Wissenschaftskabarettist Vince Ebert: Wenn Sie zur Früherkennung gehen, muss keiner in diesem Land an Darmkrebs sterben

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Wenn Sie zur Früherkennung gehen, muss keiner in diesem Land an Darmkrebs sterben. | Frank Eidel
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Für den Steinzeitmenschen machte Vorsorge wenig Sinn - heute sieht das völlig anders aus, sagt Vince Ebert. Der studierte Physiker ist vom Darm begeistert, weiß aber um die Hürden der Prävention. Insbesondere das Wie der Vermittlung von Fakten scheint ihm ein Schlüsselfaktor.

Am 26.4.2015 steht Wissenschaftskabarettist Vince Ebert als Moderator des Felix Burda Award auf der Bühne.
Zum Darmkrebsmonat März liefert er bereits heute einige Denkanstöße.

Was fasziniert Sie am Darm?

Der Darm ist ein eigenes, hochkomplexes Universum. Dort tummeln sich zum Beispiel drei Kilogramm Bakterien! Unser Gehirn wiegt übrigens gerade mal die Hälfte. Da fragt man sich schon: Wer hat hier eigentlich das Sagen? Wir haben tatsächlich doppelt so viele Darmbakterien wie Gehirn. Wahrscheinlich kommt deswegen auch oft so ein Sch… raus! Dabei leben wir nur, weil uns Bakterien mit allem versorgen. Wir können nicht ohne sie, aber sie können problemlos ohne uns. So machen jeden Tag 10 Billionen Bakterien in unserem Darm die Drecksarbeit. Aber haben wir es ihnen jemals gedankt?

Warum ist eine Verhaltensänderung hin zum gesunden Lebensstil so schwer?

Weil Selbstdisziplin sehr anstrengend ist. Millionen von uns verhalten sich auf eine Weise, von der sie ganz genau wissen, dass sie absolut bescheuert ist. Sie rauchen, saufen, fahren Motorrad oder kaufen Hedgefonds. Manche heiraten sogar. Warum? Weil sie es tun wollen. Es macht ihnen Spaß, gibt ihnen einen Kick oder ist einfach nur eine Flucht aus der Realität. Wir Menschen sind lebende Widersprüche.

Die einen predigen Wasser und trinken Wein. Andere predigen Wein und trinken Wasser. Und wieder andere trinken ausschließlich. Es ist sehr schwer, Ihrem Gehirn klar zu machen, in dieser Minute auf den Genuss des 4. Glas Weins zu verzichten, damit es uns in 20, 30 Jahren gesundheitlich besser geht.

Warum also verhalten wir uns oft in punkto Gesundheit so irrational?

Weil wir irrationale Wesen sind! Das menschliche Gehirn hat sich in den letzten 100.000 Jahren nicht mehr wesentlich verändert. Wir sind sozusagen immer noch Steinzeitmenschen dafür aber in Hugo Boss Anzügen. Unser Betriebssystem läuft auf einer Hardware, die das letzte Mal bei der Geburt von Jopie Heesters upgedatet wurde. Deswegen können wir zum Beispiel so schlecht mit Wahrscheinlichkeiten und Statistiken umgehen. Beim Lottospielen sagen wir: Die Chance auf den Hauptgewinn beträgt 1 zu 140 Millionen – es könnte mich treffen! Beim Rauchen sagen wir: Die Chance auf Lungenkrebs beträgt 1 zu 1000 – warum sollte es ausgerechnet mich treffen?

Das heißt, Vorsorge ist keine freie Entscheidung?

Ganz so schlimm ist es zum Glück ja nicht. Noch vor 300 Jahren wussten es die Menschen einfach nicht besser und dachten, wenn ich krank werde, ist das eben der Wille Gottes. Wer im Mittelalter an Pest starb, den hatte sein Schicksal ereilt. In der Aufklärung kam dann zum ersten Mal der Gedanke auf, dass wir unser Schicksal, unsere Zukunft selbst gestalten können. Inzwischen wissen wir durch die moderne Medizin und die Naturwissenschaft in vielen Dingen sehr genau, wie wir uns gesund halten können.

Und das wäre?

Hören Sie auf zu rauchen, trinken Sie wenig Alkohol und vermeiden Sie es möglichst, nach der großen Schlachtplatte noch zwei Stücke von der leckeren Herrensahne hinterherzuschieben. Alleine damit bringen Sie Ihren Lebensversicherer zur Weißglut. Und: Gehen Sie zur Darmkrebsvorsorge! Darmkrebs ist einer der wenigen Krebserkrankungen, die im Frühstadium eindeutig erkannt und zu 100 Prozent erfolgreich behandelt werden kann. Besonders Männer tun sich da ja schwer. Paul Breitner sagt „Typisch Mann, typisch blöd“ weil seiner Meinung nach der Mann die Auseinandersetzung mit dem Thema scheut, weil es ihm zu unangenehm ist.

