Danke, Pegida! Was uns die Rechtspopulisten gelehrt haben

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PEGIDA
Danke, Pegida! Die Rechtspopulisten haben uns gezeigt, wie hässlich Deutschland sein kann | dpa
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Bei der Dresdner Polizei dürfte es heute Champagner gegeben haben: Mit dem Rücktritt der Mitorganisatorin Kathrin Oertel und so gut wie allen anderen prominenten Vorstandsmitgliedern ist Pegida e.V. mausetot. Lange wird es nicht mehr dauern, bis der ständige Ausnahmezustand beendet ist. Die Demonstration am kommenden Montag ist abgesagt, wie es danach weitergeht, bleibt ungewiss.

Bald schon könnte wieder Ruhe in Dresden und anderswo herrschen.

Aber genau das ist die schlechte Nachricht. Denn eigentlich kann uns nichts Schlimmeres passieren, als dass wir nun einfach wieder zur Tagesordnung übergehen.

Pegida konnte vielleicht nur in Dresden groß werden. Aber der stetig wachsende Islam- und Fremdenhass ist ein gesamtdeutsches Problem. Gerade deshalb wurde in den vergangenen Wochen auch so leidenschaftlich darüber diskutiert.

Islamhass ist überall

Laut einer jüngst veröffentlichten Bertelsmann-Studie halten 57 Prozent der Deutschen „den Islam“ für eine „Gefahr“. In dieser von einer Mehrheit der Biodeutschen vertretenen Position steckt eine pauschale Vorverurteilung von mehr als vier Millionen Muslimen, die in der Bundesrepublik leben. Dabei handelt es sich um eine offensichtliche Denkverweigerung: Diese furchtvollen Deutschen können offenbar nicht zwischen Islam, gelebtem Islam und Islamismus unterscheiden. Ein solches Pauschalurteil stellt eine Bankrotterklärung in Sachen Differenzierungsfähigkeit dar.

Wer glaubt, dass „der Islam“ eine „Gefahr“ ist, denkt fremdenfeindlich. Und wer gegen eine „Islamisierung des Abendlandes“ im weitgehend ausländerfreien Sachsen protestiert, hat entweder zu lange am Thilo-Sarrazin-Regal in der Buchhandlung geschnüffelt oder verfügt über das politische Gespür eines Feldhamsters.

Denn egal wie sehr man auch mit dem „System“ im Clinch liegt: Wer hinter einem Banner marschiert, in dem der Protest gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ beschworen wird, der demonstriert nun einmal auch dagegen.

Pegida hat Fremdenfeindlichkeit sichtbar gemacht

Nun war die Islamhasserszene in Deutschland über Jahre hinweg recht diffus. Wer dahinter steckt und was diese Leute tatsächlich umtreibt, war nur den wenigsten wirklich bewusst.

Seit Pegida jedoch wissen wir, welches Gesicht die neue Fremdenfeindlichkeit hat.

Eine Untersuchung der TU Dresden hatte jüngst ergeben, dass der Islamhass im Jahr 2015 eben nicht mehr nur von Glatzköpfen in Springerstiefeln ausgeht. Die meisten Pegida-Demonstranten sind männlich, mittleren Alters und stammen aus der Mittelschicht.

Einen spannenden Einblick liefert auch die Seite pegida-mag-dich.de, wo Unbekannte mit einem Auswertungsprogramm die öffentlich zugängliches Facebook-Likes der Pegida-Anhänger analysiert haben.

Pegida Fans mögen Mario Barth und Daniela Katzenberger

Natürlich ist das nicht bis in den Zehntelprozentbereich präzise, weil es auch Menschen gibt, die der Pegida-Seite aus Interesse folgen, und nicht weil sie Anhänger der Bewegung sind. In ihrer Proportion jedoch dürften die Ergebnisse ein realistisches Bild abgeben.

So kommen offenbar viele Pegida-Fans aus den Reihen der Bundeswehr. Soldaten sind nach den Selbstständigen die zweitgrößte Berufsgruppe unter den Facebook-Fans von Pegida.

Viele Pegida-Fans stehen auf deutsche Comedy. Mario Barth ist sehr populär, dicht gefolgt von Dieter Nuhr und dem in Westdeutschland weitgehend unbekannten sachsen-anhaltinischen Duo „Elsterglanz“. Auch die Seite von „Heute Show“-Star Olaf Schubert wird von mehr als tausend Pegida-Anhängern gemocht.

Unter den Schauspielern sind Action-Stars wie Jason Statham und Vin Diesel beliebt. Aber auch Daniela Katzenberger hat einen Platz unter den Top 30 der beliebtesten Pegida-Seiten sicher.

Die Finsternis deutscher Wohnzimmer

Auffällig: Es finden sich fast keine weiblichen Stars in der Liste, keine Schwarzen, keine Asiaten, keine Latinos, generell keine internationalen Musiker. Noch nicht einmal Jennifer Lopez oder Shakira. Liest man sich durch den Almanach des Pegida-Geschmacks, bekommt man eine Ahnung davon, wie die deutsche Kulturszene aussehen würde, wenn sich Heinz-Rudolf Kunze einst mit seiner „Deutschquote“ fürs Radio durchgesetzt und die Fernsehmacher gleich mit angesteckt hätte.

Es ist ein Deutschland, das nach Kordsesselabenden müffelt. Mit Menschen, die eine Opelclub-Mentalität im Kopf und eine Zehnerkarte fürs Fitnessstudio in der Tasche haben.

Wir dürfen Pegida dankbar sein, dass die neue Fremdenfeindlichkeit endlich aus der Finsternis deutscher Wohnzimmer herausgekommen ist. Und genau dahin darf sie nicht wieder verschwinden.

Was Pegida übrigens ebenfalls geschafft hat: Zehntausende sind zum ersten Mal in ihrem Leben für ein politisches Anliegen demonstrieren gegangen. Der offen sichtbare Fremdenhass war für viele ein Weckruf. Mit ein bisschen Glück werden wir in einigen Jahren sagen können, dass Anfang 2015 die politische Gleichgültigkeit in Deutschland ein Ende hatte. Weil die Menschen begriffen haben, was alles auf dem Spiel steht, wenn Fremdenfeinde unter lautem Applaus von vielen Millionen Deutschen marschieren.