiotika in der Tiermast gibt. Zum einen ist die „mögliche Wirkung der regelmäßigen Aufnahme geringster Menge von antimikrobiellen Substanzen auf die Darmflora des Menschen (...) nicht abschließend geklärt“, erklären die Gutachter.

Zum anderen können die Wirkstoffe von Antibiotika „über Dung und Gülle in den Boden und auch in das Grundwasser gelangen“. Rückstände der Substanzen könnten von Pflanzen aufgenommen werden, die dann als Lebens- oder Futtermittel genutzt werden, oder sie können "durch eine Veränderung der Bodenflora zur Resistenzentwicklung beitragen" Wie konkret, ist auch noch ungewiss.

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