POLITIK
02/03/2015 03:24 CET | Aktualisiert 02/03/2015 12:00 CET

Jauch zeigt unfassbare Fälle von Mindestlohnschummel - und traut sich nicht, die wichtigste Frage zu stellen

ARD
Günther Jauch verfehlte das Thema Mindestlohn völlig

Worüber man beim Mindestlohn reden sollte: dass wir alle dafür zahlen müssen, dass es den Menschen in diesem Land gut geht.

Geiz ist nicht geil, sondern eine Form von Geringschätzung. Doch darüber wurde am Sonntagabend bei Günther Jauch nicht gesprochen.

Wie sehr Jauch das Thema „Mindestlohn“ verfehlte, konnte man an den tausend Eigentlichkeiten sehen, mit denen er sich herumzuschlagen hatte.

Denn es war allzu offensichtlich, dass einige Diskutanten das Gesamtpaket gerne noch einmal aufgeschnürt hätten. Eigentlich hat die Union dafür gestimmt. Eigentlich waren auch die Arbeitgeber in die Verhandlungen mit eingebunden. Und eigentlich haben auch ehrliche Unternehmer nichts dagegen, dass ihre Mitarbeiter einen menschenwürdigen Lohn bekommen. Die Sendung bei Günther Jauch war am Abend voll von Sätzen, die mit relativierenden Einführungsfloskeln angefangen haben. Einzig sicher war das Wort „Aber“, das stets danach kam.

Zuschläge weg - wegen Mindestlohn?

Das war schon in den ersten Minuten zu beobachten. Eine Dienstleisterin, die sagt, dass sie für den Mindestlohn ist, muss sich anwaltlich mit ihrem Chef auseinandersetzen, der ihr die Zuschläge kürzen und das Weihnachtsgeld eindampfen will.

Und ein graumelierter Zeitungsausträger bekommt von seinem Arbeitgeber gesagt, dass er seine Tour nun in weniger als einer Stunde statt in 94 Minuten machen soll. „Fliegen kann ich nicht“, sagt er nüchtern. Und natürlich hat der Mann Recht. Eigentlich hätte Jauch mit diesen Statements eine spannende Sendung bestreiten können. Aber: Er tat es nicht.

Denn was folgte, war ein mittelmäßiges Geplänkel, dessen Agenda von den Interessenvertretungen der Wirtschaft gesetzt wurde. Gut eine Viertelstunde stritten die Diskutanten um ein angebliches Mehr an Bürokratie und bissen sich daran fest, dass nunmehr die genauen Arbeitszeiten gemeldet werden müssen.

Natürlich ist das ein Aufwand. Aber einer von der Sorte, den verantwortungsvolle Chefs ohnehin betreiben sollten – wie der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow richtig anmerkte.

Ilse Aigner sträubt sich gegen Selbstverständlichkeiten

Es wirkte bisweilen absurd, mit welcher Inbrunst sich vor allem die ehemalige Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner gegen solche Selbstverständlichkeiten sträubte. Man fragt sich bisweilen, wie das früher bei Frau Aigner in der Firma gelaufen ist: Hat da der Chef am Ende des Monats für seine Mitarbeiter entschieden, wie viel malocht wurde? Oder haben da die Angestellten ihrem Boss eine flott kalkulierte Arbeitsstundenaufstellung vorgelegt?

Sozialministerin Andrea Nahles gab schon zu Beginn zu, dass ihr Gesetz nicht perfekt sei. Was erfrischend ehrlich war. Sie verzettelte sich jedoch auch im allgemeinen Kleinklein.

Stumm blieben da die Dienstleisterin und der Zeitungsausträger. Und damit blieb die wichtigste Geschichte unvollendet. Es gibt tausend widerliche Mittel, mit denen Unternehmen derzeit versuchen, das Mindestlohngesetz auszuhebeln.

Dass Schlachter "Messergeld" zahlen müssen, ist ein Skandal

Einige Schlachter müssen beispielsweise 100 Euro Messergeld im Monat zahlen, wie kurz erwähnt wurde. Ein unfassbarer Skandal, der damit unter den Tisch fiel: Dass Unternehmer ihre von der Steuer absetzbaren Produktionsmittel von denen abstottern lassen, die sich täglich mit schwerer körperlicher Arbeit für den Unternehmensgewinn engagieren. Und man hätte gern von Frau Aigner gehört, ob sie auch gedenkt, für die Schrammen im Parkett zu bezahlen, wenn sie demnächst im bayerischen Landtag zum Pult schlurft.

Natürlich ist der Mindestlohn unbequem. Vor allem für jene Arbeitgeber, die besonders in Ostdeutschland Stundenlöhne gezahlt haben, für die man sich beim Bäcker kaum ein Laib Brot leisten kann.

Folgen für die Rente

Ja, und vielleicht ist es auch so, dass dadurch Dienstleistungen teurer werden. Aber dann werden sie eben teurer. Weil wir alle uns dieses Lohnniveau auf Dauer nicht leisten können, ohne das soziale Abdriften ganzer Gesellschaftsschichten zu riskieren.

Eine Studie der Uni Duisburg-Essen hatte Ende 2014 ergeben, dass 31,6 Beitragsjahre bei einem monatlichen Bruttolohn von 2900 Euro im Jahr 2030 gerade einmal für eine Rente in Höhe der Grundsicherung reichen werden – 690 Euro.

Der Mindestlohn von 8,50 Euro bringt Arbeitnehmern einen Monatslohn von etwa 1.450 Euro. Mit diesem Gehalt müsste man im Jahr 2030 utopische 63,2 Jahre eingezahlt haben, um nicht unter das Niveau von „Rentner-Hartz“ zu rutschen.

Und Frau Aigner fällt wirklich nichts anderes ein, als über Stundenzettel zu jammern?

Lesen Sie auch: Mindestlohn: Ihr Chef zahlt nicht? Wenn Sie mutig sind, reagieren Sie so

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