Zur Vorverurteilung des Germanwings-Co-Piloten: Warum es immer noch Zweifel am Selbstmord geben muss

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GERMANWINGS
Zu schnell geurteilt | Getty
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Es ist ein Horror-Szenario, das die Ermittler vom Absturz der Germanwings-Maschine zeichnen: Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft Marseille ließ der Co-Pilot den Airbus A320 absichtlich in den französischen Alpen zerschellen.

Das, so die Ermittler, habe die Auswertung des Stimmenrekorders ergeben. Nach der zweiten Blackbox, dem Flugdatenschreiber, wird noch gesucht.

Für die Staatsanwaltschaft und die breite Öffentlichkeit ist damit der tragische Unglücksfall bis auf ein paar Detailfragen weitestgehend geklärt.

Allein: Auch am Tag nach der spektakulären Enthüllung liegen die Hintergründe der Tragödie weiter im Dunkeln.

Keine fundierten Beweise

Denn für sämtliche Theorien, die sich allesamt um einen möglichen Suizid des 27 Jahre alten Co-Piloten drehen, gibt es immer noch keine fundierten Beweise.

Zwar lassen die neuesten Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft Düsseldorf, wonach Andreas L. seinem Arbeitgeber eine Erkrankung verheimlichte und unter anderem für den „Tattag“ krankgeschrieben war, gewisse Mutmaßungen zu. Mehr aber auch nicht.

Denn: Um welche Krankheit es sich handelt, ist nicht bekannt.

Und: Ein Abschiedsbrief oder gar ein Bekennerschreiben wurden nicht gefunden.

Pure Spekulation

Auch die vorsichtigen Formulierungen der französischen Staatsanwaltschaft - wie „die für uns plausibelste, wahrscheinlichste Interpretation“ - sind weder hieb- noch stichfest.

Chefermittler Brice Robin stützt sich allein auf die Auswertung des Stimmenrekorders.

Doch was genau hat denn die erste Blackbox aus dem Cockpit aufgenommen?

Acht Minuten Geräusche - Atmen, Stühlerücken. Von wem? Nicht klar.

Acht Minuten Schweigen. Was sagt dies aus? Pure Spekulation.

Acht Minuten Unwissenheit. Vielleicht war ja neben dem Co-Pilot noch jemand im Cockpit?

Vielleicht war Andreas L. ja herzkrank – und erlitt an Bord einen Infarkt? Vielleicht konnte er nur deshalb „schwer atmen“.

Auch die These, der „Amok-Pilot“ („Bild“) habe für seinen „Ritual-Mord“ („Bild“) „bewusst den Sinkflug eingeleitet“ (Robin), ist nicht gesichert.

Erst von einer Woche wurde der Beinahe-Absturz eines Lufthansa-Airbus vom Typ A321 bekannt, der im November 2014 auf der Stecke von Bilbao nach München automatisch in einen unkontrollierten Sinkflug schaltete.

Auslöser: Falsche Signale aufgrund vereister Sensoren.

(Der Text geht unter dem Video weiter)

Video:Krankheit Verschwiegen: Hausdurchsuchung Des Co-Piloten Bringt Neue Details Ans Licht

Erst durch Abschalten der Bordcomputer sei es der Crew gelungen, das Flugzeug wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Vielleicht war Andreas L. auch einer derartigen Notsituation ausgeliefert? Und - aus welchem Grund auch immer - unfähig zu reagieren?

Der Flugdatenschreiber wird noch immer gesucht

Der Flugdatenschreiber könnte ein solches Szenario offenlegen. Flugexperten sind sich ohnehin einig, dass nur das Zusammenspiel von Stimmen- und Datenrekorder zur Aufklärung beitragen kann.

Viele Staatsanwaltschaften hätten „schon viel in die Welt gesetzt“, viele Urteile hätten aber am Ende ganz anders ausgesehen, warnte unter anderem Ex-Verkehrsminister Peter Ramsauer vor einem vorschnellen Urteil.

Solange es so oft „vielleicht“ heißt, so lange es keine gesicherten Fakten gibt, so lange gilt die Unschuldsvermutung. Darauf weist auch der Gladbecker Rechtsanwalt Thomas Wings in seinem Blog hin:

„Vielleicht ist es nur ein mikroskopisch kleines ‚Vielleicht’. Und dennoch gebietet es die Rechtsstaatlichkeit bis zuletzt, ihn als juristisch unschuldig zu betrachten.

Der Tod auch dieses Menschen bringt mit sich, dass er sich nicht mehr rechtfertigen kann. Es kann sein, dass es überhaupt nichts zu rechtfertigen gibt. Aber trotzdem darf die Unschuldsvermutung nicht auf der Strecke bleiben. Trotz unendlich vieler zu beklagender Opfer. Gerade wegen dieser bedauerlich hohen Zahl.“

Video: Schrecklicher Zufall: Star-Regisseur zeigt, wie Pilot Flugzeug zum Absturz bringt

Video: Lufthansa-Chef: Ausbildung des Copiloten wurde für einige Zeit unterbrochen

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