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Linke-Fraktionschef Gysi: "Wir profitieren vom Linksextremismus"

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Gregor Gysi | Getty
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Randale von Hooligans in Köln. Tausende Menschen, die gegen die Islamisierung auf die Straße gehen. In den vergangenen Monaten waren Rechtsradikale so präsent wie schon lange nicht mehr. Man könnte meinen: Politischer Extremismus ist in diesen Zeiten ganz in der Hand der Rechtsradikalen in Deutschland.

Doch das ist nicht das ganze Bild. Denn auch das radikale linke Lager wächst immer schneller. 27.700 Deutsche werden vom Verfassungsschutz als linksradikal eingestuft, jeder Dritte soll gewaltbereit sein. Höchstumstritten ist dabei vor allem die Rolle der Linkspartei. Experten stufen sie als Sammelbecken solcher Leute ein, Extremismusforscher unterstellen der Partei einen "smarten Extremismus".

Gregor Gysi, Fraktionschef der Linken im Bundestag, weist diese Vorwürfe scharf zurück. "Das halte ich für Quatsch", sagte er im ersten Teil des exklusiven Interviews mit der Huffington Post. Die Gefahr, die von Linksextremisten ausgehe, halte er für überschätzt - und die Aufmerksamkeit für dieses Thema übertrieben.

Huffington Post: Herr Gysi, einer neuen Studie zufolge hat ein Sechstel der Deutschen eine linksextreme Grundhaltung. Profitiert die Linke davon?
Gregor Gysi: Was versteht man dort unter Linksextremismus? Aber natürlich profitieren wir davon, dass es eine andere Stimmung in der Frage der sozialen Gerechtigkeit gibt. Oder in der Friedensfrage.

HuffPost: Aber bei Linksextremismus geht es ja nicht nur um Soziales und Frieden. Linksextremisten verursachen auch Gewalttaten.
Gysi: Letztlich ist es so: Die Kraft einer Partei hängt immer vom Zeitgeist ab. So ist es hier auch.

HuffPost: Sie blenden das Gewaltpotenzial aus und konzentrieren sich auf politische Ideale. Der Verfassungsschutz sagt: In der Linkspartei existieren offen linksextremistische Strömungen. Ist das ein Problem?
Gysi: Nein, ich halte das auch alles für Quatsch, was die da feststellen. Das sind zum Teil die harmlosesten Leute, die ich kenne. Das hat mit der Realität wenig zu tun. Extremisten wollen übrigens gar nicht zu uns, die sind mit uns höchst unzufrieden. Gemessen an denen sind ja die Konservativen eher nett zu mir.

HuffPost: Aus Verfassungsschutzberichten geht hervor, dass 27.700 Deutsche als linksextrem eingestuft werden. Diese Zahl liegt weit über der offiziell ermittelter Anhänger rechtsextremistischer Gruppierungen. Ist Linksextremismus also nicht so gefährlich wie Rechtsextremismus?
Gysi: Nein. Der Rechtsextremismus wendet sich immer gegen Schwache, der Linksextremismus gegen Starke. Ich verurteile Gewalt. Aber ich mache da einen Unterschied. Es ist eine ganz andere Herausforderung, Starke anzugehen.

HuffPost: Rechtsextremistische Gewalt war in den vergangenen Monaten sehr präsent, zuletzt in Zusammenhang mit Pegida. Linksextremismus rückte hingegen aus dem Fokus.
Gysi: Es ist noch nicht so lange her, da war die Einseitigkeit umgekehrt. Jetzt hat es sich ein bisschen verschoben, das stimmt. Das liegt auch an der europäischen Entwicklung, an Rechtspopulisten wie der Französin Marine Le Pen.

HuffPost: Schenken wir Linksextremismus zu wenig Aufmerksamkeit?
Gysi: Nein. Eher zu viel. Denken wir mal an den NSU. Zehn Morde, ohne es zu merken. Das funktioniert nur beim Rechtsextremismus. Linke Gruppen werden viel genauer überwacht.

Teil 2 und 3 des exklusiven Interviews mit Gregor Gysi lesen Sie am Sonntag und Montag.


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