Vorsicht vor rechten Schwachköpfen, die lieber Tiere als Menschen schützen wollen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TIERSCHUTZ RECTE
Getty
Drucken

Liebe Tierschützer!

Jahrzehntelang haben sich die Deutschen gegen rechtes Gedankengut erfolgreich zu wehren gelernt. Das war lange Zeit sehr einfach. Nazis trugen Bomberjacken, ihre Schädel waren kahlgeschoren und ihre Füße steckten in Springerstiefeln mit weißen Schnürsenkeln.

Sie sehnten sich nach einer Zeit, in der Millionen Menschen dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer fielen und zogen prügelnd durch Fußgängerzonen und Fußballstadien. Die Hitler-Romantiker von einst waren leichte Gegner. Ihre Geisteskinder von heute sind es nicht mehr.

Die rechte Szene hat dazu gelernt. Sie denkt nicht mehr nur in Ideologien, sondern auch in Diskursen. Sprich: Statt immer nur "Ausländer raus!" zu grölen, holen moderne Nazis ihre potenziellen Sympathisanten in deren eigenen kulturellen Milieus ab. Das gilt seit einiger Zeit auch für den Tierschutz in Deutschland.

Rechte Kräfte kapern die Tierschutzbewegung

Schon auf den frühen Pegida-Demos war zu beobachten, wie verschiedene rechte Aktivisten versucht haben, Anknüpfungspunkte an das im Grunde positiv besetzte Thema "Tierschutz" zu finden.

Als ziemlich hilfreiches Mittel erwies sich dabei die Debatte um die Schächtung von Tieren. Das Ausbluten bei der Schlachtung ist bei Juden und Moslems religiöser Ritus.

Schon im Nationalsozialismus wurde mit diesem Thema Stimmung gegen die jüdische Bevölkerung gemacht. Im Film "Der ewige Jude", der als einer der aggressivsten antisemitischen Propagandastreifen aller Zeiten gilt, wird mehr als eine Minute lang am Stück die Schlachtung einer Kuh in allen Details dargestellt.

Heute benutzen rechte Islamhasser die Debatte. Auf einem Pegida-nahen Tierschutz-Blog hieß es etwa Mitte Januar: "Auch viele Tierschützer, perfekt auf Political-Correctness-Verhalten dressiert, mischen artig mit, bei der Anbetung des Götzen ‚Multi-Kulti’. Vergessen, oder verdrängen, dass mit noch mehr Zuzug von Muslimen auch z.B. die ‚Kultur’ des betäubungslosen Schächtens von Tieren immer mehr Einzug in Deutschland hält."

Es sind keine Einzelstimmen. Mittlerweile nutzen islamfeindliche Organisationen ganz gezielt den Tierschutz als Imagewerbung.

Die "Bayern gegen die Islamisierung des Abendlandes" haben eine Sammlung für den Tierschutz unternommen.

PEGIDA Sammlung für gemeinnützigen Tierschutz (ca 5000 Euro) war super, gut wenn nun auch der Agrarminister Schmidt...

Posted by Bagida on Freitag, 27. März 2015

Und in der Satzung des Pegida-Fördervereins ist verankert, dass nach einer eventuellen Auflösung die Vereinskasse an verschiedene Tierschutzorganisationen gespendet werden soll.

#nopegida #watch #tierschutz #verein #geld++Pegida und der Tierschutz++Wer die "Beitrittserklärung" des...

Posted by PEGIDA#watch on Freitag, 27. März 2015

Viele sprechen mittlerweile davon, dass rechte Kräfte die Tierschutzbewegung "kapern" wollten.

Aber, liebe Tierschützer: Wahr ist daran vor allem, dass sich eure Organisationen nur allzu leicht kapern lassen.

Zum Beispiel die Partei "Mensch, Umwelt, Tierschutz". Die Kleinpartei hat etwas mehr als 1.000 Mitglieder, hat einen Frauenanteil von knapp 70 Prozent und gewann 2014 ein Mandat im Europaparlament.

Schon im Jahr 2013 gab es Berichte über Parteifunktionäre, die mit rechten Ausfällen auffällig geworden sind. Der Webdienst "Publikative.org" berichtete damals, dass der Vorsitzende der Thüringer Tierschutzpartei, Harald von Fehr, sich beleidigend gegenüber Moslems geäußert haben soll.

"In einer Email beschreibt der Vorsitzende der Thüringer Tierschutzpartei, Harald von Fehr, Fotos von Wildschweinen, die sich an einer Straße bewegen, unter anderem mit folgenden Worten: ‚Was mir auffällt? Sie tragen keine Kopftücher! Sie benützen kein geklaute Fahrräder/Roller oder BMWs! Sie tragen keine Messer! Aber das schlimmste ist: Auf die darf geschossen werden !!!’", so "Publikative.org" damals.

Jüngst kursierte ein Brandbrief von einem anonymen Tierschützer bei Facebook, der von der linken Internetseite indymedia.org weiterverbreitet wurde. Angeblich sei der halbe Landesvorstand der Tierschutzpartei Nordrhein-Westfalen von rechten Kräften der Freien Wähler Düsseldorf unterwandert worden.

