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Text zu Germanwings-Absturz: Lieber Franz Josef Wagner, sind Sie wirklich so ein Mensch?

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Lieber Franz Josef Wagner:

Der Abend ist vorbei. Die Gitanes sind verqualmt. Und jetzt mal ganz ehrlich: Was haben Sie heute Morgen gedacht, als Sie aufgestanden sind und einen Blick auf Ihre Kolumne in der "Bild" geworfen haben?

Ich rede von diesem pietätlosen, geschmacklosen und hirnzerreißend blöden Katastrophen-Porno, den Sie gestern für die "Seite Zwei" Ihres Blattes produziert haben. Tut Ihnen das wenigstens leid?

Oder sind Sie wirklich so ein Mensch?

Als Journalist verstehe ich, dass auch Ereignisse wie das Germanwings-Unglück eingeordnet werden müssen. Und damit meine ich nicht einmal nur die technischen Details, die jetzt in den nächsten Tagen ermittelt werden. Sondern auch die Frage, welche Wirkung ein Flugzeugabsturz auf das kollektive Bewusstsein einer Gesellschaft hat.

Das sind wirklich wichtige Fragen, denen auch ein Boulevardblatt nachgehen sollte.

Sie werden sagen: Ich habe mit meinem Brief doch nichts weiter getan als den Deutschen dieses Unglück verständlich zu machen.

wagner
Screenshot Bild.de

Aber das lasse ich nicht gelten. Sie haben zeilenweise über die letzten Stunden der Absturzopfer fabuliert und damit nicht nur die Gefühle der Angehörigen verletzt, die Würde der Toten geschmälert und den Pressekodex mit nackten Stinkefüßen getreten. Es ist Ihnen auch gelungen, sämtliche Geschmacksgrenzen nach unten zu durchbrechen.

Zitat Wagner: "Was alles geschah in diesem Flugzeug – bevor es abstürzte? Knabberten die Passagiere Nüsse, tranken sie Cola, guckten sie in die Sonne durch das Kabinenfenster? Nervten die Babys, die quengelten?"

Herr Wagner, was sollen diese rhetorischen Fragen? Sie wissen, dass Sie keine Antworten mehr bekommen können. Ihre Erkenntnis, dass sich das Gepäckband in Düsseldorf nicht bewegte, weil "Tote keine Koffer abholen": geschmacklos. Sie hoffen, die Menschen seien glücklich gewesen, bevor sie in den Bergen in den Tod stürzten? Sie wünschen ihnen, die Stewardessen seien nett gewesen? Ist das Ihr Ernst?

All dieser Mumpitz, den Sie in Deutschlands auflagenstärkster Zeitung über diese Menschen verbreiten, muss unwidersprochen stehen bleiben. Weil niemand mehr widersprechen kann. Genau das macht Ihren Brief ja so infam.

Sie trivialisieren die letzten Minuten dieser Menschen, nur damit sich Oma und Opa Schneider zwischen Einbauschränken und Kunstledersesseln ein kleines bisschen erschüttert über die gewaltige Kraft des Schicksals fühlen können. Erkenntnisgewinn: null. Beitrag zur Wahrheitsfindung: unter null.

(Lesen Sie nach dem Video weiter.)

Video: Absturz von 4U 9525: Germanwings-Pilot war bei A320-Crash ausgesperrt



Es ist nicht das erste Mal, dass Sie mit ihren Briefen Grenzen verletzen. Nach einem Feuer in einem Behindertenheim im Jahr 2012 haben Sie ähnlich widerlich in der ausgelöschten Existenz von Toten herum gefingert. "Es ist kein schönes Leben, wenn man im Rollstuhl den Bordstein hochkommen will. Es ist kein schönes Leben, wenn man sich die Schuhe nicht mehr alleine anziehen kann", schrieben Sie damals über die 15 Opfer des Großbrands.

Silvio Berlusconi haben Sie Prostata-Probleme an den Hals gewünscht, den Rapper Bushido als "Arsch" bezeichnet und über angebliche Erziehungsprobleme von Uschi Glas fantasiert.

Das Bemerkenswerte an Ihrer Person ist, dass hinter der fast schon grotesk wirkenden Journalistenfassade ein begabter Autor steckt. Ihr "Brief an Deutschland" ist eines der schönsten Bücher, das in den vergangenen Jahren über die Bundesrepublik geschrieben wurde. Hier sind Sie feinfühlig, mitunter richtig poetisch. Als Journalist, so schreiben Sie in Ihrem Buch, seien Sie "Historiker des vergangenen Tages".

Um in diesem Bild zu bleiben: Ein Historiker sichtet. Er sichert. Und er ordnet ein.

Was Sie regelmäßig mit "Post von Wagner" machen, ist genau das Gegenteil: Sie fabulieren, verfälschen und reißen Dinge aus dem Zusammenhang.

In den sozialen Netzwerken erleben Sie gerade einen mittelschweren Shitstorm. Es ist nicht Ihr erster. Das Einzige, was man nach ihrer Kolumne vom Mittwoch noch hoffen kann, ist, dass Sie dieses Mal auch das Geschmacksempfinden der "Bild"-Leser verletzt haben. Denn anders kommt im Hause Springer kein Diskussionsprozess in Gang.

"Es ist so furchtbar. Ich will kein Wort mehr darüber schreiben", so schließt Ihr Brief.

Hätten Sie sich wenigstens mal selbst für voll genommen.

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Video: Airbus-Unglück: Auf diesem Video erkennt man noch das Germanwings-Logo


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