POLITIK
01/03/2015 14:52 CET | Aktualisiert 01/03/2015 19:32 CET

Vergewaltigung: "Frau trägt mehr Schuld als der Mann"

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Nach der bestialischen Vergewaltigung einer Studentin protestierten in Neu Delhi die Menschen gegen die Vergewaltigungsgesetze

Mukesh Singh ist der Mann, der den Bus an jenem Abend gefahren hat. Dem Abend des 16 Dezember 2012, als die Medizinstudentin Jyoti Singh mit gegen halb neun mit einem Freund in den Bus stieg. Und unter dessen Augen so brutal vergewaltigt wurde, dass sie starb.

Es war jener Abend, der Vergewaltigungen Indien zum Thema machte, im Land selbst und weltweit.

Die britische Filmemacherin Leslee Udwin hat jenem Abend in einer Dokumentation mit dem Titel „India’s Daughter“ („Indiens Tochter“) nachgespürt, der am kommenden Sonntag, 8. März, zum ersten Mal ausgestrahlt wird.

"Warum vergewaltigen Männer?"

Udwin sagte laut „Guardian“, dass sie habe erfahren wollen: „Warum vergewaltigen Männer?“

Sie hat ihre Antwort gefunden.

Udwin hat dazu unter anderem viele Stunden lang mit den Männern gesprochen, die für dieses Verbrechen verantwortlich sind: Fünf Männer und ein 17-Jähriger hatten Jyotis Bekannten zusammengeschlagen und sich dann an Jyoti unter anderem mit einer Eisenstange so brutal vergangen, dass sie ihre inneren Verletzungen nicht überlebte. Die Männer hatten beide Opfer nach der Tat aus dem Bus geworfen.

Was die Täter Udwin sagte, wies weit über die Bestialität hinaus, mit der sie das Leben der jungen Frau zerstörten, die eben erst ihre letzten Examen hinter sich gebracht hatte und bald als Ärztin arbeiten wollte. Die an jenem Abend nur einen Kinofilm sehen wollte und dann in jenen Bus stieg.

Mukesh Singh sagte, er habe den Bus während der Tat gesteuert, habe sich selbst aber nicht daran beteiligt. Aber leid, das hört man, tut es ihm nicht:

"Frauen sollen sich um den Haushalt kümmern"

Wie die BBC vorab berichtet, sagte Singh, Frauen seien an Vergewaltigungen eher schuld als Männer. Sie sollten nicht spät nach 21 Uhr unterwegs sein und auch nicht in Diskos oder Bars gehen und „falsche“ Kleidung tragen – sondern sich um Haushalt und Kinder kümmern.

Singh ist zum Tod verurteilt worden, ebenso die vier anderen Erwachsenen, von denen einer – Singhs Bruder – inzwischen erhängt in seiner Zelle gefunden wurde. Die Vollstreckung der Todesstrafe ist derzeit ausgesetzt.

Dass er und die anderen Täter gehängt werden sollen, sieht er nicht als Abschreckung für Nachahmer, sondern als noch größere Gefahr für die Opfer. Denn künftig würden die Vergewaltiger die Frauen nicht am Leben lassen, sondern ihre Opfer gleich umbringen, damit sie sie nicht anzeigen könnten.

Singh kommt aus einem Slum, doch seine Einstellung scheint sich auch in sogenannten gehobenen Kreisen verbreitet zu sein: Ebenfalls befragt wurden für die Dokumentation zwei der Anwälte der Verteidiger.

Einer von ihnen hatte bereits früher gesagt: „Wenn meine Tochter oder Schwester in voreheliche Aktivitäten verwickelt wäre, sich selbst Schande machen würde und sich gestattete, ihr Gesicht und ihren Charakter durch solche Dinge zu verlieren, würde ich diese Sorte Schwester oder Tochter höchstwahrscheinlich vor meinem Bauernhof und vor meiner ganzen Familie mit Benzin übergießen und anzünden.“ Und dazu stehe er heute noch.

"In unserer Kultur ist kein Platz für eine Frau"

Ein anderer Anwalt sagte: „Wir haben die beste Kultur. In unserer Kultur ist kein Platz für eine Frau.“

Das ist die Antwort, die Udwin gefunden hat. „Es sind nicht ein paar faule Äpfel, es ist die Apfelkiste selbst, die faul ist“, zitiert sie der „Guardian“. Es ist die Gesellschaft, in der Frauen nichts zählen.

Doch die beginnt sich zu wandeln.

Die Vergewaltigungen in Indien sind auch nach jenem Dezemberabend weitergegangen. Und weiter weigern sich Polizisten, vergewaltigten Frauen zu helfen. Und weiter würden Männer missbrauchte Frauen und Töchter am liebsten verbrennen.

Die Gesellschaft beginnt sich zu wandeln

Aber nach jenem Dezember ist eine Diskussion in Gang gekommen. Abertausende gingen auf die Straße um zu zeigen: „Es reicht“. „Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals ein anderes Land mit solcher Überzeugung und für Frauenrechte aufgestanden wäre“, sagt Udwin. Deshalb habe sie auch die Strapazen auf sich genommen, den Film zu drehen. Er wird am kommenden Sonntag ausgestrahlt – dem Weltfrauentag.

Einen kleinen Ausschnitt können Sie bereits hier (in englischer Sprache) sehen:

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