Und auch der ehemalige Bundesvorsitzende und Europaabgeordnete der Tierschutzpartei, Stefan Bernhard Eck, kritisiert den politischen Kurs seiner früheren Partei scharf. Zum 31. Dezember 2014 erklärte er seinen Austritt aus der Tierschutzpartei, deren Chef er sieben Jahre lang war.

Auf Facebook schrieb Eck: "Es ist in der Partei Mensch Umwelt Tierschutz – dies ist nicht nur meine Wahrnehmung, sondern auch diejenige vieler wichtiger Funktionsträger und aktiver Parteimitglieder - zu einer inakzeptablen ‚Rechtsoffenheit’ und einer leichtfertigen Integration von Personen mit rechtspopulistischem, anti-emanzipatorischem oder sogar faschistischem Gedankengut gekommen."

Verlautbarung zum Jahreswechsel / 31.12.2014Rücktritt als Bundesvorsitzender und Austritt aus der Partei Mensch Umwelt...

Posted by Stefan Bernhard Eck MEP on Mittwoch, 31. Dezember 2014

Dabei muss sich auch Eck einen Vorwurf gefallen lassen: Er hatte selbst mit einer öffentlichkeitswirksamen Aktion auf dem Parkplatz der KZ-Gedenkstätte Dachau dafür gesorgt, die Grenzen zwischen Tierschutz und Antisemitismus zu verwischen.

Im Jahr 2006 postierte er sich vor dem Komplex, in dem von 1933 bis 1945 mehr als 40.000 Menschen ermordet wurden, mit einem auf Plakatgröße kopierten Slogan: "Für Tiere ist jeden Tag Dachau!" Später rechtfertigte er diese Aussage damit, dass ja auch prominente ehemalige KZ-Insassen wie Martin Niemöller diese Analogie gewählt hätten.

Natürlich: Eck ist rechter Umtriebe völlig unverdächtig. Aber begeht den gleichen Denkfehler wie die Tierschutzorganisation Peta, die vor einigen Jahren in einer Kampagne Fleischverzehr mit dem Holocaust gleichsetzte.

Diese wütenden Vergleiche dienen keineswegs dem Tierschutz. Nicht nur, dass dadurch ein Menschheitsverbrechen relativiert wird und potenzielle Unterstützer sich mit gutem Recht abwenden. Solche Slogans helfen auch jenen, die schon immer aus politischen Gründen daran gearbeitet haben, den Holocaust zu relativieren.

Mehr noch: Rechte Knallköpfe fühlen sich dort zuhause, wo sie nicht mehr bei jeder historischen Debatte damit konfrontiert werden, wie menschenverachtend die eigenen Großväter vor 70 Jahren gewütet haben. Und da "Umweltschutz" ohnehin "Heimatschutz" ist, wie die NPD schon vor Jahren festgestellt hat, ergibt sich hier für die deutsche Rechte ein komplett neues Betätigungsfeld.

Liebe Tierschützer! Ihr, die es ehrlich meint: Es wird Zeit zu handeln.

Schaut bei der nächsten Veranstaltung eure Sitznachbarn mal genau an.

Wollt ihr wirklich mit Leuten gemeinsame Sache machen, die auf Pegida-Demos "Lügenpresse" skandieren und Asylbewerber mit Ungeziefer vergleichen, aber für den armen Labrador aus dem Tierasyl via Facebook ein neues Zuhause suchen?

Die gegen Tierversuche protestieren, aber die Todesstrafe für Drogendealer fordern?

Die sich keinen Deut für die Opfer des Kriegs in der Ukraine interessieren, aber 2012 verdammt steil gegangen sind, als bekannt wurde, dass die mittlerweile gestürzte Janukowitsch-Regierung Streuner einfangen und töten ließ?

Was die Tierschutz-Bewegung bräuchte, wäre eine gemeinsame politische Agenda. Eine, die sich nicht nur mit der Rolle von Tieren befasst, sondern auch mit der von Menschen. Am besten eine Kombination aus beiden. Genau das ist es nämlich, was trotz aller Thesenpapiere und Bücher zu diesem Thema fehlt: ein echtes politisches Leitbild. Und deshalb haben es rechte Kräfte so leicht bei euch - Ihr habt Euch nie gegen Tierschützer mit den falschen politischen Ideen zu wehren gelernt.

Ich kann und will nicht glauben, dass sich euer Blick auf die Welt nur auf das Öffnen von Laborkäfigen und die Abschaffung von Zirkustierhaltung beschränkt. Ihr seid Menschen. Ihr lebt in einem Staat. Ihr habt Verantwortung für das, was Menschen daraus machen und das, was Menschen dadurch widerfährt.

Ihr schickt mit eurer Stimme bei der Bundestagswahl Soldaten in den Krieg, ihr entscheidet über die Asylpolitik, die Sozialpolitik, über alles Politische.

Wenn ihr das nicht einseht, dann ist die Häkeldeckenrepublik schon über uns alle niedergesunken und ihr habt es euch darin bequem gemacht, in aller Spießigkeit. Eure Pudel und Katzen sind euch dann näher als eure Nachbarn. Kurz: Es wäre das Ende der Politik.

Genau das wünschen sich Nazis. Ist euch das klar?


Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Video:Interview mit Skandalpolitikerin: Dänische Polit-Amazone sieht sich als Endstufe des Feminismus



Korrektur anregen