Schickt Günther Jauch endlich in Rente! Und gebt Jan Böhmermann seinen Sendeplatz

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Mal ehrlich: Es ist völlig egal, ob der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis den Deutschen vor zwei Jahren den Mittelfinger entgegen gestreckt hat oder nicht. Es ist lächerlich, dass wir uns überhaupt darüber unterhalten.

Genau darin liegt das Verdienst von Jan Böhmermann. Er hat uns gezeigt, wie sinnfrei die öffentliche Debatte über Politik geworden ist. Man hätte das freilich auch schon früher merken können.

Angela Merkels hohle Kanzlerraute, plakatiert auf meterhohe Stellwände, hat der Union im Bundestagswahlkampf 2013 fast zur absoluten Mehrheit verholfen. Mehr als zwei Fünftel der deutschen Wähler haben auf alle Argumente gepfiffen und sich von der Aussicht auf die heilige Stille einer weiteren Merkel-Legislatur leiten lassen.

Ihr Herausforderer Peer Steinbrück ist währenddessen nicht über seine üppigen Rentenversprechen, sondern über ein Titelbild auf dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung" gestolpert. Und, um das aktuellste Beispiel der dunkeldeutschen Polit-Unkultur zu nennen: In Dresden gehen Zehntausende Menschen auf die Straße, weil sie sich in einer Stadt mit einem kaum messbaren Ausländeranteil vor der „Islamisierung des Abendlandes“ fürchten.

Quatsch-Diskussion um einen Stinkefinger

Aber wahrscheinlich brauchte es diese emotionsgeladene Quatsch-Diskussion um die Geste eines (damals übrigens noch nicht in der Regierung tätigen) griechischen Wirtschaftsprofessors, damit uns jemand den Spiegel vorhalten kann.

Oder, wie Böhmermann es so schön formulierte: „So sind wir Deutschen halt. In einem Jahrhundert Europa zweimal verwüstet. Aber wenn man uns den Stinkefinger zeigt, dann flippen wir aus.“

Nebenbei hat uns Böhmermann übrigens auch gezeigt, wie moderne Propaganda funktioniert. Man bringt so viele Versionen einer „Wirklichkeit“ in Umlauf, bis fast niemand mehr weiß, was tatsächlich wahr ist und was nicht.

Wir sehen einen Mittelfinger. Dann erfahren wir, dass der Mittelfinger ein Fake ist. Später hören wir, dass der gefakte Mittelfinger ein Fake ist. So arbeiten auch die russischen Staatsmedien – mit dem Ziel, die Öffentlichkeit in demokratischen Ländern zu spalten.

Erfolg hat so eine Strategie vor allem dann, wenn eine Mehrheit der Bevölkerung keine Lust mehr darauf hat, sich ernsthaft mit der nicht immer unkomplizierten politischen Realität auseinanderzusetzen. Wenn sie eher Wanderpredigern glaubt als jenen, die ernsthaft diskutieren möchten. Ist ja auch viel einfacher, die Hasskappe aufzusetzen. Womit wir bei Günther Jauch wären.

(der Text geht nach dem Video weiter)

Video:Varoufakis zeigt Deutschland den Mittelfinger: Böhmermann und sein Fake-Finger-Gate: Das ZDF schafft Klarheit

Jauch hat schon oft versagt

Seit Monaten versagt er regelmäßig dabei, in seiner Talkshow einen Beitrag zur Wahrheitsfindung zu liefern. Im Gegenteil: Offenbar hat seine Redaktion ein Interesse daran, populistischen Meinungen ein Forum zu bieten und Vorurteile zu schüren. Zum Beispiel durch das Casting seiner Gäste.

Natürlich lud er bei einer Diskussion zum Thema „Gewalt in Allahs Namen: Wie denken unsere Muslime?“ einen Imam ein, der durch endlose, wirre Monologe alle bundesdeutschen Bedenkenträger, die brötchenkauend in ihren Fernsehsesseln saßen, in ihren Vorurteilen bestärkte.

Bei einer Diskussionsrunde mit Kreml-Kritikern Anfang März beschränkte sich Jauch fast die gesamte Sendung über darauf, Fragen von seinen Kärtchen abzulesen, statt die einmalige Chance zu nutzen, bei seinen hochkarätigen Gästen nachzuhaken.

Folgerichtig verwies er die Tochter des ermordeten russischen Oppositionellen Boris Nemzow nach einer Viertelstunde Pingpong-Talk auf die Tribüne. Dort scharrte die bedauernswerte Schanna Nemzowa fortan mit den Füßen, während ein kremltreuer Journalist vorne auf dem Podium unwidersprochen seine zynischen Einlassungen verbreiten konnte. Jauch war mehr als schlecht vorbereitet.

Der Varoufakis-Talk am vergangenen Wochenende war da nur der Höhepunkt aller sich bereits abzeichnenden Peinlichkeiten.

Als hätte es die kritische Debatte um das Verhalten der Medien gegenüber Griechenland nie gegeben, wurde der griechische Minister von Jauch wie ein Freak vorgeführt. Die ganze Sendung glich einem Tribunal, bei dem „besorgte Bürger“ wie der unterirdisch arrogante CSU-Politiker Markus Söder und der fahrig daher faselnde „Publizist“ Ernst Elitz ihre fünf Cent in das Pegida-Sparschweinchen schmeißen konnten.

Natürlich ist der einstmals angesehene Wirtschaftswissenschaftler Varoufakis, der an renommierten Hochschulen geforscht hat, mittlerweile nicht unumstritten. Doch binnen einer Stunde wurde aus dem Mann, dessen Thesen zur Eurokrise durchaus einen zweiten Gedanken wert sind, ein Vollidiot.

Dünger, der die Vorurteile zum Blühen bringt

Jauchs Talkshow, die jeden Sonntagabend nach der populärsten deutschen Fernsehsendung stattfindet, geriet zum Tatort. Unter tätiger Mithilfe des beliebtesten deutschen Journalisten wurde jener Dünger produziert, der Vorurteile in der Dunkelheit deutscher Wohnzimmer zum Blühen bringt wie Gänseblümchen auf einer Frühlingswiese.

Damit muss Schluss sein. In den vergangenen zwei Jahren hat sich gezeigt, dass Fernseh-Satire mittlerweile viel öfter imstande ist, dem Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gerecht zu werden als die klassischen Talkformate, die sich zu einer immer größeren Gefahr für die Qualität des politischen Diskurses entwickeln.

Schickt Günther Jauch endlich in Rente. Und gebt Jan Böhmermann seinen Sendeplatz. Nach anderthalb Stunden Krimi kann den Deutschen am Sonntagabend kaum was Besseres passieren.


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