POLITIK
02/03/2015 05:41 CET | Aktualisiert 02/03/2015 07:32 CET

Boris Nemzow: Drei Theorien zu seiner Ermordung - und was für und gegen sie spricht

Getty
Trauernde gestern in Moskau

Russland reagiert erschüttert auf den Mord an dem Oppositionspolitiker Boris Nemzow.

Die Fahndung nach dem Schützen, für dessen Ergreifung die Behörden eine Belohnung von drei Millionen Rubel (rund 45 000 Euro) aussetzten, verlief bisher ergebnislos. Der Kreml geht von einem Auftragsmord aus. Die Hintergründe der Tat waren auch am Sonntag unklar. Nach Angaben der Ermittler feuerte der Täter aus einer Makarow-Pistole mehrere Schüsse ab. Die vier Schüsse, die Nemzow gegen 23.30 Uhr trafen, seien alle tödlich gewesen, hieß es.

Wer war es? Die drei gängigsten Theorien zur Ermordung Boris Nemzows - und war für und gegen sie spricht.

1. Putin und sein Geheimdienst waren es

Das spricht dafür: Nemzow war einer der stärksten politischen Gegner Wladmimir Putins. Nur wenige Stunden vor seiner Ermordung hatte er seine scharfe Kritik an dem Kremlchef bekräftigt. "Der gewichtigste Grund der Krise ist, dass Putin eine sinnlos aggressive, für unser Land und für viele Bürger tödliche Politik des Krieges gegen die Ukraine begonnen hat", sagte er dem regierungskritischen Sender Echo Moskwy.

Zudem passt das Attentat in die politische Tradition des Landes, Gegner durch Morde zu beseitigen: 1998 wurde die Politikerin Galina Starowoitowa ermordet, 2006 wurden die Journalistin Anna Politikowskaja in Moskau erschossen. Im gleichen Jahr wurde der ehemalige KGB-Mann Alexander Litwinenko mit Polonium vergiftet. Die Menschenrechtsaktivistin Natalia Estemirowa wurde 2009 erschossen. Der russische Oligarch Boris Beresowski wurde 2013 tot in seinem Haus bei London aufgefunden.

Das spricht dagegen: Nemzow war keine Gefahr für Putin. Er war ein Gegner - aber einer, den Putin unter Kontrolle hatte. Sein Tod macht die Situation für Putin eher schwerer, nicht einfacher. Nun könnte der ermordete Politiker zur Märtyrer-Figur werden – und unter Umständen viel beliebter als zu Lebzeiten. Daher distanzierte sich Putin auch rasch von dem Attentat und würdigte in einem Beileidstelegramm an die Mutter von Nemzow die Verdienste des früheren Regierungsmitgliedes. "Es wird alles getan, damit die Organisatoren und Täter dieses hässlichen und zynischen Mordes ihrer verdienten Strafe zugeführt werden", schrieb Putin nach Kreml am Samstag. Auch die Trauerkundgebung für den Ermordeten wurde von den Behörden nicht behindert.

2. Westliche Geheimdienste waren es

Das spricht dafür: Nach dem Attentat streute der tschetschenische Präsident und Putin-Untertützer Kadyrow diese Theorie: Westliche Geheimdienste hätten den Mord durchgeführt, um Russland zu destabilisieren. Auch Putin macht ähnliche Äußerungen: Einer seiner Sprecher sagte, die Tat sei eine „Provokation“ gewesen. Soll heißen: Jemand im Ausland möchte, dass der Mord Empörung und Proteste auslöst, die das Land in Chaos stürzen und zum Sturz der Regierung führen.

Das spricht dagegen: Ziemlich viel: Der Westen hat zwar Interesse daran, dass Wladimir Putin von der Regierung abtritt - aber durch eine Wahl oder einen friedlichen Umsturz, der eine pro-westliche Führung an die Macht bringt. Nicht durch einen Umsturz.

3. Es war ein Eifersuchtsdrama

Das spricht dafür: Kurz nach der Ermordung streuten kremltreue Medien die Theorie, dass Nemzow von einem eifersüchtigen Liebhaber seiner Freundin oder sogar in ihrem Auftrag ermordet wurde. Die Geliebte habe ein Kind von ihm erwartet – sie habe aber abtreiben müssen. Deswegen sei der Täter ein eifersüchtiger Mann. Nemzows Freundin, das ukrainische Model Anna Durizkaja, hatte tatsächlich ein Kind von ihm erwartet und im Jahr 2013 abgetrieben. Das bestätigte ihre Mutter gegenüber der britischen Zeitung "Daily Mail": "Ja, ich wusste es. Aber ich habe weder mit ihr noch mit ihm deswegen gestritten." Durizkaja wurde daher nach der Tat stundenlang von der Polizei verhört.

Das spricht dagegen: Bisher weißen alle Hinweise vom Tatort darauf hin, dass es ein Auftragsmord von einem professionellen Täter war: Die Tat wurde präzise ausgeführt, alle Schüsse waren tödlich. Das spricht gegen eine Kurzschlusshandlung. Freunde sind besorgt über die Verdächtigungen gegen Durizkaja. Einer von ihnen sagte der "Daily Mail": "Sie ist das Opfer von fürchterlichen Unterstellungen, während sie trauert. Es sieht aus wie eine Hetzkampagne."

Der Sarg Nemzows wird im Sacharow-Menschenrechtszentrum aufgebahrt, wo die Menschen nach orthodoxem Brauch Abschied nehmen können. Am Dienstag ist die Beisetzung auf dem Prominentenfriedhof Trojekurowo geplant.

Mit Material der dpa

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