POLITIK
03/03/2015 14:57 CET | Aktualisiert 03/03/2015 17:20 CET

Sind Frauen selbst schuld an einer Vergewaltigung? Einer Umfrage zufolge schon

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Eine Frau fordert in Indien die Todesstrafe für Vergewaltiger

Was Jyoti Singh am 16. Dezember 2012 widerfahren ist, ist zu barbarisch, um es im Detail zu erzählen.

Die geglättete Version ist: Die 23-jährige Medizinstudentin und ein Freund gehen ins Kino und nehmen gegen halb neun am Abend einen Bus, es ist eigentlich ein Schulbus, aber der Fahrer sagt, sie könnten einsteigen. Im Bus schlagen Männer den Begleiter Jyoti Singhs zusammen und vergewaltigen und foltern die junge Frau mit einer Eisenstange, „bis nichts mehr in ihrem Inneren dort war, wo es hingehörte“, wie es die „Süddeutsche Zeitung“ formulierte. Die Täter werfen beide aus dem Bus und versuchen, die Frau zu überfahren. Sie stirbt knapp zwei Wochen später im Krankenhaus.

Landesweite Umfrage ernüchtert

Es war dieses Verbrechen, das Abertausende Menschen in Indien aufgerüttelt hatte. Und damit auch – Teile von - Regierung und Justiz. Ein halbes Jahr später kippte ein Gericht die Praxis, dass Vergewaltiger weniger Strafe bekommen, wenn sie dem Opfer anbieten, es zu heiraten.

Aber die Erkenntnis, dass Frauen keine Gegenstände sind, an denen man nach belieben seine Perversitäten ausleben kann, hat längst nicht die ganze Gesellschaft erfasst.

Eine landesweite Umfrage der Nichtregierungsorganisation Children's Movement for Civic Awareness (CMCA) unter mehr als als 10.500 Schüler der neunten Klasse und des ersten College-Jahrgangs enthüllte Mitte Januar, wie wenig sich sogar unter jungen, gebildeten Menschen getan hat.

Frauen müssen Gewalt akzeptieren

Von den College-Studenten fanden demnach mehr als 40 Prozent, dass Frauen keine andere Wahl hätten als ein gewisses Maß an Gewalt zu akzeptieren. Diese Antwort kann man noch als nüchterne Realitätsbeschreibung werten.

Die nächste Antwort aber lässt keinen Interpretationsspielraum. Unter den männlichen College-Studenten fanden fast 60 Prozent, dass Frauen sich so kleideten und verhielten, dass sie gewaltsame Reaktionen von Männern provozierten. Unter den Studentinnen stimmten der Aussage 55 Prozent zu. Mit anderen Worten: Die Frauen sind doch selbst schuld.

Etwas mehr als die Hälfte der Befragten fand, Frauen sollten sich vor allem um Haushalt und Kinder kümmern.

"Frauen sind eher schuld als Männer"

Die Umfrage bestätigt die Antwort, die die ritische Filmemacherin Leslee Udwin auf ihre Frage „Warum vergewaltigen Männer?“ gefunden hatte. Es sei die Gesellschaft, sagte sie. Die Frauenverachtung im ganzen Land.

Sie hatte sich dem Thema unter anderem mit Interviews mit Vergewaltigern genähert und unter anderem mit dem Busfahrer gesprochen, der in jener Nacht im Dezember 2012 am Steuer saß, als Jyoti Singh ihr tödliches Maryrium erlebte. Der Busfahrer etwa fand, dass Frauen eben nicht so spät draußen herumlaufen sollten. Sondern zu Hause für Kinder und Mann sorgen. Einer der Anwälte der in dem Fall veurteilten Verbrecher verbreitet, er würde seine Schwester oder Tochter anzünden, wenn sie vergewaltigt werden sollte.

Und selbst Politiker schrecken nicht vor solcher Menschenverachtung zurück. Vergewaltigung sei „ein soziales Verbrechen, das von Männern und Frauen abhängt", sagte hatte der Innenminister des Bundesstaats Madhya Pradesh, Babulal Gaur, vor einem Jahr kundgetan. "Manchmal ist es richtig, manchmal ist es falsch."

Einer Statistik nach wird in Indien alle 21 Minuten eine Frau vergewaltigt. Mindestens. Denn das ist nur die offizielle Angabe der Regierung. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen.

Frauen gelten als Belastung, sie zu verheiraten, kostet die Familien. Viele lassen es lieber erst gar nicht so weit kommen. Mehr als 50 Millionen Frauen sollen laut „SZ“ innerhalb von drei Generationen in Indien ermordet worden sein, eine Million weibliche Föten werde pro Jahr abgetrieben. Die Sterblichkeit unter Mädchen bis zum Alter von fünf Jahren liege 75 Prozent höher als die der Jungen.

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