Da hat Herr Breitner nicht ganz unrecht. Wir Typen denken eben oft, wir wären unverletzbar. Auch das hat mit der Evolution zu tun. In der Steinzeit war es durchaus problematisch, als männlicher homo sapiens Schwäche zu zeigen. Da waren Sie im Rudel schnell untendurch. Die Krux an der Sache: Ein Steinzeitmensch ist oftmals gar nicht alt genug geworden, um sich eine Krebserkrankung zuzuziehen.

Für den machte Vorsorge also wenig Sinn. Viele Krebsarten treten vorwiegend im Alter auf. Salopp gesagt ist Krebs die letzte Chance des Sensenmannes. Er schlägt meistens erst dann zu, wenn das Opfer nicht vorher an Cholera, Pocken, Lepra oder Lungenentzündung gestorben ist. Diese Krankheiten raffen uns heutzutage glücklicherweise nicht mehr dahin. Und dadurch rückten Krebserkrankungen mehr und mehr in den Focus. Das ist immer noch nicht so richtig in unseren Köpfen drin.

Also ist Darmkrebs eine reine Alterserscheinung?

Nicht unbedingt. Felix Burda ist bedauerlicherweise mit nur 33 Jahren gestorben. Richtig ist: Das Risiko an Darmkrebs zu erkranken, steigt mit 50 Jahren deutlich an. Wenn Sie aber Darmkrebsfälle in ihrer Familie haben, dann kann eine erbliche Form vorliegen. Und die kann durchaus auch in jungen Jahren ausbrechen.

Das Gesundheitssystem – ein Reparaturbetrieb der Kranke versorgt anstatt Gesunde gesund zu erhalten. Was läuft da schief? Warum schafft man keine Kehrtwende?

Das ist in der Tat eine sehr schwierige Frage. Ich jedenfalls appelliere da immer an die Eigenverantwortung eines jeden Einzelnen. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass über 70 Prozent aller chronischen Krankheiten in Deutschland ernährungs- und verhaltensbedingt sind. Wer einmal gesehen hat, wie sich Patienten drei Tage nach ihrer Lungentransplantation die erste Kippe anstecken, der weiß, dass selbst das tollste Gesundheitssystem machtlos ist, wenn der Einzelne nicht selbst die Verantwortung für seine Gesundheit übernimmt.

Als Gründe für die Nichtteilnahme an der Darmkrebsvorsorge nennen 58 % der Befragten „Weil ich keine Probleme mit dem Darm habe!“. Sprich: Das Prinzip „Prävention“ wurde gar nicht verstanden. Ist das Thema zu intellektuell?
Keinesfalls. Es ist sogar sehr leicht zu verstehen. Aber wir haben eben die Tendenz, unangenehme Dinge hinauszuschieben und uns in die eigene Tasche zu lügen. Und zwar relativ unabhängig von Bildung und Intelligenz. Es gibt Gynäkologen, die glauben an Jungfrauengeburt. Krebsforscher rauchen.

Und wenn das ehemals winzige Muttermal auf unserem Arm plötzlich so aussieht, wie die Umrisse von Kasachstan, holen wir uns eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und hoffen, dass es umso gutartiger wird, je weniger wir es beachten. Der große Physiker Richard Feynman warnte immer davor, dass man sich nicht selbst betrügen sollte. Denn sich selbst betrügt man am leichtesten.

Was sagt Vince Ebert den Menschen, die nicht zur Vorsorge gehen?

Es gibt sicherlich Krebsarten, da haben Sie einfach nur biologisches Pech gehabt. Das muss man dann auch schweren Herzens akzeptieren. Aber beim Darmkrebs ist das anders. Wenn Sie zur Früherkennung gehen, muss keiner in diesem Land an Darmkrebs sterben. Also: Termin ausmachen, danach haben Sie wieder ein paar Jahre Ruhe!

Das Interview führte Carsten Frederik Buchert.

Vince Ebert wurde 1968 in Amorbach im Odenwald geboren und studierte Physik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Seit September 2013 ist er mit seinem neuen Bühnenprogramm „EVOLUTION“ durch ganz Deutschland, Österreich und die Schweiz auf Tour, in der ARD moderiert er regelmäßig die Sendung „Wissen vor acht – Werkstatt“.

Video: Heimtückische Krankheit: Das sind die größten Risikofaktoren von Darmkrebs

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